„Gemeinsame Sache“ in Berlin : Unglaublich, wo man sich überall engagieren kann

Einfach mal mit anpacken: Die Berliner Freiwilligentage sind gestartet. Eine Reise durch das hilfsbereite Berlin - vom Gleisbau bis zum Garten der Sinne.

Mit einer Spezial-Ratsche ziehen die BVG-Gleisbauer-Azubis lockere Muttern der Parkeisenbahn-Gleise in der Wuhlheide fest
Mit einer Spezial-Ratsche ziehen die BVG-Gleisbauer-Azubis lockere Muttern der Parkeisenbahn-Gleise in der Wuhlheide festFoto: Christoph Stollowsky

„Hau-ruck.“ Ein wahrer Kraftakt. Dominic Gärtig, 19, stemmt sich gegen die gelben Metallhebel seiner Mega-Ratsche. Ein meterlanges Spezialwerkzeug. Damit zieht er jetzt eine lockere Mutter an der Gleisschwelle superfest. Dominic und sieben weitere Azubis lernen Gleisbauer bei der BVG.

Doch freitagfrüh kontrollieren sie freiwillig die Schienen der Parkeisenbahn im Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ), damit die beliebten Schmalspur-Züge auch künftig sicher durch die Köpenicker Wuhlheide rollen.

„Juhuuu!“ Georg und Karl, Fünftklässler im Andreas-Gymnasium an der Friedrichshainer Koppenstraße, bugsieren gegen 13 Uhr eine voll gepackte Schubkarre über den Hof. „Cool, ein ganzer Berg Müll“, ruft Karl, „sogar mit alter Unterhose.“ Die Jungs packen mit ihrer Klasse auf dem Pausenhof an.

Mehr als zwanzig Kinder jäten Unkraut, pflanzen blühende Heide, sammeln Müll und Totholz, rechen Laub. „Heute gibt es ganz viele Aktionen, um unser Berlin zu verschönern“, erklärt Lehrer Frank Rudolph. „Machen wir mit.“

Zwei Momentaufnahmen eines bewegten Tages. Die Gleisbauer und Schüler brachten sich am ersten von insgesamt neun Berliner Freiwilligentagen unter dem Motto „Gemeinsame Sache“ mit ein. Bis zum 21. September bieten knapp 300 Initiativen Tag für Tag vielfältige Mitmach-Aktionen an. Sie sollen Mut und Lust zum ehrenamtlichen Einsatz machen – fürs soziale Miteinander, für die Umwelt, Kultur oder schlicht die Schönheit Berlins.

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Einfach mal ausprobieren, welche Aktion persönlich Freude macht. Morgen geht's weiter, jeder ist willkommen. Es gibt in der ganzen Stadt unglaublich viele Chancen, mit anzupacken. Das wollen der Tagesspiegel und Paritätische Wohlfahrtsverband zeigen. Deshalb organisieren wir 2019 bereits zum 8. Mal gemeinsam die Freiwilligentage.

Laub-Arbeiter. Schüler der fünften Klasse des Friedrichshainer Andreas-Gymnasiums im Einsatz auf ihrem Pausenhof.
Laub-Arbeiter. Schüler der fünften Klasse des Friedrichshainer Andreas-Gymnasiums im Einsatz auf ihrem Pausenhof.Foto: Stefan Weger

Unsere Reise zu mehreren Stationen des ersten Aktionstages beginnt um 9 Uhr bei den jungen Gleisbauern in der Wuhlheide. Feste Lederschuhe, Blaumannhosen, Werkzeuge über der Schulter. So läuft der Trupp am „Hauptbahnhof“ der Parkeisenbahn los. „Unser Beruf ist Knochenarbeit und noch echtes Handwerk“, sagt Florian Julkowski und schiebt sein Basecap zurück. Die Verantwortung sei groß.

„Du musst millimetergenau arbeiten.“ Das machen sie auch hier. Keine Schiene bleibt locker. Die Parkbahn soll nicht entgleisen, seit 1956 dreht sie ihre Runden, betrieben von Kindern und Jugendlichen, die dafür extra ausgebildet werden.

Nächste Station. 11 Uhr, die „Gärten der Sinne“ an der Wodanstraße 40 in Mahlsdorf. Wer würde am Rand einer solchen, eher unspektakulären Straße derartige Paradiese vermuten? Dicke Rotkohlkugeln, Sonnenblumen, Minze, Popcornmais, üppige Studentenblumen – was Gärtnern Freude macht, hier gedeiht es.

Dicke Möhre, üppiger Kohl. Josef Krtlelishvili liebt seinen Job in den "Gärten der Sinne" in Mahlsdorf. Junge und ältere Besucher schmecken, riechen und entdecken dort die Zauber der Pflanzen- und tierischen Gartenwelt.
Dicke Möhre, üppiger Kohl. Josef Krtlelishvili liebt seinen Job in den "Gärten der Sinne" in Mahlsdorf. Junge und ältere Besucher...Foto: Christoph Stollowsky

Der Verein „Mittendrin leben“ pflegt beide Oasen. Chefgärtner Josef Krtlelishvili aus Georgien lädt vom Frühjahr bis zum Herbst Kitas und Klassen ein zum „Schnuppern, Kosten und Wahrnehmen“ der Natur. Wie riecht Schnittknoblauch? Wie schmecken Andenbeeren? Am Freitag probieren das nicht nur die Jüngsten aus. Unter dem Motto „So blüht die Welt“ erkunden auch Senioren die Gärten und ackern auf Beeten, die Kontinente symbolisieren. Sie pflanzen Kakteen, Olivenbäume, sogar ein australischer Grasbaum wird behutsam in die Erde gesenkt.

Modedesigner Julian bemalt Tetra Paks

An der Brunnenstraße 145 in Mitte hat sich der Kiezladen der Volkssolidarität unterdessen in ein Maleratelier verwandelt. Hier werden halbierte Tetra Pak-Tüten von Saft und Milch gereinigt und mit Acrylfarbe kunterbunt bemalt. „Das sind alternative Recycling-Pflanzgefäße“, sagt Julian Rehbock aus Alt-Moabit, von Beruf Modedesigner. Als er die Tetra Pak-Aktion im Internet entdeckte, dachte er: „Das kriege ich auch noch hin.“

Der 30-Jährige hatte ohnehin vor, sich mal ehrenamtlich einzubringen. Nächste Woche wollen sie ihre Gefäße mit Kräutern bepflanzen und damit die Metallskulpturen auf der „Gleim-Oase“ am Gleimtunnel schmücken.

Kunterbunt recycelt. Halbierte Tetra Pak-Tüten werden im Kiezladen der Volkssolidarität an der Brunnenstraße in Mitte von Julian Rehbock (l.), Dunja Berndt und Holger Eckert bemalt.
Kunterbunt recycelt. Halbierte Tetra Pak-Tüten werden im Kiezladen der Volkssolidarität an der Brunnenstraße in Mitte von Julian...Foto: Christoph Stollowsky

Jetzt aber rasch zum Fennpfuhlfest am Anton-Saefkow-Platz in Lichtenberg. Dort wirbt die Bezirksgruppe des Mietervereins für ihren Service. Zwei Anlaufstellen haben die Aktiven, in der Ribnitzerstraße 1 und Wandlitzstraße 13.

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Wer Mietprobleme hat, kann sich rund ums Jahr Montag und Dienstag gratis beraten lassen. Weiter geht’s zum Andreas-Gymnasium in Friedrichshain, unterwegs ein Telefonat mit der Kiezgruppe Friedrichsfelde der Aktion „KulturLeben Berlin“. Was macht ihr heute ehrenamtlich? „Wir vermitteln für Menschen mit wenig Geld gratis Tickets für Kulturevents.“ Veranstalter stellen die Karten zur Verfügung, jeder kann sich im Netz bewerben.

Endstation Pausenhof an der Koppenstraße. Der Lehrer hat im Kombi Gartenscheren, Rechen, Pflanzen und Erde herantransportiert. Die Sonne scheint, Handschuhe an. Wer will erstes Herbstlaub rechen? „Ich“, rufen Klara und Charlotte. Und legen los. Damit die Miniermotten bei ihnen keine Chance haben.

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