Berliner Maler : Die Bilder Kurt Mühlenhaupts kehren zurück nach Kreuzberg

Nach seinem Tod, wurde sein Künstlerdomizil in Brandenburg zum Museum. Jetzt kommt Kurt Mühlenhaupts Werk zurück nach Berlin.

Der Maler Kurt Mühlenhaupt in seinem Atelier. Foto: Rolf Kremming/Imago
Der Maler Kurt Mühlenhaupt in seinem Atelier. Foto: Rolf Kremming/ImagoFoto: imago/Rolf Kremming

Bergsdorf - Es gibt viele Gründe, Hut zu tragen, den meisten Menschen genügt einer. Fragte man aber den Maler Kurt Mühlenhaupt, warum er stets mit Kopfbedeckung, dazu einer roten, zu sehen war, bekam man schon mal ein ganzes Bündel von Erklärungen. Zum Beispiel ein Schlüsselerlebnis in der Schule: Der Unterricht begann mit nationalen Minuten, das Deutschlandlied im Stehen. Sein Freund, als Jude, behielt die Schülermütze auf, der Lehrer witterte Respektlosigkeit, haute zu. Da trat Kurtchen vor: „Ich schwöre, dass ich in meinem Leben nie mehr den Hut abnehmen werde.“

Zum Schluss dann doch: Kein Blumengebinde, sondern sein roter Hut lag auf dem Sarg in der Heilig-Kreuz-Kirche, als Kurt Mühlenhaupt, Kreuzberger Künstler mit Leib und Seele, am 22. April 2006 zu Grabe getragen wurde. 85 Jahre alt war er geworden, zuletzt genau genommen kein Kreuzberger mehr, hatte er sich doch vielmehr mit seiner Frau Hannelore in Bergsdorf, einem Ortsteil von Zehdenick im Landkreis Oberhavel, auf einem ehemaligen Gutshof ein neues Künstlerdomizil geschaffen. Ein brandenburgisches Malerparadies, das Hannelore nach seinem Tod Kurt zu Ehren mit viel Engagement als Kurt-Mühlenhaupt-Museum weiterführte – ein nicht sehr geheimer Geheimtipp für kunst- wie naturbeflissene Großstädter.

Aus Künstler-Museum wird chinesische Villa Massimo

Auch dieses museale Nachleben kann so nicht ewig andauern, wird in der bisherigen Form bald enden, wie jetzt zuerst die „B.Z.“ berichtete. Sie werde eben auch älter, und es sei ein großes Anwesen, sagt Kurts Witwe. Da will sie kürzertreten, hat daher, wie sie sagt, den Hauptteil des Anwesens an einen chinesischen Investor veräußert, der dort eine Art chinesische Villa Massimo einrichten will, mit temporären Ateliers für Künstler aus Fernost. Nahe Peking betreibe er bereits zwei Künstlerdörfer. Sie selbst wolle nur die bisherige Galerie und einen kleinen Teil des Museums in Bergsdorf behalten.

Der übrige Teil des Mühlenhaupt-Nachlasses soll nach Kreuzberg zurückkehren und dort auch gezeigt werden. In der Fidicinstraße hatte noch Mühlenhaupt selbst alte Pferdeställe der dortigen ehemaligen Brauerei erworben, in denen sollen nun seine Werke ausgestellt werden. Auch ein Atelier hatte er dort betrieben, erinnert sich seine Witwe. Das Problem seien nur die vielen Künstlerfreunde gewesen, die Kurt besucht, zusammen getrunken und ihn so von der Arbeit abgehalten hätten – bis sie ein Alkoholverbot erließ. Hat nicht viel geholfen, die Getränke wurden nun eben heimlich mitgebracht.

Seine Kunst kehrt zurück an ihren Entstehungsort

Ein halbes Jahre werde es wohl dauern, bis der neue Ort eröffnet werden kann, sagt Hannelore Mühlenhaupt. Bergsdorf sei für Kurt ein neues Abenteuer gewesen, aber eigentlich habe er immer nach Kreuzberg gehört, wohin er nun zurückkehre. Aber ganz weg war er sowieso nie, war mit seinem Feuerwehrbrunnen am Mariannenplatz immer präsent geblieben. Und die Brandenburger Bäuerinnen hatte er malerisch auch nicht anders behandelt als die Kreuzberger Frauen, die ihm so oft Modell gestanden hatten. Beine mochten dreckig oder geformt sein, wie immer sie wollten: „Wenn ick dicke Beine male, sind die schön“ – so hat es Kurt Mühlenhaupt stets gehalten, auch wenn er sich dann, fern der Stadtgrenze, plötzlich für die kargen, leicht melancholisch wirkenden märkischen Landschaften interessierte.

Allerdings war er kein gebürtiger Kreuzberger, ja, nicht mal Berliner, wurde vielmehr während einer Eisenbahnfahrt von Prag nach Berlin nahe Klein Ziescht im heutigen Landkreis Jüterbog-Luckenwalde geboren. Nach Kreuzberg kam er erst Ende der fünfziger Jahre, wurde dort bald zum Milieu-Maler, gerne verglichen mit Heinrich Zille, dessen Vorliebe für die sogenannten kleinen Leute er teilte. Er gehörte zur 1972 in Kreuzberg gegründeten Künstlergruppe der Berliner Malerpoeten, hatte elf Jahre zuvor das Künstlerlokal „Leierkasten“ an der Straßenecke Baruther/Zossener Straße gegründet.

Humanist mit rotem Hut

Mitunter hat man ihm vorgeworfen, im Stil der zwanziger Jahre zu malen, „aber das stimmt nicht,“ treffe allenfalls die Oberfläche, nicht die Seele, hat er sich dann verteidigt. „In den Zwanzigern, bei Grosz zum Beispiel, richtete sich die Malerei oftmals gegen das Geschöpf, und das wird bei mir nie der Fall sein.“ Abstehende Ohren, ein Buckel oder eben dicke Beine – macht nichts, für Kurt Mühlenhaupt, den Humanisten mit rotem Hut, blieben die Menschen trotzdem schön. Was er letztlich wollte: „Jeden aufnehmen in unsere Gemeinschaft“ und vor allem „den Menschen zum Mittelpunkt nehmen“.

Und so sehr er auch Berlin und Kreuzberg besonders verbunden blieb – weltoffen war er doch, lebte zeitweise in New York, Rom, Moskau, Paris, wollte aber immer schnell wieder zurück. Verglich sich dabei schon mal mit einer Runkelrübe: „Die steckste irgendwo in die Erde, und die wächst weiter.“ In Kreuzberg oder auch in Bergsdorf.

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