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Teilnehmer des 28. Jahreskongresses des Chaos Computer Clubs im Berliner Congress Center (BCC) in Berlin an ihrem Laptops.

© dpa

NSA-Affäre: Berlin wird zum Mekka der Hacker

Im Zuge der NSA-Affäre trauen Netzaktivisten aus den USA und England ihren Regierungen nicht mehr. Viele von ihnen zieht es aus Sicherheitsgründen nach Berlin. Hier arbeiten Nerds aus aller Welt an einer globalen Gegenöffentlichkeit.

Im Alltagsleben einer Großstadt ist die Realität nicht zu greifen, keine Gefahr zu spüren. Für großes Drama begibt man sich lieber ins Kino oder spielt es auf dem Computer nach. In der U-Bahn in Richtung Turmstraße ploppt auf dem Monitor eine Meldung auf, die manche im Wagon lesen und andere ignorieren. Die meisten starren ohnehin auf ihre Handys: „Washington Post: Amerikanischer Geheimdienst sammelt täglich fünf Milliarden Datensätze über die Standorte von Mobiltelefonen auf der ganzen Welt.“ Kurz darauf steigen die Menschen am Bahnhof ungerührt aus dem Untergrund hinauf in den Nieselregen der Großstadt.

Wie sollte es auch anders sein? Vielleicht gehen sie nach Hause und spielen Computerspiele, während die unbekannten Cyber-Lords der Geheimdienste auch über Berlin ihr feines Spionagenetz gespannt haben. Was nicht spürbar ist, kann trotzdem existieren. Und das ist wohl auch der Grund, warum derzeit in Berlin Anwälte auf die Straßen gehen, um gegen die Vorratsdatenspeicherung zu demonstrieren, und Schriftsteller um Juli Zeh aus der Bundespressekonferenz die Welt aufrufen, gegen digitale Massenüberwachung aufzustehen. Irgendwas ist da doch, bewegt sich gerade, und in Berlin kommen einige zusammen, die sich in dieser Hinsicht und in Richtung Widerstand aufgemacht haben. Einige haben wir besucht.

Berlin ist zum Zentrum der Netzaktivisten geworden

Mit dem „Chaos Computer Club“ (CCC) hatte Berlin schon immer einen umtriebigen Haufen Netzaktivisten. Jetzt, nach den Enthüllungen von Wikileaks und dem Erscheinen des Whistleblowers Edward Snowden, ist die Stadt ein Fixpunkt der internationalen Szene geworden. Die „Washington Post“ hat ausführlich darüber berichtet („Leakers, privacy activists find new home in Berlin“). Sarah Harrison, die Snowdens Flucht über Hongkong nach Moskau organisierte, wird nicht die Letzte sein, die nun von Berlin aus operiert.

Einen Kilometer weiter nördlich vom U-Bahnhof Turmstraße, im eher düsteren Teil Moabits gelegen, sitzt ein Mann in einem kleinen Vereinsladen auf einem schäbigen braunen Sofa und ist wütend. Er sagt, dass er ein „Pionier“ sei, der der Bevölkerung die Augen öffnen wolle vor den Gefahren der Massenüberwachung. Hauke Laging, der Mann auf dem Sofa, gehört zu einer wachsenden Zahl von Leuten, die seit den Enthüllungen von Wikileaks, vor allem aber seit den Enthüllungen durch Snowden, noch mal zusätzlich motiviert worden sind, „etwas zu tun“, wie er sagt.

Seine Lösung lautet: Kryptografie für alle! „Das Einzige, was uns schützen kann.“ Kryptografie, das sollte man dazu sagen bei einem Thema, das die Menschen immer wieder durch Fachwissen und -vokabular in Eingeweihte und Außenseiter teilt, beschäftigt sich mit der Kodierung oder Verschlüsselung von Information in ein nicht lesbares Format, um sie sicher über öffentliche Transportwege, also das Internet, zu bringen.

Laging kann einfach nicht verstehen, warum die Kryptologen nicht längst zu einer anerkannten Avantgarde der Gesellschaft geworden sind. Kryptologie müsse eine Kulturtechnik werden, sagt er und rechnet vor, dass Deutschland zehn Millionen Nutzer braucht, die verschlüsselte Software verwenden, um grundlegend etwas zu verändern. Aber auch heute ist nur ein einziger Interessierter in sein Seminar zum Thema „Verschlüsselung“ in die Räume von „In-Berlin“ hier in Moabit gekommen.

Nerds, über die man früher gelacht hat

Immerhin gibt es in Berlin mittlerweile viele Hauke Lagings, sie haben nicht alle etwas mit Kryptologie zu tun, aber sie wollen helfen, um, wie sie sagen, ein „autonomes, selbst gestaltetes Internet“ zu bauen. Die meisten von ihnen sind noch immer jene Nerds, über die wir früher gelacht haben, Menschen, die Computern Befehle erteilen können und damit oft fernab einer gesellschaftlichen Debatte die digitale Welt verändern wollen.

Nerds sind meist kluge Rechner, geniale Informatiker, nur können sie sich mündlich selten verständlich mitteilen. Auch Laging nicht, der das, ruhig und immer im tiefen Brustton der Überzeugung redend, verständlicherweise anders sieht: Es gebe nur zwei richtig gute Kryptoerklärer in Berlin, sagt er, „ich bin die Nummer eins“. Laging glaubt, dass die Menschen ein Bewusstsein für ihre eigenen Daten entwickeln müssen. „Und wenn die das nicht checken ...“ Er spricht nicht weiter, aber man versteht es schon und kann es im Kopf ergänzen: ... dann sind die eben zu doof.

So denkt nicht nur Laging, viele in der Szene haben diese Haltung, viele tragen gegenüber Uneingeweihten, die zweimal nachfragen müssen, stets ein genervtes „Wie kann man nur so blöd sein?“ im Unterton. Richtig konstruktiv ist das nicht. Aber Menschen wie Laging sind nun mal die Einzigen, die in der Lage sind, uns das von der Kanzlerin so benannte „Neuland“ zu erklären.

Sie können die Zusammenhänge hinter dem begreifen, was uns als geschlossene Oberfläche entgegentritt. Sie kennen im wörtlichen Sinn: die Zusammenhänge. Und deshalb sind sie noch immer eine elitäre Minderheit. Sie lesen und schreiben Codes und Patches wie ihre Muttersprache, Algorithmen sind für sie keine Außerirdischen. Und sie meinen es gut. „Ich will Wissen vermitteln und über den eigenen Horizont hinaustragen.“ Sagt Laging.

Er macht das im Netz, schreibt Manifeste und Abhandlungen, die er mit vielen weiteren Informationen verlinkt. Der Systemadministrator hat sich das Kryptologenhandwerk selbst beigebracht, so, wie es die meisten Autodidakten in der Szene generell und aus Prinzip tun: skeptisch sein, nachforschen, lernen, besser machen und sein Wissen weitergeben – unter Hackern ist das Ehrensache.

Das Netz autonomer, sicherer und demokratischer machen

Sollte Berlin tatsächlich das Zentrum einer größeren Gegenbewegung zu staatlicher Überwachung und autoritären Tendenzen im Netz werden, wie es sich viele in der Szene wünschen, ist es in Moabit mit Laging und seinem einzigen Schüler noch ziemlich dünn besetzt. Jedoch: Die Zahl derer, die laut Umfragen glauben, dass ihre Daten unsicher seien, wächst stetig. Und große Unternehmen wie Microsoft oder Google fordern plötzlich den Rückzug der Geheimdienste aus ihren Servern und Datenströmen.

Aber lässt sich daraus schon eine Protestbewegung machen? Die allermeisten Menschen wollen einen schnellen Browser und schätzen Funktionalität, die Technik dahinter ist ihnen egal. Ein paar Kilometer entfernt von Laging, gleich um die Ecke des Regierungsviertels, muss man in der Marienstraße 11 lange auf den Summer drücken. Dann öffnet sich das Tor zur aktuellen Logistikzentrale der Gegenbewegung. Hier hat der „Chaos Computer Club“ (CCC), mittlerweile über 30 Jahre alt, seine Hauptbasis.

Der CCC, gegründet am 12. September 1981 in Hamburg, ein eingetragener Verein nach deutschem Recht, in den jeder eintreten kann, hat eine einschlägige Geschichte und versuchte immer schon durch das Aufstöbern von technischen Fehlern oder schlechten Strukturen Gefahren zu benennen. 1984, damals waren viele der Mitglieder noch Schüler, die sich lieber mit der Programmiersprache Pascal beschäftigten, als auf dem Pausenhof Fußball zu spielen, tauchte der CCC erstmals in der Tagesschau auf.

Lange Zeit wurden die Hacker nur von einem breiten Publikum wahrgenommen, wenn sie ein wirklich großes Ding drehten, wie etwa die erfolgreiche Verfassungsklage gegen Wahlcomputer. Dabei gibt es viele Beispiele, in denen sie zum Wohle der Gesellschaft gehandelt haben. Karlsruhe hat auch bei den Themen Vorratsdatenspeicherung, Hackerparagraf und Bundestrojaner die Expertise der Hacker eingeholt. Manche im CCC glauben, dass jetzt ihre Stunde geschlagen hat, dass Julian Assanges Enthüllungsplattform Wikileaks und Edward Snowden wie Katalysatoren für ihre Vision wirken, das Netz autonomer, sicherer und demokratischer zu machen.

Weltweit bekannte Aktivisten sind momentan in Berlin

Rund um den CCC gehen in Berlin momentan einige der weltweit bekanntesten Aktivisten ein und aus. Alle werden von der dem Club nahestehenden Wau-Holland-Stiftung finanziell unterstützt. Man trifft im Umfeld die amerikanische Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die vermutlich neben dem Journalisten Glenn Greenwald die einzige Person ist, die Zugriff auf die von Snowden zur Verfügung gestellten Dokumente hat. Jacob Appelbaum, ein Wikileaks-Anhänger und unermüdlicher Programmierer von freier und verschlüsselbarer Software, kommt öfter vorbei Und nun ist auch Sarah Harrison, Berlinerin, eine der Top-Mitarbeiterinnen von Wikileaks, die Snowdens Flucht aus Hongkong vorbereitete und über Monate mit ihm in Moskau festsaß.

Harrison ist nicht Lara Croft, sie arbeitet hart in ihrer Berliner Wohnung, wie es aus ihrem Umfeld heißt, und manchmal geht sie auf normale Partys und tut das, was Menschen auf solchen Partys eben machen. Dem „Stern“ hat sie kürzlich verraten, warum Berlin ein guter Ort für die Aktivisten ist: „Wir haben hier ein gutes Netzwerk von Leuten, ich kann von hier weiter für Wikileaks arbeiten, und ich habe auch Freunde in der Stadt.“ Diese Umschreibung dürfte noch untertrieben sein, denn der CCC hat beste Kontakte in alle Richtungen, etwa zur – von einigen durchaus beargwöhnten – Clique um Wikileaks-Gründer Julian Assange.

Mitglieder des Clubs, die im Hintergrund bleiben, waren einst maßgeblich an der technischen Aufstellung von Wikileaks beteiligt. Heute ist der CCC, mit seinen Netzwerken und dem jährlichen Chaos Communication Congress, der lange im BCC am Alexanderplatz zu Hause war und dieses Jahr Ende Dezember in Hamburg stattfindet, ein globaler Player. Die Mitglieder werden von Wirtschaft und Politik gehört, gehören wichtigen Kommissionen an und treten in Talkshows auf.

Der Gegenentwurf zur Technik der Geheimdienste

Wichtiger aber ist: Die Hackerkultur „made in Berlin“ ist durch sie zu einem in der Szene geachteten Label geworden. Nirgendwo außer hier, das sagen führende Mitglieder selbst, werde so stolz an dem Kodex festgehalten: „Hackerethik ist Arbeitsethik!“ Ebenso wie bei der Open-Source-Bewegung, die wir hier noch kennenlernen werden, geht es darum, Wissen zu erwerben und zu vermitteln – freiwillig und zum Wohle der Bürger.

Die Hackerethik sei, sagt ein CCCler, eine „universelle und mächtige Idee, und wir versuchen das vorzuleben“. Das Ziel dieser Ethik ist anspruchsvoll und will Technik und Wissen allen verfügbar machen. Sie soll, wie es heißt, „elegant und gut“ sein, und Hierarchien sollen durch Selbstorganisation ersetzt werden und weder dazu benutzt noch entworfen werden, „um Menschen zu schaden“. Das ist, wenn man so will, der Gegenentwurf zur Technik der Geheimdienste.

Die weltweiten Enthüllungen von Wikileaks und Edward Snowden haben eine andere Dimension in die bisher weitestgehend nur von Fachleuten geführte Debatte gebracht: Eine breite Öffentlichkeit fühlt sich unsicher, das belegen Umfragen, auch wenn die Einzelne n sich oft noch zu wenig direkt betroffen fühlen, als dass die Aktivisten mühelos breitere Schichten mobilisieren könnten.

Edward Snowden: Visionär, Vordenker, Vorbild

Eine dieser modernen Sherpas, die uns durch den digitalen Dschungel leiten kann, heißt Constance Kurz, auch eine Sprecherin des CCC und wissenschaftliche Projektleiterin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Sie schreibt regelmäßig für die FAZ, hat Bücher veröffentlicht, war Sachverständige für die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags. Kurz hat, anders als andere im Milieu, die Gabe, Dinge klar auszusprechen und verständlich zu erklären. In Schöneweide, auf dem Gelände der alten Kabelfabrik, findet man die selbstbewusste Berlinerin in ihrem Büro im ersten Stock eines modernen, hellen Gebäudes mit Blick auf die Spree.

Kurz gehört zur Forschungsgruppe Inka, erforscht „Informations- und Kommunikationsanwendungen“. Sie weiß, wie schwer es für den CCC war, Aufmerksamkeit zu erlangen. „Die Kritik“, sagte sie, „die wir geäußert haben, wurde nie wirklich politisch.“ Mit dem NSA-Skandal sei viel in Bewegung geraten. Eine Eintrittswelle hat die Zahl der Mitglieder auf 4000 angehoben, beim Congress in Hamburg werden 8000 Aktivisten erwartet. So viele wie nie. Kurz gehört zu denen, die eine historische Chance sehen, die Wahrnehmung der Menschen endlich nachhaltig schärfen zu können. Das liege auch daran, sagt sie, dass es nun ums Geld gehe und die Wirtschaft betroffen sei. Sie sieht den CCC und andere Aktivisten durchaus als Teil einer neuen Bewegung, die, wie einst die Umweltbewegung, „von ganz unten kommt“. Snowden habe der Öffentlichkeit klargemacht, welcher Geist da aus der Flasche gelassen wurde. Er sei Visionär, Vordenker, Vorbild und für viele „ein Held“, weil er sich selbst so zurücknehme und die Sache in den Vordergrund gestellt habe.

Piraten werden nur in Vergangenheitsform genannt

Viele in der Szene denken so, denn ein wichtiger Teil der Hackerüberzeugung lautet: Ansehen durch Leistung, nicht durch Selbstdarstellung. Deshalb ist Assange auch weniger beliebt. Im Umfeld des CCC ist auf diese Art vieles entstanden, das von Berlin aus in die Welt getragen wurde. Offline wie online. Die Hackerspaces sind nur ein Beispiel, von denen es mittlerweile tausende in aller Welt gibt, die unter hackerspace.org vernetzt und organisiert sind. Dort treffen sich Menschen in privaten oder öffentlichen Räumen, um zusammen am Computer zu werkeln, an der Hard- und Software, und um Spaß zu haben.

Die C-Base in Berlin-Mitte, ein gemeinnütziger Verein ebenfalls aus dem Umfeld des CCC entstanden, der laut Satzung Fortbildung in den Bereichen Hardware, Software und Netzwerke anbietet, ist seit 1995 Vorbild für viele Hackergruppen weltweit geworden. In Berlin ist die C-Base vor allem ein wichtiger Multiplikator für Aktivitäten der Szene. Man kifft hier gerne zusammen, nur Journalisten trifft man eher ungern. In der C-Base fand 2006 auch die Gründungsversammlung der Piratenpartei statt, die bei den Protagonisten der Szene erstaunlich selten Erwähnung findet. Und wenn, dann in der Vergangenheitsform: Die Piraten hatten die Chance ...

Hacker haben ein enges, internes Netzwerk geschaffen

Die Pioniere einer Gegenbewegung sind also unter uns, und sie sitzen, in Berlin zumindest, nicht mehr nur in Hackerspaces und Nerdrunden, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Man kann etwa bei Ulrich Schellenberg anrufen, Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins, der weit über das klassische Maß hinaus gesellschaftspolitische Themen aufgreift, und wird überrascht sein. Schellenberg sieht, wie auch viele Hacker, den Zeitpunkt gekommen, um die einzelnen Aktivisten zu einer größeren Organisation zusammenzuschließen. Nur wie?

Kürzlich haben er und andere Anwälte vor dem Reichstag gegen die geplante Vorratsdatenspeicherung der großen Koalition demonstriert. Schellenberg findet, dass man mit diesem Instrument Millionen von „Kommunikationsdaten für sechs Monate an die Laderampe der NSA“ stelle. Das regt ihn auf. Seine Welt hat Schnittstellen zur Welt der Chaos-Computer-Club-Leute entwickelt. Mit Constance Kurz hat er schon gemeinsam auf Podien gesessen und diskutiert. Seine Erkenntnis: „Es gibt viele übereinstimmende Ansichten.“

Eine größere Bewegung ist keine Spinnerei

Schellenberg hält es für keine Spinnerei, dass Berlin, wo Hacker von einer randständigen Kleinstgruppe zu einer Stimme im gesellschaftlichen Diskurs geworden sind, ein Ort sein könnte, an dem eine größere Bewegung entsteht, die man auch auf die Straße bringt. Auch die Akw-Bewegung habe schließlich einmal klein begonnen. Aber noch arbeitet jeder in seinem Bereich – der CCC, die Kryptologen, die Anwälte, die Schriftsteller und die vielen anderen Netzaktivisten, von denen es in Berlin noch so viele mehr gibt. Wie zum Beispiel die nun aufgelöste Gruppe „Telecomix“, die der arabischen und syrischen Opposition auch von Berlin aus Zugänge ins Internet legte. Oder die „Digitale Gesellschaft“, die den Anspruch hat, Kampagnen „für eine bürgerrechts- und verbraucherfreundliche Netzpolitik“ zu organisieren.

Es gibt auch den „LinuxTag“, eine in der Szene seit vielen Jahren etablierte Bewegung , die sich für die Entwicklung von „Open Source“ einsetzt und Türen öffnet zu Politik und Wirtschaft. Zu den „Linux“-Bewegten gehört auch unser nächster Protagonist. Jörg Schilling ist ein gemütlicher Mann, der es liebt in kleinsten Details und vielen Einzelheiten zu erzählen. Ungehalten wird er, wenn er daran denkt, wie Kanzlerin Merkel mit ihrem abgehörten Handy umgegangen ist. Was das für ein Vorbild sei, fragt er, wenn selbst die Bundeskanzlerin offen ihre Ahnungslosigkeit ausdrücke?

Aus Programmierern wurden ernsthafte Wettbewerber

Schilling arbeitet seit 1995 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus). Zurzeit tüftelt er an der Software für den elektronischen Personalausweis. Aber vor allem ist er ein Veteran der Internet-Szene. Der Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik beschäftigt sich seit den frühen 80er Jahren mit freier Software. Er ist ein anerkannter Vortragsredner und Fachmann. Widerstand leisten gegen die Strukturen der Mächtigen, also des Staates oder der Wirtschaftsgiganten, kann auch bedeuten, Autonomie und Transparenz zu schaffen.

Bevor wir Schilling bei diesem Thema begleiten, muss man kurz erklären, warum er sich für Open Source engagiert. Open Source heißt offener Quellcode und meint Software, die jeder nach Belieben studieren, benutzen, verändern und kopieren darf. In den 80er Jahren begann eine kleine Gruppe von Programmierern, sich gegen die Kommerzialisierung ihrer Arbeit zu widersetzen. Heute treiben Open-Source-Programme große Teile des Internets an und sind ernsthafte Wettbewerber.

Auch Schilling, 59 Jahre, ist in gewisser Weise ein Nerd geblieben, aber wenn man ihn in einem Konferenzraum in der Kaiserin-Augusta-Straße in Tiergarten reden hört, bekommt man den Eindruck von einem politisch klar denkenden Mann mit hohem Engagement für die gesellschaftlichen Belange. Man fühlt sich bei ihm irgendwie in sicherer Hand. Aber Schilling ist wiederum keiner, der auf die Barrikaden geht. Kein Aktivist. Er bewegt sich in seinem professionellen Umfeld, sein Wissen bleibt der breiten Öffentlichkeit verborgen. Das ist schade. Denn Schilling hat eine dezidierte Haltung zu den CCC-Leuten und zu Edward Snowden, den er, ganz berlinisch ausgedrückt, „pfiffig“ findet.

Eine soziale Bewegung? Der Experte lacht

Die Hacker vom CCC oder manch andere seien „wichtig“, weil „sie ohne Interesse an Geld versuchen, die Bevölkerung zu informieren“. Schilling sagt, die Gesellschaft müsse endlich verstehen, was „solche Leute tun“. Er vergleicht Snowden und andere mit „Sozialarbeitern“, die „mildtätige Arbeit“ verrichten. Draußen ist es dunkel geworden, und der Nebel schiebt sich in die Straßen der Großstadt. Irgendwo in der Stadt sitzt Sarah Harrison an ihrem Laptop und arbeitet, um, wie sie sagte, „Whistleblower in aller Welt zu schützen“.

Jacob Appelbaum werkelt in Berlin ziemlich intensiv am weltweiten „Tor“-Projekt. Es ist ein Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, eine unsichtbare Matrix gegen die Angriffe der Geheimdienste. Auch Laura Poitras arbeitet beharrlich an ihrem Dokumentarfilm. Und im Keller der Berliner CCC-Zentrale in der Marienstraße fläzt sich einer der Strippenzieher dieser Bewegung auf einen Stuhl. Andy Müller-Maguhn, seit 1986 im CCC, 13 Jahre Sprecher, ist bis heute einer ihrer profiliertesten Experten.

Gemeinsam mit Assange und Appelbaum hat er das Buch „Cypherpunk“ veröffentlicht, in dem es um die „riesige Spionagemaschine“ Internet geht. Müller-Maguhn ist vielleicht ein typischer Vertreter seiner Zunft. Er lässt einen im Gespräch spüren, dass er wenig Lust hat, sich mit einem Laien zu unterhalten. Gleichzeitig winkt er immer, wenn es um den Begriff „soziale Bewegung“ geht, um eine zielgerichtete, ja politische Strategie, belustigt ab, ein bisschen arrogant und unbeholfen zugleich, wie so viele, die man auf dieser Reise durch das Netz unter der Stadt trifft.

Ein Blick unter die Oberfläche des Protests

Man muss aber dazu wissen, dass es den Hackern der ersten Stunde traditionell immer um Dezentralisierung sozialer Prozesse ging. Große Rhetoriker, sensible Zuhörer oder PR-Leute in eigener Sache sind Netzaktivisten – noch – nicht. Dennoch ist einer wie Müller-Maguhn eine wichtige Figur, einer, der überall hilft, um eine starke Gegenöffentlichkeit zu bilden – eine Macht gegen staatliche Eingriffe. Müller-Maguhn hat sich und anderen ein eigenes Netz geschaffen – ein Netzwerk.

Er ist auch einer der Gesellschafter der „Gesellschaft für sichere mobile Kommunikation“ (GSMK), die Cryptophone herstellt. Deren technischer Geschäftsführer heißt Frank Rieger, einer der CCC-Sprecher. Rieger wiederum sitzt im „Board of Directors“ des „Tor“-Projekts, das wiederum Spenden aus der Wau-Holland-Stiftung erhielt, die Müller-Maguhn verwaltet. Über die Stiftungsgelder werden auch Anwaltskosten, Flugtickets und andere Dinge für Edward Snowden und seine Vertrauten bezahlt.

In der Bildung eines differenzierten internen Netzwerks sind die Aktivisten deutlich weiter gekommen als in ihrer Außendarstellung als soziale Bewegung. Müller-Maguhn weiß, wie es Assange geht, wo Harrison sich aufhält, und welche Anwälte gerade das Mandat in Deutschland bekommen, aber er redet nicht darüber. Ein Treffen mit ihm ist deshalb zurzeit ähnlich offen wie ein Gespräch mit einem Verfassungsschützer. Was sich sagen lässt: dass Berlin gerade für Aktivisten und Hacker aus dem anglo-amerikanischen Raum ein beliebtes Ziel ist.

Sarah Harrison will bleiben, weil sie fürchtet, unter das britische Anti-Terrorgesetz zu fallen. Sie sagt: Das, was Geheimdienste tun oder getan haben, sei eine Aushebelung des Rechtsstaats. Diese ganze Geschichte, so viel wird deutlich, wenn man im Hacker-Zentrum Berlin auch nur einen Blick unter die Oberfläche des Protestes wirft, hat gerade erst begonnen. Und sie kann alles sein – nur kein Computerspiel.

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