Die Berlinale-Bären tanzen in den Morgen : Party im Zeichen des Bären

Die Schlussnacht der Berlinale lebt von vertrauten Ritualen zwischen Spiegelzelt und dem Crackers.

Glücklich und ausgelassen. Das Team des iranischen Films „There is No Evil“ feierte den Gewinn des Goldenen Bären.
Glücklich und ausgelassen. Das Team des iranischen Films „There is No Evil“ feierte den Gewinn des Goldenen Bären.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Das vegetarische Bärenmenü ist überraschenderweise geblieben. Vertraute Rituale werden eben besonders in bewegten Zeiten des Aufbruchs geschätzt, und die 70. Berlinale ist bis zu den letzten Minuten voll davon. Nach der Preisverleihung versammelten sich die Gewinner ab 22 Uhr ganz wie früher im Spiegelzelt gegenüber vom Gropius Bau. Der „Gropius Mirror Pavilion“, wie er offiziell heißt, beherbergt zwar kein kulinarisches Kino mehr, war in diesem Jahr als Treffpunkt auch für Teilnehmer des Europäischen Filmmarktes durch einen Vorbau deutlich vergrößert worden, weshalb alles etwas luftiger wirkte.

Mochte es bei der eigentlichen Abschlusszeremonie noch etwas verhalten zugegangen sein, wurde hier temperamentvoll gefeiert. Immer wieder brandete der Applaus auf, wenn ein neues Siegerteam den Raum betrat, besonders lang anhaltend für Paula Beer und für die iranischen Gewinner des Goldenen Bären. Den reichten sie, nachdem sie sich an einer langen Tafel niedergelassen hatten, bereitwillig herum: eine gewichtige Trophäe, mit der sich nun so viele Hoffnungen verbinden.

Neues Berlinale-Duo: "noch nicht so richtig genießen" können

Einmal gab es Applaus auch bei einem Abschied: Als Jurypräsident Jeremy Irons noch mal allen zuwinkte, bevor er das Zelt verließ. In dieser Nacht kommen Menschen zusammen, die sich an anderen Orten der Welt und in wechselnden Zusammensetzungen immer mal wieder sehen, aber niemals wieder in dieser Formation.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Für die neuen Gastgeber war der nächtliche Abschied vielleicht der erste Moment, einmal durchzuatmen und sich zu freuen über das gelungene Festival. Mariette Rissenbeek hatte draußen kaum gefroren in ihrem türkisfarbenen Abendkleid, das farblich genau zu dem kleinen Bären am Smoking-Revers von Mitgastgeber Carlo Chatrian passte. Das habe die Konzentration verhindert, sagte sie. Die beiden bestritten zum ersten Mal die Begrüßungszeremonie am Kopf des roten Teppichs. Der Frühling war schon fast da, an dem seltenen letzten Februartag. Beim ersten Mal sei man immer angespannt. „Man kann noch nicht so richtig genießen, weil man sich darauf konzentrieren muss, was noch verbessert werden kann“, sagte Carlo Chatrian. Die Besprechungen an den Tagen danach werden nun zeigen, wo dran zu drehen ist.

Selleriecreme und Pumpernickeleis

Das vegetarische Menü, diesmal von Thomas Gotthardt gekocht, der unter anderem schon für die Adlon Holding im Einsatz war, könnte aus mehreren Gründen bleiben. Auch Mitgastgeberin Mariette Rissenbeek ist Vegetarierin, aber es gibt zudem einen praktischen Grund. Drei Gänge, um Mitternacht verspeist, sollten möglichst leicht sein. Einer Sellerie-Cremesuppe mit getrockneten Pfifferlingen und gebackener Rauke folgten Karotte mit Walnussöl, Bete und wilder Brokkoli auf Blumenkohlcreme. Zum Abschluss gab es Pumpernickeleis mit eingemachten Pflaumen und Espresso-Zabaione. Dazu veganes Roggenbrot mit Gewürzhummus und Butter.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller, Abgeordnetenhauspräsident Ralf Wieland und Kunstanwalt Peter Raue unter anderem repräsentierten die Berliner Gesellschaft. Und beim Bilanzziehen wurde am Rande auch ein bisschen getrauert um diejenigen, die diesmal leer ausgegangen waren, allerdings mit einem tröstlichen Ausblick: „Es gibt ja immer noch den Filmpreis.“ Ein weiterer Trost: Mancher Premierenfilm, der von hier aus seine Reise um die Welt antritt, wird anderswo mit Preisen bedacht. Allerdings eignet sich nicht jede Auszeichnung so gut dazu, fast verliebt betrachtet, gestreichelt und herumgereicht zu werden, wie die Berlinale-Bären, die nicht nur schwer an Gewicht sind, sondern auch eine besonders sympathische Ausstrahlung haben. Jedes Jahr sind es neue Filmteams, die aus dieser Nacht unvergessliche Eindrücke mitnehmen an diese Stadt.

Lange Clubnacht

Weil Berlin längst besonders berühmt ist für sein Clubleben, ließen sich viele Gäste des Bärendinners am frühen Morgen in den bunten Limousinen ins Crackers chauffieren. Dort wurde richtig wild getanzt. Alle Reserven, die bei manchen im Augenblick der Überraschung auf der Bühne noch eine Nebenrolle gespielt haben mögen, konnten endlich fallen. Übrig blieb nur die ausgelassene Freude über ein erfolgreiches Festival.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen Tagesspiegel Plus 30 Tage gratis!