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Was können Eltern tun, um die Krise gut zu überstehen?

© imago images/Cavan Images

Tagesspiegel Plus

„Achtsamkeit hat nicht unbedingt etwas mit Ruhe zu tun“: Was eine Stressmanagement-Expertin Familien im Lockdown rät

Für viele Familien bedeutet die Corona-Pandemie Stress. Stephanie Warsow gibt Tipps, was Eltern tun können, um die Krise mental gut zu überstehen.

Homeoffice, Homeschooling, Homelearning: Viele Familien erleben den Corona-Lockdown als Stresssituation und stehen vor neuen Herausforderungen. Stephanie Warsow ist Coach, Mediatorin und „Präventionskursleiterin multimodales familienzentriertes Stressmanagement“. Sie hat selbst zwei Kinder und spricht im Interview über die aktuelle Situation von Eltern und Kindern, Anti-Stress-Strategien und Gelassenheit beim Thema Ordnung und Haushalt.

In Ihrem Workshop sollen Eltern lernen, elterlichen und kindlichen Stress zu verstehen. Was ist der Unterschied?
Stress wird in der Stressforschung einfach erst mal „nur“ als Zustand des Ungleichgewichts definiert. Das passiert Eltern und Kindern immer bei Anforderungen, die sie nicht so leicht bewältigen können. Wenn Familien gestresst sind, geht es oft um den Stress der Eltern. Etwa um die Work-Life-Balance. Und um die große Verantwortung, die sie tragen.

Wofür wir den Blick verlieren, ist, dass auch Kinder oft gestresst sind. In der Kita, in der Schule müssen sie den ganzen Tag funktionieren, sich in die sozialen Gefüge einordnen. Das erklärt zum Beispiel, warum einige Kinder weinen, wenn man sie aus der Kita abholt. Oder Streit suchen, wenn sie aus der Schule kommen. Und dafür verlieren wir Eltern den Blick.

Auch Kinder sind oft gestresst

Familienexpertin Stephanie Warsow

Was wir in den Kursen unter anderem beleuchten, ist, dass die Kinder auch Stress haben. „Ach ja, stimmt“, sagen die Eltern häufig. Es ist wichtig, den großen Blick auf das Thema Stress zu haben.

Was hat sich durch den Lockdown beim Stress der Kinder verändert? Jetzt gehen ja die meisten nicht in die Schule oder Kita.
Wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten, müssen die Kinder auch den ganzen Tag zurückstecken, leise sein, sich anpassen. Außerdem fehlen ihnen ihre Freund:innen, das ist auch eine Form von Stress. Kinder haben im Homelearning vielleicht noch Stress mit der Schulcloud, den Aufgaben, fehlenden Materialien, fehlender Unterstützung, fehlender Motivation.

Ist der Stress für Familien im Lockdown schlimmer als vorher?
Allgemein ja. Wobei es alle Familien doch etwas unterschiedlich erleben. Es geht um die Frage: Habe ich genug Kompetenzen und Ressourcen für die Aufgaben, die ich bewältigen muss? In der Pandemie sind viele Eltern vom noch komprimierteren Multitasking gestresst. Sie müssen neue Rollen ausfüllen: Erzieher:in, Lehrer:in, Freund:in.

Bei manchen Eltern ist aber auch mancher Stress rausgenommen: Sie müssen jetzt nicht zur Arbeit und zur Kita hetzen. Es gibt auch Kinder, die es schön finden, so viel Zeit mit Mama und Papa zu verbringen. Aber klar, unterm Strich sind die Familien gerade enorm gefordert, stehen unter einer besonderen Stressbelastung. Hinzu kommen bei manchen Existenzängste.

Was können Eltern dagegen unternehmen?
Es gibt nur zwei Wege, dem Stress zu begegnen: entweder die Situation verändern oder die Einstellung dazu. Da lachen die Eltern in meinen Workshops meist und sagen ironisch: „Super Idee!“, und: „Das haben wir doch schon längst probiert.“

Die meisten Eltern haben schon zwei, drei Erziehungsratgeber gelesen, wissen grundsätzlich schon häufig ziemlich genau, was sie wollen. „In der konkreten Situation bekomme ich es einfach nicht hin“, das ist eine der häufigsten Aussagen der Kursteilnehmer:innen. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es in Stresssituationen zwischen Reiz und Reaktion einen kleinen Raum gibt, in dem wir innehalten und eine Entscheidung treffen können.

Im Familien-Stressmanagement geht es nicht um das Ziel, nie Nein zu sagen, nie laut zu werden und immer gelassen zu sein. Es geht darum, diesen Raum zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern, um eine bewusste Entscheidung treffen zu können. Darum, dass wir im Nachhinein kein schlechtes Gewissen haben müssen und uns fragen, wieso wir wieder auf eine Art reagiert haben, die wir eigentlich nicht wollen.

Stephanie Warsow ist Coach und Kursleiterin für Familienkurse zum Stressmanagement
Stephanie Warsow ist Coach und Kursleiterin für Familienkurse zum Stressmanagement

© privat / privat

Eine „individuelle Stressanalyse“ soll den Teilnehmer:innen Ihrer Workshops helfen. Wie genau geht das?
Stressempfinden ist subjektiv. Was die einen Eltern stresst, ist für andere vielleicht gar kein Thema. Wir beleuchten das individuell. Reflektieren gemeinsam über die konflikt- und stressbelasteten Alltagssituationen.

Es gibt zum Beispiel eine kleine Hausaufgabe, die man gut im Familienalltag umsetzen kann. Es geht darum, Situationen zu reflektieren, die unangenehm sind: Was sind das für welche, wer ist da beteiligt, was sind die Bedürfnisse der Beteiligten, was sind meine Gefühle, Empfindungen und Reaktionen dabei? Was sind meine individuellen Stressoren? Und wie fühlt sich die Situation im Nachhinein an, wenn alle Emotionen abgeebbt sind? Es ist ganz wichtig, so etwas außerhalb der Situation zu reflektieren. Dann kann man gucken, was wir für Alternativen erarbeiten können.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Klassiker ist das Thema Lautstärke, gerade jetzt im Winter – drinnen und mit dem Homeoffice: Auf einem Konzert bewerten wir es positiv, wenn es laut ist, bei einem Geschwisterstreit oder wenn Kinder einfach nur laut spielen, weniger. Man muss also genau hinsehen: Ich gerate in Stress, wenn die Kinder laut sind. Ich setze mich selbst unter Stress, wenn ich in der Situation zum Beispiel die perfekte Arbeitnehmerin sein will und meine Arbeit ebenso gut wie sonst im Büro schaffen möchte. Das wäre ein individueller Glaubenssatz, der das Stressempfinden verschlimmert. Und dann ranzt man die Kinder an.

Im Spagat zwischen Homeoffice und Kindern geraten viele in einen Stressstrudel – vor allem, wenn wir zum Beispiel noch den Glaubenssatz mitbringen „sei die perfekte Mutter / der perfekte Vater“. Dann denkt man am Ende: „Ich habe meine Arbeit nicht hinbekommen und auch noch meine Kinder angeschnauzt.“

Im Spagat zwischen Homeoffice und Kindern geraten viele in einen Stress-Strudel

Stephanie Warsow

Um eine Lösung zu finden, gucken wir zum Beispiel in die Strukturen der Familie. Wir gucken, wo und wann die Kinder laut sein können und dürfen. Das ist ja normal für Kinder, dass sie laut sind. Es geht darum, die Situation zu entzerren. Oft fordern Kinder gerade jetzt die Präsenz von uns Eltern ein, und wir sind mit anderem beschäftigt. Es ist wichtig, dass die Eltern darauf achten, hundert Prozent präsent zu sein bei dem, was sie tun. Das ist innerhalb der Rahmenbedingungen momentan natürlich herausfordernd.

Sie empfehlen Achtsamkeits- und Entspannungsübungen. Wie sehen die aus?
Die große – und nicht ganz unberechtigte – Kritik an der Achtsamkeitsbewegung ist: Solche Übungen sind weitere Punkte auf der Agenda, fügen also im Familienalltag eher Stress hinzu, weil man das auch noch abhaken muss. Aber Achtsamkeitsübungen haben nicht zwangsläufig mit Yogamatten, Klangschalen und im Zweifel nicht einmal etwas mit Ruhe zu tun. Achtsamkeit bedeutet vor allem, dass wir im Hier und Jetzt sind.

Da gibt es ganz kleine Übungen. Zum Krafttanken. Das kann beim Zähneputzen, beim Windelnwechseln, Kaffeekochen passieren. Es geht darum, mit all unseren Sinnen in dem Moment sein, ihn wahrzunehmen. Wir sind oft mit den Gedanken woanders, wenn wir etwas tun. In To-do-Listen, bei der nächsten Deadline, dem Einkaufszettel ... Wir müssen aus dem Gedankenchaos, dem Sturm aus unseren Köpfen rauskommen. Einen Moment lang kurz abschalten. Uns besinnen. Von diesen Alltagstätigkeiten haben wir ja ganz viele.

Achtsamkeitsübungen haben nicht zwangsläufig mit Yogamatten, Klangschalen und im Zweifel nicht einmal etwas mit Ruhe zu tun

Stephanie Warsow

Wenn man den Stress bearbeiten will, ist natürlich auch das Thema Regeneration wichtig. In der Arbeitswelt ist das einfacher umzusetzen, für Familien weniger: Es geht um Erholung, Pausen, Schlaf. Da sagen Eltern, vor allem die mit ganz kleinen Kindern: „Witzig. Wie sollen wir das denn hinkriegen?“

Da ist es wichtig, zu wissen, wie wir uns in den kleinen Momenten erholen – nämlich durch Präsenz, durch Innehalten. Man kann dann kurz bestimmen, wie ist gerade mein Energielevel? Hört sich banal an, denn im Zweifel ist es niedrig. Aber wenn wir uns das klarmachen, können wir anders reagieren. Vorm Zubettgehen etwa, was in vielen Familien ein Kraftakt ist. Dann kann man milder mit sich selbst umgehen. Es hilft, den Kindern und sich selbst zu sagen: Ich bin so müde, ich kann das jetzt nicht mehr so gut. Man darf aber von den Kindern nicht unbedingt Verständnis und eine Reaktion erwarten.

Allein das Benennen der Bedürfnisse hilft den Kindern, uns und die Situation einschätzen zu lernen. Der kurze Blick auf sich selbst kann zum Beispiel so aussehen: Wenn mein Energielevel superniedrig ist, überlege ich: Was kann ich für mich tun, um mir kurz Energie zu holen? Das kann ein kurzes Durchatmen sein oder sich kurz noch einen Tee zu machen. Das allein kann helfen, bewusst in potenzielle Stress-Situationen zu gehen und sich vorher noch einmal zu stärken.

Mit einem Kind mag das ja noch gut gehen mit den Achtsamkeitsübungen beim Wickeln und beim Homeschooling, aber mit zwei oder drei? Wenn man gerade vollkommen im Moment mit dem einen Kind ist, kommt ein anderes und schreit!
Es gibt ein Studie, für die Eltern befragt wurden, welches die ideale Anzahl von Kindern ist. Es kam keine konkrete Zahl heraus, sondern es war immer ein Kind weniger, als in der Familie vorhanden ist. Es geht darum, grundsätzlich auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu achten. Wenn man die Bedürfnisse der Eltern zu sehr hintenanstellt, geht es auch nicht gut.

Bedürfnisorientierung heißt auch nicht Bedürfnisgarantie. Man muss schauen: Welche Bedürfnisse gibt es gerade in der Konstellation? Ich möchte jetzt gerade dem einen Kind Zeit widmen. Das andere Kind hat auch das Bedürfnis nach Nähe und Aufmerksamkeit.

Es hilft, sich klarzumachen: Das Geschwisterkind hat normalerweise nicht das Bedürfnis, zu stören. Es will vielleicht nur mitmachen. Vielleicht sogar helfen. Ein positiver Blick auf unsere Kinder hilft. Je kleiner die Kinder sind, desto schneller müssen die Bedürfnisse erfüllt werden.

Es hilft oft schon, die Bedürfnisse den Kindern gegenüber zu benennen: „Oh, du möchtest mitmachen.“ Das hilft, Lösungen zu finden. Stress entsteht zum Beispiel, wenn wir nur darauf achten: Oh, wir müssen die Hausaufgaben gleich hochladen. Multitasking ist der Stressfaktor Nummer eins.

Aber das kann man in Familien schlecht vermeiden!
Klar. Wir können uns aber bewusst werden, dass wir es vermeiden sollten. Manchmal finden sich dann doch Dinge, die wie runterpriorisieren können. Aufs Homeschooling bezogen, kann die Familie etwa die Wochenpläne der Lehrer:innen an den Familienalltag anpassen – sie zum Beispiel entzerren und auch am Wochenende noch etwas machen, wenn die Eltern mehr Zeit zum Helfen haben und nicht arbeiten müssen.

Übers Thema Ordnung und Haushalt kann man auch einiges machen. Wenn es geht, kann man da gelassener werden. Für manche ist das allerdings ein Horror, wenn es ihnen nicht sauber und ordentlich genug ist. Wir sollten nicht sagen: Wir haben kein Multitasking mehr. Sondern bewusste Entscheidungen treffen: Hat das Priorität? Kann ich das irgendwo andershin schieben? Und das Punkt für Punkt.

Wenn sich dabei keine Möglichkeiten ergeben, kann man auch noch fragen: Welche Tagesordnungspunkte tun uns gut – können wir davon mehr haben? Oder sie bewusster genießen und bewusst Kraft tanken. Zum Beispiel beim Morgenkaffee: Wie können wir dieses Krafttanken intensivieren? Da kann es etwa helfen, ganz im Moment zu sein und ihn mit allen Sinnen wahrzunehmen. Den Kaffee zu riechen, zu schmecken, die Tasse zu fühlen.

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