Theater : „Ich habe Trost gefunden in Laugenbrezeln“

Sie hat fürs Theater Geschichten von Migranten entdeckt – und bekannt gemacht. Shermin Langhoff über Marxismus, Frank Castorf und Plasmafernseher.

Interview: Stefanie Flamm
Shermin Langhoff
Shermin LanghoffFoto: Esra Rotthoff

Frau Langhoff, wenn man die Rezensionen über das Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg liest, drängt sich der Eindruck auf, das Feuilleton habe auf eine Bühne wie Ihre gewartet…

Naja. Als ich vor drei Jahren anfing, wurde das Haus von einer Kritikerin, die selbst auch Theater macht, als „Stadtteilkulturzentrum“ bezeichnet. Das traf den Blick von vielen, und anfangs wurde sehr wenig über uns geschrieben.

Ihr größter Erfolg war das Stück „Verrücktes Blut“, letztes Jahr wurde es zum Theatertreffen eingeladen. Darin zwingt eine Lehrerin ihre Schüler mit vorgehaltener Pistole, Schiller zu spielen. Der „Spiegel“ schrieb: „Hit der Saison“.

So scheint es zu funktionieren. Wenn der große Guru vom „Spiegel“ kommt und sagt „Das ist der heiße Scheiß“, gibt es plötzlich überall gute Kritiken und ganz Zehlendorf rennt uns die Bude ein.

Das klingt, als sei Ihnen das Lob unangenehm?

Ich freue mich, wenn wir ästhetisch wahrgenommen und als kulturpolitisches Modell herumgereicht werden. Das zeigt, es gibt ein großes Bedürfnis nach den Geschichten, die wir erzählen. Für mich zählt, dass wir gutes politisches Theater machen – offenbar ein Angebot, das in Berlin fehlte.

Sie sind mit dem Regisseur Lukas Langhoff verheiratet, dem Enkel des bedeutenden deutschen Theaterregisseurs Wolfgang Langhoff. Was bedeutet Familie für Sie?

Neben meiner kleinen eigenen Familie und den dadurch hinzugewonnenen Menschen ist es vor allem die Familie meiner Mutter, die mich geprägt hat. Meine Großeltern haben mich großgezogen, bis ich im Alter von neun Jahren nach Nürnberg kam. Mit ihren Geschichten bin ich aufgewachsen.

Und wovon erzählten die?

Die Vorfahren meines Großvaters sind Tscherkessen aus Tuapse am Schwarzen Meer, das ist heutiges Süd-Russland. Die Tscherkessen wurden nach langem Widerstand von zaristischen Truppen 1864 bezwungen und dann Opfer eines Genozids. Meine Ururgroßeltern gehörten zu den wenigen, die ins Osmanische Reich deportiert wurden – nur eine halbe von zwei Millionen Tscherkessen überlebte so…

… und ihre Familie erlebte die Gründung des türkischen Staates unter Atatürk mit.

Als kleiner Junge musste mein Großvater erleben, wie erst sein Vater als Soldat in Atatürks Truppen 1915 fiel, und später, wie ihr tscherkessisches Dorf von genau diesen Truppen niedergebrannt wurde – weil es einen Aufstand gegen Atatürk gegeben hatte. Die Einwohner wurden im Losverfahren über das ganze Land verteilt. Mein Großvater landete an der türkischen Ägäis in Edremit. Dorthin hatte es auch die Familie meiner Großmutter verschlagen, die man im Zuge des Balkankrieges 1913 aus der Nähe von Thessaloniki vertrieben hatte. Sie sehen, viele Migrationen, insbesondere erzwungene, bestimmten die Generationen vor mir.

Wie wirken sich solche Erfahrungen auf das Verhältnis in der Familie aus?

Wir haben großen Respekt gegenüber meinen Großeltern, denen es gelungen war, als Kriegswaisen wieder etwas aufzubauen, nachdem sie nach den Vertreibungen und Enteignungen alles verloren hatten. Sie hatten ein Haus, ein kleines Feld, wo man etwas anbauen konnte. Sie haben es geschafft, fünf Kinder großzuziehen, alle auf die höhere Schule zu schicken. Meine Mutter gehörte in einem Nest wie Edremit zu den ersten Abiturientinnen.

Welches Bild von Edremit haben Sie im Kopf?

Das ägäische Meer, das kleine Steinhaus meiner Urgroßmutter, etwa 200 Meter entfernt, und nichts dazwischen. Heute steht dort ein zweistöckiges Sommerhaus, viele weitere Häuser, und das Wasser sieht man nur noch von der oberen Etage.

Gibt es einen Geruch Ihrer Kindheit dort?

Einen, den ich vermisst habe, als ich 1978 in Deutschland ankam: den Geruch von frisch gebackenem Weißbrot und Sesamkringeln. In meiner Kindheit standen in den großen Straßen Steinöfen, da wurden morgens, mittags und abends Laiber gebacken, damit die frisch auf dem Tisch lagen.

Und wie roch Franken?

Nach Bier, Bratwürsten und Lebkuchen. Ich kann mich erinnern, ich habe Trost gefunden in den Laugenbrezeln am Morgen, am liebsten mit Butter.

Was oder wen haben Sie am meisten vermisst?

Meinen Großvater. Kurz nach unserer Ankunft in Deutschland ist er in Edremit gestorben. An dem Tag, als wir nach Nürnberg aufbrachen, war er nicht aufzufinden. Er hatte sich versteckt, weil er sich noch viel weniger von mir trennen konnte – und wohlwissend, dass er nicht mehr lange leben würde. Er hatte Krebs.

War die erste Zeit in Nürnberg Horror für Sie?

Wieso das denn?

Neue Sprache, neues Land, der Großvater war tot.

Es war eine wichtige Erfahrung, weil ich endlich meine Mutter richtig kennenlernte. Sie war seit 1971 in Deutschland. Zu meinem Glück hatte ich eine gleichaltrige deutschtürkische Cousine im Sommerhort. Sie wurde in den ersten Wochen zu meiner Hauptübersetzerin. Weil meine Mutter viel arbeitete, erst in einer Fabrik und wenig später selbstständig, war ich zwar ein Schlüsselkind, aber eines mit vielen Schlüsseln: Zu meiner schlesischen Omi Desor, die unter uns wohnte, zu ihrer Tochter Petra mit dem sprechenden Papagei, zu Frau Gappato, einer Deutschen mit italienischem Mann und Eiscafé.

Klingt total idyllisch.

Natürlich gab es auch andere Erfahrungen. Ich kam aus einem kleinen Ort, da standen höchstens dreigeschossige Häuser. Plötzlich musste ich in einer Großstadt mit Straßenbahn und Bus zur Schule fahren anstatt zu Fuß dahinlaufen. Doch das muss ein deutsches Kind genauso bewältigen, wenn die Eltern vom Land in die Stadt ziehen.

Sie wurden nie komisch angeguckt?

Ich habe es als Kind zumindest bis auf Ausnahmen nicht wahrgenommen.

Welche waren das?

Ich erinnere mich, mehrfach von älteren Herren mit Spazierstock beschimpft worden zu sein, wenn ich in der Straßenbahn mit Freundinnen mal lauter war. Die wiesen uns nicht wie andere Kinder zurecht, es fielen Wörter wie Ausländerpack.

Mit 13 haben Sie sich bereits für das Theater interessiert. Warum haben Sie nicht wie andere Jugendlichen 1982 Neue Deutsche Welle gehört?

Habe ich natürlich auch. Da gab es viel mehr Gleichzeitigkeiten als Theater, Literatur und Popmusik. In meiner Schulzeit interessierten mich auch die Organisation von legalen Radiosendern und halblegalen Clubs – und zur selben Zeit Aktivitäten für die Kommunistische Partei der Türkei.

Ungewöhnlich für einen Teenager.

Meine Tante war Kommunistin, sie hat mich damals mitgenommen in ihre Kreise. Dort trafen sich viele türkische Exilanten, die nach dem Militärputsch 1981 geflohen waren. Sie lasen neben Marx und Lenin auch Brecht, Neruda und Hikmet. Mit den westlichen Bruderorganisationen der Jungen Pioniere und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend fuhr ich auf Pfingstcamps.

Mit 18 haben Sie damit aufgehört. Warum?

Es kamen viele Dinge zusammen. Ich habe an Demonstrationen gegen die Stationierung von Pershings teilgenommen, war in der Anti-AKW-Bewegung gegen Wackersdorf aktiv und habe angefangen, die Atomwaffenpolitik des Ostblocks infrage zu stellen. Außerdem hatte ich Reisen in die DDR gemacht, nach Gera und Meiningen, und war nicht von allen Dingen begeistert.

Was hat Sie gestört?

Ich habe auf einige Fragen keine befriedigende Antwort erhalten – was das angebliche Vielparteiensystem oder die massiven Reisebeschränkungen betraf. Ich fühlte mich als Menschenrechtlerin. Ein Onkel hat mir einmal gesagt: Würdest du in der DDR leben, wärest du dort Antikommunistin.

Als die Mauer fiel, lebten Sie schon elf Jahre in der Bundesrepublik. Haben Sie sich als Wessi oder als Ossi gefühlt?

Weder noch. Ich war als Marxistin Anhängerin der Idee der Weltbürgerin. Und als solche habe ich mich gefühlt. Erst mein Mann hat bei mir später in der einen oder anderen Auseinandersetzung angebliche Wessi-Eigenschaften entdeckt.

Zum Beispiel?

Die ungute Angewohnheit, die eigene Wirkung und das Urteil der anderen immer mitzudenken, ist für ihn typisch westdeutsch.

Sie haben sich Anfang der 90er Jahre über die Volksbühne kennengelernt, damals ein Ort, an dem sehr laut und wütend über Deutschland nachgedacht wurde. Wie passten Sie hinein?

Wir haben uns in Nürnberg getroffen, als Frank Castorf mit dem Opernprojekt „Prometheus“ gastierte. Mein Mann war Regieassistent, über ihn habe ich die Volksbühne kennengelernt. Sie war mehr als ein Theater, sie hatte mit Castorf einen Intendanten, der zu DDR-Zeiten kritisch gewesen war und nun, ohne sich vom Westen vereinnahmen zu lassen, Regisseure wie Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief einlud, mit ihm im Teutonischen zu wühlen. Von Castorfs „Nibelungen“ bis hin zu Schlingensiefs „100 Jahre CDU“-Performance, die ich sehr mochte, gab es eine unglaublich spannende Bandbreite von politischem Theater. Gerade Anfang der 90er Jahre war das wichtig, eine Zeit, in der rassistische Brandanschläge in Hoyerswerda, Rostock oder Mölln das Land erschütterten.

Als Sie 2008 die Leitung des Ballhauses übernahmen, haben Sie die Spielstätte zum postmigrantischen Theater erklärt. Was verbirgt sich hinter diesem Wortungetüm?

Erst einmal, Theaterkünstler mit sogenanntem Migrationshintergrund sind immer noch eine Ausnahme in der hiesigen Theaterlandschaft. Besonders auffallend ist das auf dem Gebiet der neuen Dramatik. Neben Feridun Zaimoglu und Nuran David Calis gibt es kaum namhafte Autoren. Damit einher geht ein eklatanter Mangel an Texten, die Geschichten und Erfahrungen aus einer transkulturellen Gesellschaft beschreiben. Mit dem postmigrantischen Theater am Ballhaus Naunynstraße wollen wir die Produktion neuer Texte und Inszenierungen auf diesem Feld gezielt fördern.

Wissen Sie, wer sich das anguckt?

Wir sind ein kommunales Theater. Ein Drittel unserer Zuschauer kommt immerhin aus Friedrichshain-Kreuzberg.

Feridun Zaimoglu hat auf die Frage, warum so wenige Menschen mit Migrationshintergrund zu seinen Lesungen kommen, einmal gesagt: „Wir sind eingewanderte Arbeiter- und Bauernkinder. Natürlich gehen wir nicht auf Lesungen. Das ist doch schwul.“ Sehen Sie das auch so?

Das hat er sicherlich ironisch gemeint. Er hat aber nicht gänzlich unrecht, auch 40 Jahre nach der Losung „Kultur für Alle!“ entscheidet in unserem Land leider immer noch die soziale Herkunft über Zugang zu Bildung und Kultur.

In dem aktuellen Stück „Pauschalreise 1“ wirft eine junge Frau ihrer Familie vor, sich nur für Beschneidungsfeste und Plasmabildschirme zu interessieren.

Die Kritik könnte eben genauso gut von einem jungen Menschen aus einer Marzahner Arbeiterfamilie kommen, der sich die Sinnfrage stellt und keine Antworten bekommt. Es gibt jenseits von Herkunft eine große Masse von konsumorientierten Menschen, deren Etappenlebensziel der neue Plasmafernseher ist.

Indem Sie von postmigrantischem Theater sprechen, geben Sie diese Sicht ein wenig vor.

Moment, es geht uns nie um eine Selbstethnifizierung. Uns interessieren die Konflikte, die wir täglich in Großstädten erleben – und zwar über alle Kulturen hinweg. Die versuchen wir auf die Bühne zu bringen. So eine Auseinandersetzung wie sie die Generationen im Stück „Pauschalreise“ haben, ist keine rein innertürkische.

Kreuzberg hat in den drei Jahren, die Sie am Ballhaus sind, einen ungeheuren Aufwind im In- und Ausland erfahren. Welche Rolle spielt Ihr Theater dabei?

Sicherlich sind wir Teil dessen, was Sie Aufwertung nennen und Kritiker Gentrifizierung. Ich lebe mit meiner Familie seit 13 Jahren in der Wrangelstraße. Irgendwann wurde der ganze städtische Häuserblock verkauft, in dem Fall zwar nicht an einen Großkonzern, aber trotzdem hat sich seither durch Mieterhöhungen ein großer Teil der Bevölkerung ausgetauscht. Viele unserer alten Nachbarn konnten es sich nicht leisten zu bleiben. Diese Verdrängungsprozesse sind ein Thema im Stück „Pauschalreise“.

Finden Sie nicht, dass der Bezirk von der Entwicklung auch profitiert?

Sicher profitieren viele Menschen im Bezirk auch davon. Die Gastronomen, die Modeszene der Oranienstraße...

... zum Beispiel der Szene-Koreaner Kimchi Princess und der Designladen Voo...

... die meisten Vereinscafés, Kioske und Telefonläden weichen aber vor allem Wettbüros. Das ist ein komplexer Prozess. Ich möchte nicht, dass die eingesessene Bevölkerung aus der Mitte einer Stadt an die Peripherie vertrieben wird. Das ist nicht gut für Berlin und seine Kieze.

Das ist Ihre letzte Spielzeit, Sie wechseln von der Naunynstraße in die Leitung der Wiener Festwochen. Welche Lehre nehmen Sie mit?

Über Wien spreche ich, wenn es so weit ist. Heute geht es um Berlin und darum, den Erhalt des Ballhauses über diese Spielzeit hinaus zu gewährleisten – gemeinsam mit dem Regierenden Klaus Wowereit und Staatssekretär André Schmitz sowie den politisch Verantwortlichen auf Bezirksebene. Uns sind zehn geförderte Teilzeitstellen weggefallen, von denen können wir sieben erhalten und aus der Konzeptförderung kompensieren.

Wagner Carvalho und Tuncay Kulaoglu übernehmen als Nachfolger die künstlerische Leitung. Wie ändert sich die Lage nach Ihrem Weggang?

Ich prophezeie nichts. Das Ballhaus ist ein erfolgreiches Theater mit großer Zuschauerbindung und einem weit über Berlin hinausreichenden Interesse – mit Gastspielen von New York bis Istanbul. Es ist ein kulturpolitischer Erfolg. Wir werden gemeinsam eine Lösung zur Fortschreibung suchen.

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