"Nette Leute treffe ich hier an der Tanke"

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Clubszene in West-Berlin : Das Leben nach dem Nachtleben
It-Girl forever. Tabea Blumenschein in ihrer Marzahner Wohnung.
It-Girl forever. Tabea Blumenschein in ihrer Marzahner Wohnung.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im alten West-Berlin war Tabea Blumenschein das, was man heute It-Girl nennt: verlässlich anzutreffen auf den großen Vernissagen, Partys, Premieren der Stadt, umgeben von namhaften Bekannten, darunter die Schriftstellerin Patricia Highsmith und der Maler Martin Kippenberger, und ohne Scheu, sich zu exponieren. Zusammen mit ihrer damaligen Freundin outete sie sich auf dem Cover des "Stern" als lesbisch.

Blumenschein übte auch It-Girl-typische Berufe aus. Sie war Model, Modedesignerin, Sängerin, Fotografin, Kostümbildnerin, Zeichnerin, Regisseurin, Schauspielerin. In mehreren Filmen der Regisseurin Ulrike Ottinger spielt sie die Hauptrolle. Der Künstler Wolfgang Müller, der durch sein Buch "Subkultur Berlin" zum Geschichtsschreiber des Berliner Nachtlebens geworden ist, hat sie damals für seine Band Die tödliche Doris angeworben. Dabei hatte Blumenschein zuvor noch nie Musik gemacht. "Tabea war eine Erscheinung", sagt er. "Eine extreme Schönheit mit wahnsinniger Präsenz. Dabei sehr eigensinnig."

Seit der Wende taucht sie nirgends im Nachtleben mehr auf. Dabei ist Blumenschein - wie die Clubs auch - vom Westen in den Osten gezogen. Allerdings bis nach Marzahn, in die Allee der Kosmonauten. Dort bewohnt sie in einem noch unrenovierten Plattenbau eine Ein-Zimmer-Wohnung von fast klösterlicher Einfachheit. Ein Tisch, zwei Stühle und eine Matratze auf dem Boden. Auf dem Tisch steht Kuchen, den Tabea Blumenschein gekauft hat. Sie ist 61 Jahre alt. Eine kleine, freundliche Frau auf Zehn-Zentimeter-Absätzen, die mit leiser Stimme und süddeutschem Singsang spricht.

Frau Blumenschein, warum sind Sie hierher nach Marzahn gezogen?
Das war in irgendeinem wilden Wahn. Zuvor wohnte ich an der Hauptstraße in Schöneberg, dort war meine Tür eingetreten worden. Genauso wie die Tür des Nachbarn unter mir, der seine Wohnung anschließend mit einem Fahrradschloss verriegelte. Ich fühlte mich unsicher. Ich dachte mir, in Marzahn sind keine Puffs wie an der Potsdamer Straße, da ist es ruhig, und ich kann mich erholen. Ich habe mich dann schon gewundert, dass ich in eine solche Einsamkeit geraten bin unter so vielen Menschen. Die Leute hier sind nicht sehr ausgehfreudig, weil es so wenige Lokale gibt.
Ihrer Wohnung gegenüber liegt das Sojus-Kino ...
... das ist aber schon lange zu. Ich fahre manchmal nach Mitte, ins Cinestar. "Django Unchained" habe ich dort gesehen.
Wann haben Sie aufgehört, abends auszugehen?
Bereits als ich nach der Wende nach Adlershof gezogen bin. Alles stand dort leer. Nach einer Disko konnte man lange suchen. Einmal bin ich in einem Weinlokal neben einer riesigen Tankstelle gelandet. Darin saßen 60-jährige Ostler, und der Wirt schrie: "Na, Frau Blumenschein, wo sind denn deine Punker? Hast du die nicht dabei?" Ich antwortete: "Schon lange nicht mehr." Ich habe damals an der Rudower Chaussee unter bosnischen Flüchtlingen gewohnt. Als Künstler kommt man viel rum.
Sie stammen aus der Nähe des Bodensees. Was verschlug Sie nach Berlin?
Ulrike Ottinger und ich haben hier unseren Film "Laokoon und Söhne" fertiggeschnitten und gleich den nächsten angefangen: "Die Betörung der blauen Matrosen" mit Valeska Gert. Das war 1973. Ich mietete mir eine Wohnung in der Erdmannstraße in Schöneberg.
Schöneberg war das Zentrum des Nachtlebens Ihrer Generation.
Sieben Mark kostete damals ein Taxi vor mir zum Metropol, der ersten Laser-Disko. Ich bin immer Taxi gefahren, weil ich hohe Absätze trug. Man kann nachts nicht durch die Gegend stöckeln. Da kam schon ein Haufen Geld zusammen.
Dennoch mussten Sie damals nicht nebenher jobben. Sie waren als Künstlerin kommerziell durchaus erfolgreich.
Ja (lacht schallend). Ich habe Zeichnungen oder Klamotten partiell verkauft. Die Auftritte mit der Tödlichen Doris brachten kaum was. Manchmal bekamen wir pro Person nur 50 Mark.
Gingen Sie damals jeden Tag aus?
Nein. Dazu hatte ich weder Nerven noch Geld. Ich erinnere mich, wie ich damals die Kostüme für eine Brecht-Inszenierung entwarf. Ich saß den ganzen Tag allein am Schreibtisch und wollte abends unter Menschen. Also bin ich in den Dschungel gefahren. Da waren viele Menschen.
Es liest sich immer so, als hätten Sie einen besonders großen Freundeskreis.
Gehabt, ja. Manche trifft man wieder. Viele leben leider nicht mehr. Martin Kippenbergers Schwester hatte mich vor zwei Jahren zur Vernissage der großen Kippenberger-Ausstellung in den Hamburger Bahnhof eingeladen. Das hat mich sehr gefreut. Ich bin aber nicht hingegangen. Ich finde es immer so traurig, wenn jemand gestorben ist.
Das Nachtleben ist ungesund. Haben Sie mal bereut, so viel ausgegangen zu sein?
Nie. Ich würde mit 80 noch in die Disko gehen. Im Moment mache ich es nicht.
Warum nicht?
Ich habe immer ein bisschen Angst, abends aus Marzahn rauszufahren. Man braucht über eine Stunde, um wieder zurückzukommen. Es gibt hier auch kriminelle Leute. Nachts muss man mit vielem rechnen. Ich gehe jetzt mehr in Cafés in Einkaufszentren: im Quartier 206 an der Friedrichstraße oder im East Gate an der Frankfurter Allee. Ich habe angefangen, abends wieder Bilder zu malen. Man muss sich ja beschäftigen. Manchmal kann ich eins meiner Bilder auch an Freunde verkaufen.
Was faszinierte Sie am Nachtleben: der große Auftritt?
Die Clubs waren eine Bühne. Im Dschungel wurde durchaus durchdiskutiert, was man so anhatte. Mich faszinierte, wie durch Stilisierung verschiedene Images entstehen. Mal trug ich eine Tolle, mal hatte ich die Haare zurückgegelt. Ich war ja kein Star, der immer denselben Typ darstellt. Im Gegenteil. Im letzten Film, bei dem ich mit Ulrike Ottinger zusammenarbeitete, spielte Veruschka von Lehndorff die Hauptrolle. Mittags traf ich sie im Büro: mit Mittelscheitel, ganz Model. Als ich später ans Set kam, hatte Veruschka ein Bärtchen und sah aus wie ein Mann aus der Zigarettenreklame. Ich musste so lachen.


Kennen Sie das Gefühl, etwas zu verpassen, weil sie nicht mehr ausgehen?
Erst hat es mich schon Nerven gekostet, um elf ins Bett zu gehen. Ich habe mich dran gewöhnt. Manchmal werde ich abends immer noch nervös und will raus, und das geht dann schlecht. Hier an der Tanke gibt es ein paar nette Leute, die nachts auch da sind. Man kennt sich. Ob linksradikal oder rechtsradikal - das ist hier alles gar nicht so radikal, weil die Leute aufeinander angewiesen sind.
Pflegen Sie noch Kontakte in die lesbische Szene Berlins?
Nee. Vergangene Woche bin ich am Pour Elle vorbeigegangen. Da dachte ich: Wer weiß, ob man da noch mal hinfährt. Obwohl ich manche Lesben ganz cool finde: Frauen, die so groß und männlich sind. Mit Kurzhaarfrisuren, Blousonjacken. Die gefallen mir schon. Doch am liebsten bin ich zuletzt ins Goya gegangen, da mischten sich die Szenen.
Waren Sie mal im Berghain?
Ja, zusammen mit einem Freund. Da sind diese ganzen tätowierten Männer auf der Tanzfläche, es gibt dort eine Art Darkroom. In die Ecke, hieß es, sollte ich nicht rein. Das ging mir auf die Nerven: Dass ich dies tun und dies lassen sollte.
Tanzen Sie noch so passioniert wie früher?
Weniger. Ich habe so eine Stents-Operation gehabt. Seitdem kann ich mich nicht mehr so drehen und wenden wie früher. Ich soll auch nicht mehr rauchen, trinken, keinen Kuchen und keinen Zucker essen.
Und, halten Sie sich dran?
Letzte Woche habe ich zwei Whiskey getrunken. Man kann nicht ganz abstinent werden. Gut, vielleicht kann man das schon, aber dann muss man seine Ruhe haben und nicht im Plattenbau wohnen, wo die Leute trinken, wie es ihnen passt.
Machen Sie tagsüber Spaziergänge? Marzahn ist umgeben von Grün.
Ein bisschen. Heute war ich bei Kaiser’s einkaufen. Ich bin weiter zu Rewe, und dann dachte ich, jetzt reicht es mit dem Spazierengehen. Viele hier gehen "durch die Gärten", wie sie sagen. Sie meinen die Gärten der Welt in Marzahn. Da sind so japanische Pavillons drin. Ich fühle mich noch nicht alt genug, dass ich einen Stock nehme und mir sage, ich spaziere jetzt mal durch die Gärten.

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