Streit um "Bayreuther Erklärung" : Bei Dauerstellen müssen Unis genau hingucken

Im Streit um Arbeitsbedingungen an Unis könnten gezielte Dauerstellenkonzepte für wissenschaftliche Mitarbeiter helfen. Ein Debattenbeitrag.

Oliver Günther
Wer als Postdoc nach Auslaufen der Befristung eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, sollte sich auf eine Tenure-Track-Juniorprofessuren bewerben. meint Oliver Günther.
Wer als Postdoc nach Auslaufen der Befristung eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, sollte sich auf eine...Foto: picture alliance / Waltraud Grub

Mit markigen Worten attackieren Cornelius Richter und Georg Weizsäcker in ihrer Tagesspiegel-Position vom 16. Oktober die zugegebenermaßen etwas sperrig formulierte „Bayreuther Erklärung“ der deutschen Universitätskanzlerinnen und –kanzler. Eine Lösung des Dilemmas wird von den beiden Autoren aber nicht vorgelegt. Insbesondere die Gretchenfrage, welcher Anteil der Stellen für akademische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denn nun unbefristet besetzt werden soll, bleibt unbeantwortet.

Den Kanzlern ging es in erster Linie darum klarzustellen, dass befristete Arbeitsverhältnisse im sogenannten akademischen Mittelbau ein essenzielles Konstrukt sind. Denn selbst die Gewerkschaften fordern keine Dauerstellen für Doktorandinnen und Doktoranden.

Das verstehen viele außerhalb der Hochschulen nicht. Es erfolgt aber aus gutem Grund: In einem so frühen Stadium kann man die Eignung einer Person für eine wissenschaftliche Laufbahn im Regelfall noch nicht feststellen. Und da im öffentlichen Sektor Kündigungen praktisch unmöglich sind, nutzt man die Befristung für Qualifikationsstellen, um die Besetzung von Stellen mit letztlich ungeeigneten Personen zu verhindern.

Abgesehen davon sind – jedenfalls in Deutschland – viele Doktorandinnen und Doktoranden auf lange Sicht nicht primär an einer wissenschaftlichen Laufbahn interessiert.

Befristete Stellen sind Stipendien klar vorzuziehen

All dies wird von den beiden Autoren wohl ebenso gesehen. Auch einige andere Punkte scheinen unstrittig. Zum einen sind für Doktoranden und erst recht für Postdocs befristete Stellen, das heißt Arbeitsverhältnisse mit Sozialversicherung, gegenüber Stipendien klar zu bevorzugen. Zum anderen gibt es daneben einen unbefristeten Mittelbau für dauerhaft anstehende Aufgaben. Dieser sollte im Regelfall nicht einzelnen Professuren zugewiesen werden, sondern der Fakultät oder dem Institut – oder den von Richter und Weizsäcker geforderten Departments.

Bleibt aber die Gretchenfrage: Welcher Anteil der Mittelbaustellen soll unbefristet besetzt werden können? Um diese Frage darf man sich nicht herumdrücken. Man muss sie fachspezifisch beantworten, aktenkundig machen und die Stellen dann entsprechend besetzen. Wohl wissend, dass jede „Dauerstelle“ eine langfristige Verpflichtung impliziert. Da die eingestellten Wissenschaftler ihre Stelle analog zu Professoren auf Dauer innehaben, steht sie als Qualifikationsstelle für zukünftige Doktoranden und Postdocs natürlich nicht mehr zur Verfügung. Die Kunst besteht nun darin, die „richtige“ Balance zwischen befristet und unbefristet besetzbaren Mittelbaustellen zu finden.

Der Autor: Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam.
Der Autor: Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam.Foto: PNN / Ottmar Winter

An der Universität Potsdam haben wir genau das mit den „Dauerstellenkonzepten“ der Fakultäten umgesetzt. In diesen Konzepten wird festgehalten, wie viele Dauerstellen es im akademischen Mittelbau gibt sowie welche Aufgaben und Lehrdeputate mit diesen Stellen verbunden sind.

Die Uni Potsdam hat ein "Dauerstellenkonzept" eingeführt

Dabei gibt es zwischen den Fächern große Unterschiede. Während der Dauerstellenanteil in den Rechtswissenschaften bei gerade einmal 14 Prozent liegt, sind in der Philosophischen Fakultät über 37 Prozent der Mittelbaustellen unbefristet besetzbar. Auch bei den Lehrdeputaten ist die Spannweite beträchtlich – abhängig von den der jeweiligen Stelle zugewiesenen Aufgaben variiert sie zwischen 4 und 24 Semesterwochenstunden. Wobei die vorgesehene Aufteilung der Arbeitszeit zwischen Forschung, Lehre und Verwaltung vor dem Hintergrund der historisch gewachsenen Gewohnheiten nicht immer einfach festzulegen war.

Wer als Postdoc nach Auslaufen der Befristung eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, sollte sich auf eine der zunehmend angebotenen Tenure-Track-Juniorprofessuren bewerben. Diese Stellen, mit denen endlich das international längst übliche Laufbahnsystem für junge Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer auch in Deutschland umgesetzt wird, sind der Königsweg zu einer Professur auf Lebenszeit, und das ist gut so.

Die Übernahmewahrscheinlichkeit ist überschaubar

Die Wahrscheinlichkeit, als Doktorand oder Postdoc an der gleichen Hochschule auf eine unbefristete Mittelbaustelle übernommen zu werden, ist hingegen auch in Fächern mit hohem Dauerstellenanteil überschaubar. Selbst wenn ein Drittel der Mittelbaustellen unbefristet besetzt wird, liegt die Übernahmewahrscheinlichkeit bei deutlich unter 10 Prozent, da die Verweildauer auf den unbefristeten Stellen 30 Jahre und mehr beträgt.

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Dies ist systemimmanent. Denn die Universitäten bilden auf ihren Qualifikationsstellen eben nicht nur für die wissenschaftliche Laufbahn aus. Sondern auch für Laufbahnen in der Wirtschaft, in öffentlichen Einrichtungen, in der Kultur, in der Politik – Laufbahnen, in denen ein wissenschaftlicher Hintergrund, wie er sich eben auch in einer erfolgreich abgeschlossenen Promotion widerspiegelt, von hohem gesellschaftlichem und persönlichen Nutzen ist. Deutschland ist mit dieser Ausrichtung bisher nicht schlecht gefahren.

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