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Billiger Nahverkehr in Berlin? : Münchner Verkehrschef rät von 365-Euro-Ticket ab

Die Berliner SPD drängt auf ein 365-Euroticket für den öffentlichen Nahverkehr. Aber ein Experte aus München warnt die Genossen auf ihrer Klausur eindringlich.

Bus fahren für einen Euro täglich?
Bus fahren für einen Euro täglich?Foto: Jörn Hasselmann

Der Chef des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds, Bernd Rosenbusch, hat die Berliner SPD-Fraktion eindringlich davor gewarnt, im öffentlichen Personennahverkehr ein 365-Euro-Ticket einzuführen. In der österreichischen Hauptstadt Wien, wo es ein solches Jahresticket seit Jahren gibt, habe diese Initiative für Busse und Bahnen keine neuen Kunden gebracht.

Der große Hebel für die Anwerbung zusätzlicher Nutzer für den öffentlichen Nahverkehr sei der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und die Erhöhung der Parkgebühren gewesen, sagte Rosenbusch den verdutzten Genossen. "Das hätten sich die Wiener schenken können, das kostet nur viel Geld." In Bayern sei dieses Projekt beerdigt worden. Stattdessen habe man sich auf die Einführung eines 365-Euro-Tickets für Schüler und Auszubildende beschränkt.

Billige Jahreskarte kostet Berlin jährlich 160 Millionen Euro

Die SPD-Abgeordnetenhausfraktion will auf ihrer Jahresklausur in Nürnberg am Samstagnachmittag eine Resolution zum "sozialen Klimaschutz" beschließen. Darin streben die Sozialdemokraten auch ein 365 €-Ticket an, "um den öffentlichen Personennahverkehr attraktiver zu machen".

Nach internen Berechnungen des Senats würde dies jährlich 160 Millionen Euro als Zuschuss an die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kosten. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte kürzlich angekündigt, dafür Fördermittel des Bundes für ein Pilotprojekt einzuwerben.

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Parkgebühren zu erhöhen sei effektiver

"Ich würde die Finger davon lassen", warnte Rosenbusch am Sonnabend in seinem Vortrag vor der SPD-Fraktion. "Erhöhen Sie doch lieber erst einmal die Parkgebühren und investieren Sie in die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs."

Auch Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik äußerte sich sehr zurückhaltend. Ein 365-Euroticket passe nur in ein Gesamtpaket, das kein zusätzliches Geld koste. Sei es durch höhere Parkgebühre, eine City-Maut oder andere Zusatzeinnahmen.

Regierungschef Müller verteidigt das Projekt

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hielt energisch gegen. Berlin bewerbe sich für das 365-Euroticket um Bundesmittel und habe schon ein Job- und ein Sozialticket und die Schüler könnten gratis mit der BVG fahren. Gefördert aus dem Landeshaushalt. Die finanzielle Lücke zu einer 365-Eurokarte für alle Berliner sei deshalb nicht mehr so groß.
Müller fragte die SPD-Abgeordneten, die das Projekt kritisch sehen, ob dies „gut und klug“ sei. „Können wir es wirklich leisten, diesen Vorschlag untereinander wieder kaputt zu machen?“

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