Digitaltechnik in der Medizin : Was bringt smarte Technik für die Gesundheit?

Das Sana-Klinikum kooperiert mit US-Technologieriesen. In Deutschland gebe es dafür zu wenige Partner, sagt Chefarzt Olaf Göing.

Hauke Hohensee
Die Apple Watch
Die Apple WatchFoto: dpa/Marcio Jose Sanchez

Im Gesundheitsmarkt stehen durch die Digitalisierung große Umbrüche bevor. Auch US-Technologiekonzerne wie Amazon, Google, Microsoft und Apple sind seit einiger Zeit dabei, neue Angebote im Gesundheitssektor zu entwickeln. Vieles konzentriert sich dabei auf die USA, nun bemühen sich die Konzerne, ihre digitale Vorherrschaft auch auf dem deutschen Gesundheitsmarkt durchzusetzen.

Während das im ohnehin auf Datenschutz besonders fokussierten Deutschland bei manchen Skepsis hervorruft, sehen andere Mediziner darin eine Chance und setzen stark auf die Zusammenarbeit mit großen amerikanischen Playern. „Es war leichter, diese Partner in den USA zu finden als in Deutschland“, sagt Olaf Göing, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II mit Schwerpunkt Kardiologie am Sana-Klinikum Lichtenberg. Er kooperiert gleich in mehreren Projekten mit den Unternehmen. In einer Studie, die unter anderem am Sana Klinikum stattfinden soll und von Göing geleitet wird, wollen die Mediziner die Nützlichkeit der Apple Watch genauer untersuchen. Bislang dient sie vielen Nutzern in Deutschland vor allem als Motivationshilfe beim Sport und als Fitnesstracker. „Wir wollen daraus seriöse Medizin machen“, so Göing. In den USA ist die Uhr bereits in der Lage, ein EKG zu erstellen, in Deutschland ist diese Funktion bislang nicht verfügbar. Apple sperrt die Nutzung bisher in anderen Ländern rigoros.

In der Studie wird die Apple Watch mit einem speziellen Armband, dem Kardia Band von Alivecor, das sich an der Uhr befestigen lässt und über die EKG-Funktion verfügt, an 100 Probanden mit behandelter Herzschwäche getestet. Bislang tragen sie zur Nachsorge oft einen sogenannten Event Recorder in der Größe eines USB- Sticks, der beim Herzen unter die Haut implantiert wird und die Herzaktivität aufzeichnet. Die Daten werden dann mit speziellen Programmen beim nächsten Termin in der Praxis oder Klinik ausgelesen.

Eine Uhr, die in der Lage ist, den Herzrhythmus zu kontrollieren und bei Unregelmäßigkeiten an Ort und Stelle ein verfügbares EKG anzufertigen, könnte hier im Vorteil sein. Auch weil sie den Patienten minimalinvasive Eingriffe zum Einsetzen und Austauschen des Event Recorders ersparen würde und geringere Kosten verursacht. Ob sie in Kombination mit dem Kardia Band tatsächlich vergleichbare Ergebnisse liefern kann, soll die Studie zeigen. Über den Fortgang und die Ergebnisse befindet sich Studienleiter Göing im direkten Austausch mit Apple.

Olaf Göing.
Olaf Göing.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Dass einheimische Unternehmen bislang lediglich Nebenrollen bei der Erprobung neuester Technologie spielen, komme nicht von ungefähr, sagt Göing und verweist auf die „amerikanische Denkweise“, etwa die Einstellung: „Mich interessiert nicht, was du früher gemacht hast, mich interessiert das Projekt, das wir morgen machen können.“ Um den Anschluss an die digitale Weltspitze herzustellen, sei es besser, mit erfahrenen Partnern zusammenzuarbeiten. Das ermögliche eine schnellere Umsetzung der Pläne. In einem anderen Projekt, das auf Initiative der Gesellschaft für integrierte Versorgung von Patienten mit Herz- Kreislauf-Erkrankungen entstand (deren Vorstand Göing ist), setzen er und andere Partner daher auf die Unterstützung von Microsoft. „Wir generieren bei Patienten mit Herzschwäche sehr, sehr viele Daten“, sagt der Rostocker Kardiologe Jens Placke. Er versucht seit Herbst 2018 im Pilotprojekt „Herz-Held“, diese besser zu nutzen. „Es sind Daten von Implantaten, eigene Befundergebnisse, Echokardiografien, Laborwerte oder auch biometrische Daten“, sagt Placke. Mithilfe von Analysewerkzeugen von Microsofts Azure Cloud wurde ein System entwickelt, das bei der Auswertung dieser Informationen hilft. Es ist zudem mit einem Therapiekonfigurator des Unternehmens Vitabook verknüpft. Der Arzt definiert die Therapie, der Patient erhält automatisch einen voll ausgearbeiteten Therapieplan in seine digitale Vitabook-Gesundheitsakte. Über eine App kann der Patient die im Therapieplan erfragten Daten eingeben und alle weiteren Befunde zentral sammeln und verwalten.

Die Verantwortung soll beim Arzt liegen

„Microsoft steht für KI und zählt hier neben Amazon und Google zu den ganz großen Playern“, sagt Göing. Ärzte entmündigen solle eine solche Anwendung nicht. Auch Till Osswald, Director Healthcare Industries bei Microsoft Deutschland, bestätigt: „Die Verantwortung liegt beim Arzt“. Er solle Empfehlungen zuerst absegnen. Wie das in der Praxis sichergestellt werden kann, bleibt abzuwarten. Bedenken entstehen derzeit vor allem bei der Sicherheit der äußerst sensiblen Gesundheitsdaten – besonders wenn diese mehreren Akteuren zugänglich gemacht werden sollen, neben dem Patienten selbst auch behandelnden Ärzten und Kliniken. Warnende Beispiele gibt es. Nur wenige Wochen nach Inbetriebnahme hatte im Herbst 2018 die IT-Sicherheitsfirma Modzero Sicherheitslücken in der App Vivy aufgedeckt, die von vielen deutschen Krankenkassen genutzt wird. 17,7 Millionen Menschen können in der vom gleichnamigen Berliner Unternehmen entwickelten App ihre Krankenakte verwalten.

Microsoft-Vertreter Osswald wirbt daher mit der Erfahrung der US-Giganten. Unternehmen in der Größe von Microsoft zu hacken gelinge trotz tagtäglich zahlreicher Versuche kaum. Und auch den Mediziner Göing treiben andere Sorgen um: „Ich bin nicht dafür, Datenschutz auszuhebeln, aber wir müssen in Deutschland die Chancen nutzen. Denn die größte Gefahr ist, dass wir diese nicht sehen und im digitalen Wettbewerb knallhart abgesägt werden.“ Er spricht sich für Vertrauen in die großen Player aus, Nachlässigkeiten in puncto Datenschutz könnten sich Apple, Microsoft und Co. gar nicht erlauben.

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