Filmstadt Berlin : Leben und Sterben im Spandauer Lynarkiez

Dealer, Spielsüchtige, Schläger: Die Filmemacher Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya zeigen in dem Spielfilm „Familiye“ das Spandau abseits von Zitadelle und Altstadtromantik.

Ohne den Rapper Xatar wäre „Familiye“ vielleicht noch lange nicht ins Kino gekommen.
Ohne den Rapper Xatar wäre „Familiye“ vielleicht noch lange nicht ins Kino gekommen.Foto: Promo

Der Deal steht: „30 plus 20 Zinsen“, wollen die beiden Finsterlinge, Geldverleiher, -eintreiber, Dealer in einem, von ihrem spielsüchtigen Schuldner haben, das sei so vereinbart, sonst würden sie ihn zu ihrem Sklaven machen.

Aber da wird Danyal sehr energisch. Niemand mache seinen Bruder Miko zum Sklaven. Ab sofort sei er ihr Schuldner, für 30 – ohne Zinsen! Das beeindruckt, man ist sich einig, aber ohne Drohung wollen die Geldhaie das Treffen nicht beenden: „Danyal, wenn es regnet, wirst du nass!“ Der überlegt kurz, zahlt mit gleicher Münze zurück: „Wenn es regnet, dann werden wir alle nass.“

Wie wahr, denn wenn der Film „Familiye“ nach 92 Minuten zu Ende ist, sind alle, metaphorisch gesprochen, ziemlich durchgeweicht, und nicht jeder hat die trostlose Geschichte überlebt.

Den "Hollywood Reporter" erinnert der Film an Scorseses "Hexenkessel"

Ähnlich wie in Martin Scorseses frühem Mafiafilm „Hexenkessel“ von 1973, mit dem der „Hollywood Reporter“ das Spielfilmdebüt der Spandauer Filmemacher Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan bereits verglichen hat – allein dies schon eine kleine Sensation.

Denn bei „Familiye“ handelt es sich nicht um eine der bisweilen auch jenseits der Landesgrenzen Aufmerksamkeit erregenden, mit viel öffentlichen Zuschüssen entstandenen Großwerke hiesiger Produktionsriesen, sondern um einen ohne jede solche Hilfe entstandenen Independentfilm über den Lynarkiez in Spandau-Neustadt, von dessen Existenz zuvor wohl nur wenige außerhalb der Bezirksgrenzen überhaupt wussten.

Ohne den Rapper Xatar wäre „Familiye“ vielleicht noch lange nicht ins Kino gekommen.
Ohne den Rapper Xatar wäre „Familiye“ vielleicht noch lange nicht ins Kino gekommen.Foto: Promo

„Familiye“ zeigt ein Spandau, das von der Backsteinpracht der Zitadelle, der Kerzenlichtidylle des Weihnachtsmarkts in der Altstadt, der Biergartenseligkeit am Alt-Kladow Havelufer denkbar weit entfernt ist. Den Lynarkiez eben, benannt nach der Lynarstraße, an dessen Namensgeber, den Zitadellen-Baumeister Rochus Graf zu Lynar, ein überlebensgroßes Fassadenbild erinnert, wie im Film zu sehen ist.

Hier wohnen auch die beiden Regisseure, selbst locker miteinander verwandt, und ebenso viele ihrer Darsteller, überwiegend Laien, teilweise miteinander verwandt auch sie – eine große Familie, wenn man so will, ein Kiez mit engen Zusammenhalt seiner Bewohner, doch nicht ohne Probleme – man sieht sie im Film.

Der sei „nach wahren Begebenheiten“ entstanden, heißt es im Vorspann, was, wie Kubilay Sarikaya erläutert, mehr die Inspiration durchs Milieu meint, nicht die eigentliche Geschichte. In der spielt er selbst Danyal, den Ältesten von drei Brüdern, soeben nach fünf Jahren aus der Haft entlassen, verantwortlich für die beiden anderen, und das ist wirklich nicht leicht: Da ist Miko (Arnel Taci), spielsüchtig, unfähig, einen Job auf längere Zeit zu behalten, dazu hochverschuldet. Und da ist Muhammed, genannt Momo, den die Behörden am liebsten in ein Heim stecken würden, gespielt von Sedat Kirtans Bruder, der auch im wirklichen Leben Muhammed heißt – „der heimliche Star des Films mit Downsyndrom“, wie es in den Presseinformationen zum Film zu Recht heißt.

"Noch kein klassisches Ghetto wie in Paris, aber..."

Der Kiez, in dem sich diese Familie, erweitert noch um eine aus der Psychiatrie entwichene, tablettenabhängige junge Frau (Violetta Schurawlow), zu behaupten versucht, hat mit romantischen Vorstellungen idyllischer Nachbarschaft wenig zu tun. „Kein klassisches Ghetto wie in den Vororten von Paris, aber es geht immer mehr in diese Richtung“ – so hat es Kubilay Sarikaya in einem rbb-Beitrag genannt. „Wenn die Monatslöhne kommen, sind die erste Anlaufstellen Casino und Wettbüro.“ Als „das andere Gesicht von Spandau“, so bezeichnen er und Sedat Kirtan dann am Telefon, soeben auf Kinotour durch die Republik, ihr Viertel. Es sei kriminalitätsbelastet, in ihrer Straße allein mit zwei Wettbüros und einem Casino. Zugleich aber gebe es im Kiez, dessen Straßen „unsere Studios dort“ seien, einen großen Zusammenhalt, wie sich auch bei den Dreharbeiten gezeigt habe.

Vorsicht, hier wird scharf geschossen: Muhammed Kirtan als Momo
Vorsicht, hier wird scharf geschossen: Muhammed Kirtan als MomoFoto: promo

Es ist der erste Spielfilm der beiden Regisseure, die auch das Drehbuch schrieben und das Casting übernahmen. Beide sind in Berlin geboren und aufgewachsen, mit familiären Wurzeln in Anatolien, wie sie sagen, doch sei ihr Film „ein Notwendigkeitskino, kein Migrantenkino“. Kubilay Sarikaya war früher Sozialarbeiter, konnte dabei Erfahrungen sammeln, die ihm jetzt halfen, Und er war von 1986 bis 2000 Ensemblemitglied im Tiyatrom Theater Berlin, ein erfahrener Schauspieler. Sedat Kirtan dagegen arbeitete als Personenschützer, anfangs parallel zum Filmgeschäft . 2007/08 gründeten beide die Lynarwood Filmproduktion, begannen mit kleineren Film- und Musikvideo-Projekten, drehten 2010 den 30-minütigen Kurzfilm „Verzokkt“, aus dem fünf Jahre später „Familiye“ entwickelt wurde.

Der Rapper Xatar stellte den Kontakt zu Moritz Bleibtreu her

Geld wollte in dieses vermeintlich aussichtslose Projekt niemand stecken, erst ein privater Investor, Kunstliebhaber und Cineast, wie die beiden Regisseure erzählen, sicherte die Finanzierung. Fehlte nur noch ein Verleih, und auch hier kam der Zufall zu Hilfe. 2016 hatten sie für die Rapper Xatar und Haftbefehl die Musikvideo-Trilogie „Coup“ gedreht. Beide steuern jetzt Songs zum Soundtrack bei und Xatar spielt einen imposanten Bäcker. Der Rapper erzählte wiederum Moritz Bleibtreu von dem Projekt. Der wollte mehr wissen, war nach ersten Sichtproben so davon angetan, das er mit seiner Firma Paloma Entertainment als Co-Produzent einstieg, „dazu entschlossen, den Film als eine Art Cheerleader zu unterstützen und zu präsentieren“, wie er sagt. Das ist ihm gelungen. Erst stellte Bleibtreu den Kontakt zum Filmfest Oldenburg 2017 her, auf dem „Familiye“ sofort den Hauptpreis errang. Danach konnte er auch einen Verleih vermitteln. Und wenn man die ersten Reaktionen auf „Familiye“ sieht, kann man nur sagen: Hier hat sich niemand verzockt.

Ab 3. Mai im Babylon Kreuzberg, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Cubix, Kino in der Kulturbrauerei und in den Cineplex-Kinos Alhambra, Neukölln, Spandau

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