Wissenschaft und Religion : Wie vernünftig ist der Glaube?

Birgit Aschmann, Historikerin, HU Berlin:

Im 19. Jahrhundert war der Glaube noch lange das dominierende Orientierungssystem, das dem Menschen half, die Welt und sich selbst zu verstehen. Doch seit der Französischen Revolution war es unter Druck geraten, als der Glaube an Gott durch einen „Kult der Vernunft“ ersetzt werden sollte. Dies war das Präludium einer Auseinandersetzung, die das Jahrhundert prägen sollte. Insbesondere die Katholiken Europas sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, ihr Glaube sei wider die Vernunft. Sie reagierten, indem sie triumphierend auf zahlreiche Wunder verwiesen, aus denen sie die göttliche Bestätigung des Katholizismus herauslasen. Die Polarisierung hatte weitreichende Folgen und ging zu Lasten der vermittelnden Positionen. So kam es nicht zuletzt durch die geistigen und politischen Wirren des 19. Jahrhunderts zur Zentralisierung und antimodernen Festlegung der römisch-katholischen Kirche, die gerade diejenigen Katholiken vor den Kopf stieß, die sich um Brücken zur zeitgenössischen Lebenswelt bemühten. Erst das 2. Vatikanische Konzil schlug einen anderen Weg ein, wobei unklar ist, ob Papst Benedikt XVI. auf diesem wirklich weitergehen möchte.

Der Glaube wird den Menschen so lange vernünftig erscheinen, wie er ihnen plausible Antworten auf ihre zentralen Lebensfragen gibt. Die Rolle der Kirche aber wird davon abhängen, ob sie diese Antworten in unserer pluralen Gesellschaft authentisch vermitteln kann. Gerade Frauen haben da Zweifel.

Teil 6: Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe an der Uni Kassel

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