Deutsches Technikmuseum : Der Kapitän geht von Bord

Seine Leidenschaft war der Schiffbau: Vor 37 Jahren fing Dirk Böndel, Direktor des Deutschen Technikmuseums, als Volontär an. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Der scheidende Direktor Dirk Böndel in der Schiffshalle des Technikmuseums.
Der scheidende Direktor Dirk Böndel in der Schiffshalle des Technikmuseums.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Sextant, einst unentbehrlich für die Navigation auf See, war dem Museum für Verkehr und Technik zum Kauf angeboten worden, damals in den Achtzigern. Der Volontär Dirk Böndel, durchs Studium firm in Wissenschafts- und Technikgeschichte, aber bar jeder Erfahrung im musealen Betrieb, sollte dem Direktor Günther Gottmann sagen, was er von dem Angebot halte.

Das Instrument war echt, daran hatte er keine Zweifel, doch war es den geforderten Preis von 1500 D-Mark wert? Woher sollte er das wissen? Genau das gehöre zu seinen Aufgaben, beschied Gottmann seinen unerfahrenen Mitarbeiter, aber der Sextant wurde gekauft – und war durchaus günstig, wie Böndel später erkannte.

Wohl jeder hat am Ende seines Berufslebens solche Anekdoten zu erzählen – anfangs für den Betreffenden ein wenig peinlich, mittlerweile amüsant, mit Schmunzeln vorgetragen, in der Gewissheit, dass solche Anfängerfehler tiefe Vergangenheit sind. Im Fall von Dirk Böndel, zum Monatsende scheidender Direktor des Deutschen Technikmuseums, liegt das sogar 37 Jahre zurück.

Gerade seine Unerfahrenheit hatte ihm mit zu der Anstellung im neuen Museum verholfen. Gründungsdirektor Gottmann wollte eine junge Truppe, noch nicht durch lange Museumsarbeit für neue Ideen verdorben, wie sie ihm vorschwebten und wie sie von Böndel aufgegriffen und weiterentwickelt wurden, erst als Leiter der Abteilung Schifffahrt, seit 2003 als Direktor des Museums und ein Jahr später auch als Vorstand der neuen Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin.

Historische Technik nur sammeln, archivieren, ausstellen? Dem scheidenden Direktor war das zu wenig.

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Böndels Ziel und das seiner von ihm darin bestärkten Museumscrew – mit Wachschutz und Servicebereich rund 350 Personen – war es dagegen, die Kulturgeschichte der Technik nachzuzeichnen, auch ihre Randbereiche zu erfassen, also etwa wie sie das Leben verändert hat, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurde.

Bei Windenergie geht's auch um alte Religionen

Eine Ausstellung über die Windenergie handelte daher nicht nur von Windmühlen und -rädern, sondern ebenso von dem göttlichen Charakter, der dem Wind in alten Religionen zugesprochen wurde. Und keineswegs sollte es bei der Museumsarbeit nur um die Vergangenheit gehen, sondern ebenso um die Zukunft, wohin die Technik führen kann im Guten wie im Schlechten, ein Bereich, in dem das Technische ins Politische hinüberragt.

Ein Besucher betrachtet im Technikmuseum in Berlin einen legendären "Rosinenbomber" vom Typ Douglas C-47 B Skytrain.
Ein Besucher betrachtet im Technikmuseum in Berlin einen legendären "Rosinenbomber" vom Typ Douglas C-47 B Skytrain.Wolfgang Kumm dpa/lbn

Grundsätze der Museumsarbeit, an die der kleine Dirk noch nicht dachte, als er im Alter von zehn, elf Jahren, noch unkundig im Gebrauch einer Laubsäge, sein erstes hölzernes Schiffsmodell zusammenklebte, nach dem Vorbild des „Oseberg-Schiffs“, einer 1904 in Norwegen ausgebuddelten Grabbeigabe der Wikinger. Ihm folgten viele weitere Modelle, die spätere Spezialisierung an der TU Berlin auf historischen Schiffbau lag da nicht allzu fern.

Sein erstes Studium von Philosophie, Psychologie und Mathematik, ebenfalls an der TU, hatte er da schon hinter sich, promovierte nun, fand Kontakt zum Museum, wurde Volontär, dann Leiter der erst aufzubauenden Schifffahrtsabteilung, in der sich seine frühe Leidenschaft für den Schiffsmodellbau noch heute widerspiegelt. Ab einer gewissen Größe widersetzen sich die Originale einer Unterbringung in Museumsbauten.

Landet der "Rosinenbomber" bald wieder in Tempelhof?
Landet der "Rosinenbomber" bald wieder in Tempelhof?Foto: picture alliance / dpa

Mit den ganzen Modellen und Originalen, darunter dem 33 Meter langen, einst dem Ziegeltransport nach Berlin dienenden, 1987 aus der Havel bei Eiswerder geborgenen Kaffenkahn als Prunkstück, zog diese Teilsammlung 2003 in den damals eröffneten Neubau mit seinem Markenzeichen, dem an der Fassade hängenden Rosinenbomber.

Damals war kurzfristig die Direktorenstelle frei geworden, und Böndel, damals schon Stellvertreter, wurde erst zum kommissarischen, ein Jahr später offiziellen Museumschef berufen. Für ihn ein beruflicher Einschnitt und eine Entscheidung, die ihm sehr schwer gefallen sei, wie er heute sagt, bedeutete sie doch den Abschied von der inhaltlichen Arbeit, hin zu Organisation, Verwaltung, Leitung.

Andererseits: Es war etwas aufzubauen, ist es noch immer, das sei spannend gewesen. Man kann es bereits an den Quadratmetern Ausstellungsfläche ablesen: 28 500 sind es heute, etwa das Doppelte als beim Anfang der Direktorenzeit.

Architektenwettbewerb für das Eingangsgebäude steht an

Das um 2004 betriebene Riesenradprojekt neben dem Museum konnte verhindert werden, das vorgesehene Areal ging stattdessen ans Museum, das die Ladenstraße, heute unter anderem Ort der Automobilausstellung, dazugewann. Schon ist der Architektenwettbewerb für ein zentrales Eingangsgebäude in Sicht, doch diesen Stab übergibt Böndel dem Nachfolger.

Er selbst wird sich ganz zurückziehen, vielleicht wieder Schiffsmodelle bauen. Ein längerer Urlaub als sein eigener Kapitän? Geht nicht. Er hat keinen Segelschein.

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