Geheime Daten des Senats : Armutsquote der Schulen unter Verschluss

Die Bildungsverwaltung gibt die Sozialdaten nicht frei. Klar ist aber: Berlins ärmste Schule liegt in Kreuzberg.

Zusammen oder getrennt? Die soziale Entmischung der Schulen ist wieder einmal Thema.
Zusammen oder getrennt? Die soziale Entmischung der Schulen ist wieder einmal Thema.Foto: Jonas Güttler/dpa-Bildfunk

Nehmen wir an, die Grundschule hat 500 Schüler. 97,8 Prozent der Familien können nicht für sich allein sorgen, sondern erhalten Hartz IV oder andere Sozialleistungen. Bleiben elf Schüler, deren Eltern genug verdienen, um selbst über die Runden zu kommen. Elf von 500.

Es gibt diese Schule in Berlin. Mag sein, dass sie 400 Schüler hat oder 600, aber an der entscheidenden Zahl ändert sich nichts, und das ist die Quote der Schüler aus Sozialtransfer-Familien, die bei 97,8 Prozent liegt: Spitzenplatz.

Nur 2,2 Prozent der Familien ohne Sozialtransfer

Die Zahl ist neu. Der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck hat sie erfragt: Seit über einem Jahr versucht er, für alle Berliner Schulen - öffentliche und freie – die Quote zu bekommen. Sie heißt im Verwaltungsdeutsch „Quote der lernmittelbefreiten Schüler“. Kurz: lmb-Quote. Sieben Anfragen hat Langenbrinck dazu gestellt und jedes Mal eine Abfuhr erhalten, weil die Bildungsverwaltung ein Sozialranking verhindern will. Dahinter steht die Angst, dass die ärmsten Schulen dann noch mehr gemieden würden.

Über 20 Seiten Zahlenkolonnen - anonymisiert

Dennoch hat Langenbrinck weiter gefragt. Jetzt wurde die Antwort auf seine achte Anfrage zum Thema veröffentlicht. Dieses Mal hat sich Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD), der sich schön öfters über Langenbrincks Anfragen geärgert hat, etwas Neues einfallen lassen: Er teilt auf über 20 Seiten alle Sozialquoten mit – hübsch aufgeteilt nach Schulform und Bezirk. Aber die dazugehörigen Schulnamen oder Schulnummern wurden weggelassen. Begründung: Das sei eine „Verschlusssache nur für den Dienstgebrauch“.

Langenbrinck hält die Vorsicht der Verwaltung für ungerechtfertigt. „Fakten sind immer besser als Gerüchte auf dem Spielplatz“, findet der 32-jährige Abgeordnete aus Neukölln. Eltern sammelten schon jetzt viele Informationen: „Keine Schule kann ihre Sozialstruktur verheimlichen“, glaubt Langenbrinck, und deshalb sei es unnötig, diese Informationen, „die von allgemeinem Interesse sind, wie ein Staatsgeheimnis zu behandeln“.

Große Spannbreite - auch an öffentlichen Schulen

Ein paar Aufschlüsse geben Rackles’ Antworten dennoch: So sieht man, dass es berlinweit nur zwei Schulen gibt, deren lmb-Quote über 95 Prozent liegt. Besagte mit den 97,8 Prozent liegt in Kreuzberg, die andere – mit 95,7 Prozent – in Mitte. Es gibt aber auch einen Bezirk wie Pankow, in dem die höchste lmb-Quote an den öffentlichen Grundschulen unter 50 Prozent beträgt. Und man kann die ungeheuer große soziale Spannbreite von bis zu 90 Prozent sehen, die auch innerhalb eines Bezirks zwischen den öffentlichen Schulen liegt. Das gilt für Mitte und Neukölln, aber – abgeschwächt – auch für Tempelhof-Schöneberg oder Marzahn-Hellersdorf.

Die nächste Anfrage ist schon abgeschickt

Langenbrinck will allerdings nicht lockerlassen - ähnlich wie bei seinen Anfragen zur Schulgewalt und zu den Vergleichsarbeiten (Vera). Anders als bei Vera kann er allerdings nicht mit einem Karlsruher Urteil zum Auskunftsrecht der Abgeordneten argumentieren, denn Rackles hat angekündigt, dass Langenbrinck die Schulnamen zu den Sozialdaten bekommt - allerdings nur zur Ansicht, nicht zur Veröffentlichung.

Damit will sich der Neuköllner aber nicht zufrieden geben, weshalb er am Donnerstag die neunte Anfrage zum Thema abgeschickt hat. Dort fragt er die Verwaltung, wo denn jetzt für die "äußere oder innere Sicherheit" die Gefahr läge, wenn die Daten veröffentlicht würden.

Ähnliche Diskussionen gibt es seit Jahren

Vergleichbare Diskussionen gab es allerdings in der Vergangenheit immer - begleitet von allerhand angekündigten Horrorszenarien. Dies betraf etwa die Nennung der Quote von Schülern ohne Abschluss, der Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache, der Abitur- und MSA-Noten sowie die Veröffentlichung der Schulinspektionsberichte. All dies ist inzwischen im Netz bei den Schulporträts gebündelt.

Viel Zeit bleicht nicht mehr, aktuellen lmb-Quoten zu bekommen, denn wenn Berlin im Sommer anfängt, die Lernmittelfreiheit wieder einzuführen, muss die soziale Lage gar nicht mehr so genau wie bisher erfasst werden. Dann bliebe zur Orientierung nur noch der Berlin Pass, dessen Besitz aber nicht so systematisch erfasst wird.

Somit entfiele ein wichtiges Instrument für die Sozialforschung, dass gerade für Fragen der Entmischung zwischen reichen und armen Schulen gern von der Wissenschaft genutzt wird.

Die Anfrage zum Nachlesen finden Sie auch HIER.

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