Studierendenproteste im Iran : Gegen die Moralpolizei auf dem Campus

Widerstand an Universitäten: Im Iran kommt es immer wieder zu Studierendenprotesten – etwa gegen strengere Kleidervorschriften für Frauen.

Ramesh Kiani
Eine Frage der Kleidung. Studierende auf dem Campus der Universität Teheran, hier ein Archivbild von 2015.
Eine Frage der Kleidung. Studierende auf dem Campus der Universität Teheran, hier ein Archivbild von 2015.Foto: imago/photothek

„Studentinnen eine besondere Kleidung aufzuzwingen – das ist ein Angriff auf ihre Privatsphäre und verletzt ihre und unsere Menschenrechte. Das werden wir alle anfechten!“ Der junge Mann mit Vollbart kämpft für Frauenrechte. Er ist ein Studentenvertreter an der Universität Teheran im Iran und protestiert mit Hunderten Demonstranten gegen die kürzlich verschärften Kleidungsvorschriften für Studentinnen. Er hält eine ernste Rede hinter dem Mikrofon vor der Menge, trägt aber lockere Alltagskleidung, weißes T-Shirt, beige Hose. Ein Stellvertreter der kritisierten Universitätsverwaltung beobachtet das Geschehen.

Zu sehen ist die Szene auf einem Video auf Youtube, die Proteste geschahen im Mai. Zum Fastenmonat Ramadan hatte die Universität Teheran strengere Vorschriften für Frauenkleidung erlassen. Die Studentinnen mussten zum Beispiel große weite Hijabs tragen, ihre Haare mehr als bisher bedecken, längere Mäntel tragen. Bunte Stoffe waren plötzlich für Kleidungsstücke verboten. Andernfalls durften Frauen den Campus nicht mehr betreten, ihr Studentenausweis wurde ihnen abgenommen.

Schon kurz nach der Verschärfung fand ein erster friedlicher Protest an der Uni statt. Es kam dabei zu einer Auseinandersetzung mit der privaten Basidsch-Miliz, die den Revolutionsgarden nahesteht. Die Studierenden hatten schließlich Erfolg: Die Regeln wurden zunächst zurückgenommen. Die Proteste sind ein Beispiel dafür, wie sich an den Hochschulen– oft unbemerkt vom Ausland – Widerstände im Iran formieren. Erst vor Kurzem protestierten an einer weiteren Universität in Teheran Studierende: diesmal unter der Parole „Nein zum Krieg, nein zu Sanktionen, nein zum Autoritarismus“. Sie erklärten, dass sie unter „internen und externen Unterdrückern“ leiden und sich niemandem beugen wollen.

Die 21-jährige Philosophiestudentin Shabnam, deren Name aus Sicherheitsgründen geändert ist, nahm an den Kundgebungen gegen die Kleiderordnung teil. „Unsere bisherige Kleidung entsprach bereits den allgemeinen Gesetzen der Regierung, wie zum Beispiel einen Mantel und Kopftuch zu tragen. Dass wir jetzt gezwungen sind, uns noch mehr zu bedecken, ist ein seltener Vorgang. Wir wollen uns nicht mehr einschränken lassen“, sagt sie dem Tagesspiegel.

Die sozialen Medien spielen eine große Rolle

Die sozialen Medien spielen bei den Protesten eine große Rolle, als einzige Möglichkeit, sich unabhängig zu informieren. So auch jetzt: Studierende entdeckten eine Nachricht auf Twitter, dass eine Frau auf dem Campus vom Sicherheitspersonal wegen ihrer Kleidung angemahnt worden sei. „Viele dachten, es sei ein kurzfristiges Phänomen. Aber in den Tagen darauf haben wir immer wieder solche Nachrichten in sozialen Medien gesehen und erlebt, wie die Verwaltung mehr und mehr in unsere Privatsphäre eingreift“, sagt Shabnam.

Eine Gruppe von Studierenden habe sofort eine Versammlung organisiert. Mit einem Hashtag auf Twitter („Nein zur Moralpolizei an der Uni“) seien andere Studenten darauf aufmerksam gemacht worden. „Viele Frauen und Männer aus allen Fakultäten haben ihre Unterstützung erklärt. Wir wollten kategorisch den neuen Regelungen widersprechen. Wir können nicht mehr nur Briefe an Verwaltungen schreiben, ohne eine Antwort zu erhalten“, sagt die Philosophiestudentin.

Distanzierung von den Aktionen einer Exil-Iranerin

Lassen sich die Studierenden auch von Aktionen von Exil-Iranern inspirieren? Seit 2014 kämpft die in New York lebende Aktivistin Masih Alinejad auf Facebook gegen die strengen Vorgaben für Frauen. Unter dem Titel „Meine heimliche Freiheit“ posten dort iranische Frauen regelmäßig ihre Fotos oder kurze Filme ohne Kopftuch. Die Studierende haben sich davon allerdings distanziert. Die Studentin Shabnam findet die Kampagne oberflächlich. „Das sind individuelle Aktionen. Sie missbraucht unsere gesellschaftlichen Widerstände für ihre Zwecke, um ihre eigene Arbeit voranzutreiben.“ Sich zu distanzieren, sei eine gemeinsame Entscheidung der unabhängigen Studierenden.

Bereits zum Tag der Arbeit hatten Arbeiter, Lehrkräfte, Studierende und andere Verbände vor dem iranischen Parlament gegen gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme protestiert. Sie wurden von Sicherheitskräften attackiert, 30 Demonstranten festgenommen. Darunter auch die Journalistin Marzieh Amiri, die über den Protest berichten wollte. Auch sie ist Studentin der Sozialwissenschaften an der Uni Teheran. Beim darauffolgenden Protest auf dem Campus forderten die Studenten auch ihre Freilassung. Vergebens: Amiri sitzt noch immer in Haft.

Am Protest an der Universität nahmen auch viele Männer teil. „Wir hatten sie nicht dazu aufgefordert“, sagt Shabnam. Doch die neuen Beschränkungen seien auch für viele Männer nicht akzeptabel – die Übergriffe der Verwaltung seien daher für sie als mehr als ein Frauenthema.

Früher waren Mäntel lang und dunkel, jetzt kurz und bunt

Die Frauenaktivistin und Journalistin Parvin Ardalan glaubt, dass die verschiedenen kritischen Bewegungen im Iran zunehmend verschmelzen. Sie nennt das eine „gereifte Form der Bewegungskonvergenz“, die sichtbar werde. „Je mehr sich die Grenzen und Anliegen zwischen den Bewegungen verringern, desto lauter und größer werden die Proteste.“

Die Facebook-Kampagnen von Masih Alinejad in den USA sieht Ardalan weniger kritisch. „Sie waren eine Fortsetzung des individuellen Widerstands der Frauen, die jahrelang versuchten, den Schleier zu manipulieren, um den erzwungenen Hijab zu ändern“, sagt Ardalan. Vor Jahren seien Mäntel beispielsweise lang und dunkelfarbig gewesen, heute kurz und bunt. Mussten Frauen ihre Haare früher komplett abdecken, müssen sie das heute nur zum Teil tun. Gleichwohl kann Ardalan die Distanzierung der Studierenden nachvollziehen. Diese wollten zeigen, dass es einen Unterschied zwischen ihrer Bewegung und den Kampagnen gebe, die aus dem Ausland geführt werden. „Ihre Protestkraft ist im Inneren, und sie wollen nicht ausgenutzt werden.“

Aktuell ist es an den Unis ruhiger geworden – es ist Prüfungszeit im Iran, und das Regime nutzt den Konflikt mit den USA dazu, Proteste noch stärker als sonst zu unterdrücken. Trotzdem setzt Ardalan große Hoffnungen in die Studierenden. Diese würden schließlich nicht nur die Universitäten, sondern alle Aspekte der Gesellschaft betrachten – genauso wie es bemerkenswert sei, dass immer mehr Frauen protestieren.

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