• Bittere Bilanz für Berlins Fahrradfahrer: Weniger als 100 Kilometer neue Radwege seit 2017
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Bittere Bilanz für Berlins Fahrradfahrer : Weniger als 100 Kilometer neue Radwege seit 2017

Die Berliner fahren immer mehr Rad – aber die Bezirke legen kaum neue Infrastruktur an. Einer ist besonders weit zurück.

Diesen Radweg an der Holzmarktstraße gibt es seit 2018. Friedrichshain-Kreuzberg hat seit 2017 insgesamt 9,2 Kilometer Radweg geschaffen. Andere Bezirke schneiden wesentlich schlechter ab.
Friedrichshain-Kreuzberg hat seit 2017 insgesamt 9,2 Kilometer Radwege geschaffen. Andere Bezirke schneiden wesentlich schlechter...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Fahrradverkehr ist in Berlin deutlich gestiegen. Mehr als 2,3 Millionen Radfahrer bewegen sich auf den Straßen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung von 25 Prozent. Aber nicht einmal 100 Kilometer Radwege, genau nur 99,2, wurden seit 1. Januar 2017 bis Ende Mai 2020 berlinweit neu gebaut.

Außerdem sollen laut Verkehrskonzept alle 1120 Kilometer Fahrradwege grün eingefärbt werden. Bisher sind in diesem Jahr nur 8,4 Kilometer Radwege grün beschichtet worden.

Das geht aus den Antworten auf zwei Anfragen des SPD-Abgeordneten Sven Kohlmeier hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. „Die Bilanz der Verkehrsverwaltung nach zwei Jahren Mobilitätsgesetz keinesfalls überzeugend“, sagte Kohlmeier dem Tagesspiegel. „Und ohne die provisorisch hingezimmerten Pop-up-Radwege würde die Bilanz noch schlechter aussehen.“

Die Kosten für die rund 21 Kilometer langen grünen Markierungen, die 2018 und 2019 auf die Radwege gepinselt wurden, liegen bei rund 2,25 Millionen Euro. Kohlmeier wollte wissen, wie lange die „farbliche Beschichtung der jeweiligen Fahrradwege insgesamt gedauert“ habe.

Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese antwortete, dass in der Regel mit zwei Monaten Planung und zwei Monaten „Ausführung pro Strecke“ gerechnet werden müsse. Hinzu kämen „Zeiträume für die Projektentwicklung“ einschließlich Genehmigungsverfahren und Vereinbarungen mit dem Baulastträger.

300 Meter Radweg-Markierung für 26.300 Euro

Nur zwei Bezirke antworteten dezidiert auf die Frage nach den Kosten. Lichtenberg berichtete, dass für die grüne Markierung auf einer Länge von 300 Metern in der Skandinavischen Straße im Jahr 2018 Kosten in Höhe von 26.300 Euro entstanden seien.

Eine weitere Markierung in Alt-Friedrichsfelde sei durch die landeseigene Infrastrukturgesellschaft InfraVelo übernommen worden.

Der Bezirk Treptow-Köpenick antwortete auf Fragen zur Grünbeschichtung lapidar: Aufgrund der „derzeitigen Situation zur Eindämmung des Corona-Virus“ sei eine Zuarbeit durch das Straßen- und Grünflächenamt „leider nicht möglich“.

Das Berliner Straßennetz umfasst eine Länge von 5400 Kilometern. Etwa 850 Kilometer davon haben baulich angelegte Radwege. Hinzu kommen 270 Kilometer lange markierte Radfahrstreifen.

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Bei den 99,2 Kilometern neu gebauten Radwegen seit 2017 liegen nicht die Innenstadtbezirke, sondern Außenbezirke vorn. Außerhalb des S-Bahn-Ring wurden 75 Kilometer neue Radwege, innerhalb des S-Bahn-Rings lediglich 24,2 Kilometer gebaut.

Treptow-Köpenick hat neue Radverkehrsanlagen auf einer Länge von 17,5 Kilometern abgeschlossen, gefolgt von Spandau mit 15,5 Kilometern und Steglitz-Zehlendorf mit 14,2 Kilometern Länge. Friedrichshain-Kreuzberg schaffte schon nur mehr 9,2 Kilometer, Pankow 7,2.

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In Mitte wurden 6,9 Kilometer neue Radwege angelegt, 6,6 in Reinickendorf, in Lichtenberg waren es 5,9 und in Neukölln 5,3, dicht gefolgt von Tempelhof-Schöneberg mit 5,2 Kilometern. Nur magere 3,6 Kilometer neue Radwege legte Charlottenburg-Wilmersdorf an und gar nur 2,1 realisierte Marzahn-Hellersdorf.

Charlottenburg-Wilmersdorf besonders weit zurück

Charlottenburg-Wilmersdorf ist unter den Bezirken besonders weit hinten, was Radwege betrifft. Hier rief man 2017, 2018 und 2019 nicht einen einzigen Cent aus dem Fahrradsanierungsprogramm ab. Im ersten Halbjahr 2020 wurden auch keine Radverkehrsanlagen gebaut. Auch in 2021 sei „kein kompletter Neubau von Radverkehrsanlagen vorgesehen“, heißt es beim Bezirksamt.

Stattdessen wolle man die Radwege modernisieren. „Den Anspruch zu haben, heute das Mobilitätsgesetz eingeführt zu haben, und morgen sind alle Radverkehrsanlagen baulich angepasst, entspricht nicht der Realität“, antwortete das Bezirksamt. Die Realität besagt aber auch, dass das Mobilitätsgesetz seit Juli 2018 in Kraft ist. Und etliche Bezirke konnten seitdem deutlich mehr umsetzen als Charlottenburg-Wilmersdorf.

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