• Zum Tod des Politikwissenschaftlers Elmar Altvater: Weltbürger des demokratischen Sozialismus

Zum Tod des Politikwissenschaftlers Elmar Altvater : Weltbürger des demokratischen Sozialismus

Der Berliner Politikwissenschaftler Elmar Altvater schuf am Otto-Suhr-Institut der FU die Grundlagen für eine neue Richtung der Kapitalismuskritik. Der Nachruf eines Weggefährten.

Hajo Funke
Der Politikwissenschaftler Elmar Altvater.
Elmar Altvater (1938 - 2018).Foto: Thilo Rückeis

Als wir mit anderen zusammen als junge Studenten Ende der 60er Jahre den Ökonomen Elmar Altvater nach Berlin holten und als Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität mit durchsetzten, war sein erstes Anliegen: mit uns die Arbeiter-Stadtteile Westberlins zu erkunden.

Von sofort an hat er als Lehrer und kritischer politischer Ökonom die soziale Frage mit der Perspektive einer freiheitlich sozialistischen Emanzipation verbunden. Er kannte seine bürgerlichen Ökonomen ebenso wie deren Kritiker, vor allem Karl Marx. Es ist vor allem auch Elmar Altvaters unermüdlichen Impulsen zu verdanken, dass es zu einer Rückbesinnung auf die Kritik der politischen Ökonomie zur Kennzeichnung der ökonomisch politischen Verhältnisse in der Gegenwart kam: dem, was wir Real-Analyse nannten.

Undogmatische kreative Analyse kapitalistischer Krisen

In Auseinandersetzung mit anderen wie Ernest Mandel akzentuierte Altvater die Bedeutung der Geld- und Finanzsphäre und der damit verbundenen Krisen – sehr aktuell, wie wir seit der Lehman-Krise 2008 und ihren Folgen bis heute erneut erfahren haben. Immer stärker und entschiedener weitete Elmar Altvater diese analytischen Perspektiven auf die Naturseite der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse aus und schuf damit Grundlagen für eine ökologisch-kritische Fundierung der Kapitalismuskritik.

Mit seinem profunden Wissen schrieb er Werke zur Analyse kapitalistischer Krisen, der Rolle der Währungen und zu den damals und bis heute beobachtbaren Krisen des Finanzkapitalismus – in den letzten dreißig Jahren mit der Soziologin Birgit Mahnkopf.

Er schaffte es mit anderen, eine undogmatische kreative Analyse kapitalistischer Verhältnisse erneut im Bewusstsein der Studierenden und einer breiten kritischen Öffentlichkeit zu verankern. Eine Perspektive, die für viele heute noch aktueller anmutet als in der Zeit des auch damals labilen Wohlstandswunders der 60er und 70er Jahre.

Im Austausch mit bürgerlichen Ökonomen

Kaum einer war in der Ausdehnung und Umgestaltung des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität zugunsten einer gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Kritik am Zustand westlicher Demokratien einflussreicher als Elmar Altvater. Er betrieb mit großem Erfolg über lange Jahrzehnte Lehre und Forschung am Otto-Suhr-Institut – zusammen mit dem Analytiker der internationalen Politik und Friedensforscher Ulli Albrecht, mit dem Max-Weber-Experten und politischen Theoretiker Wolf-Dieter Narr oder dem Gewerkschafts-Analytiker Bodo Zeuner.

Das, was ihn auszeichnete und glaubwürdig machte, war, dass er diese Kritik empirisch basiert und kenntnisreich im Austausch auch mit den bürgerlichen Ökonomen ebenso wie mit den Gegnern aus liberalen und konservativen Reihen vortrug, so dass er nach anfänglichem fundamentalem Streit von vielen seiner Kolleginnen und Kollegen wie Gesine Schwan oder Gilbert Ziebura respektiert wurde.

Von der Sozialistischen Assistentenstelle über die Grünen zur Linken

Elmar Altvater hat viele hundert Diplomarbeiten und Dissertationen erfolgreich betreut. Er hat die Studierenden zu kompetenten Analytikern gemacht. Wir finden sie in den Medien, in globalisierungskritischen Bewegungen wie Attac, in Gewerkschaften und fortschrittlichen demokratischen Parteien. Ein Beleg seines anhaltenden Einflusses, den er auch bis zuletzt durch eine reiche schriftstellerische Tätigkeit verstetigt und vertieft hat.

Er verband diese Analysen kontinuierlich mit politischem Engagement, zunächst im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, in dem er die allzu spontaneistischen und später vor allem die allzu autoritären maoistischen Tendenzen souverän kritisierte; in der Sozialistischen Assistentenzelle am Otto-Suhr-Institut, einer freiheitlich sozialistischen Gruppe von Assistenten und Professoren; im Sozialistischen Büro in den siebziger Jahren; bei den Grünen, die er wegen eines für ihn zu weitreichenden Pragmatismus kritisierte und 2001 verließ; bis zuletzt in der bis heute einflussreichen Attac und als Mitglied der Partei die Linke.

Gern und mit Erfolg ein Weltreisender

Elmar Altvater war Internationalist: Ihn interessierten die sozialen und politischen Bewegungen des demokratischen Lagers in Italien ebenso wie der Wiederaufbau einer sozial orientierten Demokratie nach den autoritären Diktaturen etwa Brasiliens. Er war in Sachen seiner ökonomisch-politischen Analysen gern und mit Erfolg ein Weltreisender – und Weltbürger einer freiheitlich-sozialistischen wie demokratischen Entwicklung. Als er auf einer seiner Weltreisen, in Vietnam, vor wenigen Jahren eine schwere Erkrankung feststellte, hat er ihr lange auch mit der ihm eigenen „Sturheit“ getrotzt. Er schrieb weiter, bis zuletzt. Elmar Altvater ist am 1. Mai 2018 mit79 Jahren in Berlin an seiner Erkrankung gestorben.
Der Autor ist Professor i.R. für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

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