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© Ralf Geithe/stock.adobe

Tagesspiegel Plus

Gewalt nach der Trennung: „Jugendämter und Familiengerichte schützen Mütter und Kinder oft nicht ausreichend“

Behörden, Beratungsstellen und Justiz nehmen Partnerschaftsgewalt oft nicht ernst genug, sagen zwei neue Studien. Im Mittelpunkt stehen Sorgerecht und Umgangsregelungen.

Von Jessica Reitzig

Gewalttätige Männer, die Vergeltung für eine Trennung üben, indem sie ihren Frauen die Kinder mithilfe eines Familiengerichts „wegnehmen“ – wie verbreitet ist dieses Phänomen? Wie behandeln Jugendämter Mütter, die sich aus einer gewaltvollen Beziehung befreit haben? Und werden Kinder in diesem Zusammenhang gefährdet? Dazu gab es bislang kaum aussagekräftige Daten. Nun geben zwei neue Studien Anhaltspunkte, dass es für Frauen und Kinder in solchen Situationen oft ziemlich düster aussieht.

Mütter, die sich wegen häuslicher Gewalt von ihrem Partner trennen, sowie ihre Kinder erhielten danach oft keinen ausreichenden Schutz von staatlichen Institutionen wie Jugendämtern und Familiengerichten. Das schließt die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes aus einer jetzt veröffentlichten Studie, bei der rund 1000 Mütter befragt wurden, die nach eigenen Angaben Opfer von häuslicher Gewalt durch ihren Partner waren. „Die Gewaltspirale dreht sich für viele Frauen nach einer Trennung an staatlichen Institutionen weiter“, sagt Johanna Wiest, Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt bei Terre des Femmes, die die Studie verantwortet.

90 Prozent der befragten Mütter gaben an, diskriminierende Erfahrungen mit staatlichen Institutionen gemacht zu haben. „Konkret werden an Jugendämtern und in Familiengerichten Gewalterfahrungen missachtet, während Mütter und Väter völlig ungleich behandelt werden“, sagt Wiest. „Die befragten Mütter machen die Erfahrung, dass Behörden und Gerichte Väterrechte über das Kindeswohl stellen und den Willen ihrer Kinder nicht berücksichtigen.“

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Prozent der befragten Frauen gaben an, ihnen sei das Sorgerecht entzogen worden, weil der gewalttätige Ex-Partner das zur Vergeltung beantragt hatte.

Die Mehrzahl der befragten Frauen gab weiter an, dass Ihnen ihr Partner nach der Trennung damit gedroht habe, das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder vor einem Familiengericht entziehen zu lassen. 44 Prozent der Frauen teilten mit, ihnen sei daraufhin tatsächlich das Sorgerecht gerichtlich entzogen worden. 16 Prozent der befragten Frauen gaben, dass ihre Kinder daraufhin zum gewalttätigen Vater unplatziert worden seien. In 54 Prozent dieser Fälle sei dies gegen den Willen der Kinder geschehen.

50.000 Euro Gerichtskosten für die Mutter

Eine 43-jährige Berliner Mutter, die an der Studie teilgenommen hat, gab auf ihrem Fragebogen an, ihr gewalttätiger Ex-Partner habe ihr nach der Trennung damit gedroht, sie mit einem Gerichtsverfahren zum Sorgerechtsentzug zu „bestrafen“. Und das habe wie geplant funktioniert: Ihr Kind sei von einem Berliner Familiengericht zum Vater unplatziert worden, gegen seinen Willen und den der Mutter. „Mein Sohn und ich sind gebrochen durch das, was der Vater uns mithilfe der Institutionen antut“, schrieb sie auf den Fragebogen. Die durch ihren Ex-Partner initiierten familiengerichtlichen Streitigkeiten hätten sie außerdem rund 50.000 Euro gekostet.

„Die Ergebnisse lassen erkennen, dass Umgangs- und Sorgerechtsangelegenheiten von gewalttätigen Ex-Partnern instrumentalisiert werden, um Nachtrennungsgewalt auszuüben“, sagt Wiest von Terre de Femmes.

In der Studie gaben 56 Prozent der Frauen an, die Väter hätten gerichtlich Umgang mit den Kindern erwirkt, obwohl die Mütter das nicht für sicher hielten. Dabei wird oft nicht berücksichtigt, dass es schon eine Kindeswohlgefährdung darstellt, wenn Kinder zusehen müssen, wenn der Vater die Mutter misshandelt hat. Für Kinder sei es „schädlich, wenn sie häusliche Gewalt miterleben mussten“, sagt Carsten Löbbert, Sprecher der Fachgruppe Familienrecht der Neuen Richtervereinigung.

Wir haben es mit einem ganzen System zu tun, das Vorurteile gegen Frauen hegt, sie gezielt benachteiligt.

 Johanna Wiest, Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt bei Terre des Femme

Eine weitere für die Studie befragte Mutter wandte sich nach der Trennung von ihrem gewalttätigen Partner Hilfe suchend an das Jugendamt. Doch Unterstützung habe sie bei der Behörde nicht bekommen: „Mir wurde zu verstehen gegeben, dass das Jugendamt mit ,Beziehungsproblemen’ nichts zu tun hat, und nur für Kindschaftssachen zuständig ist. Mir wurde gesagt, ich müsse das trennen, die Beziehungsebene und die Kindschaftssache. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.“ Auch wenn er ihr gegenüber sexuell gewalttätig war, „könne er trotzdem ein guter Vater sein“, habe sie zu hören bekommen.

Auch die Universität Bielefeld hat kürzlich eine aktuelle Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse in eine ganz ähnliche Richtung weisen. Im Auftrag der Stiftung Alltagsheld:innen kamen die Wissenschaftler hier zu dem Ergebnis, dass „belastende Umgangsregelungen, intransparente Gerichtsentscheidungen und zu wenig Berücksichtigung von Partnerschaftsgewalt“ ein ernst zunehmendes Problem Alleinerziehender darstellen würden. „Die explorative Kurzstudie gibt Hinweise auf aktuelle Problemlagen und institutionelle Defizite, die nicht zuletzt auf strukturell verankerte Geschlechtermuster zurückzuführen sind. Sie sollte als empirischer Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen gelesen werden,“ berichtet Studienleiterin Barbara Thiessen.

Mangelnde Gleichstellung

Beide Studien beleuchten einen in der deutschen Forschung bisher kaum untersuchten Bereich. Sie sind in einen Kontext mangelnder Gleichstellung einzuordnen, von der besonders Mütter betroffen sind. So sind laut dem Statistischen Bundesamt über 80 Prozent aller Alleinerziehenden Mütter, aber nur rund 25 Prozent der Väter zahlen vollen Unterhalt.

„Es geht nicht um Einzelfälle, und das Problem ist auch nicht ein einzelner Richter, der kurz vor der Rente steht und gerade nicht aufgepasst hat. Hier geht es um strukturelle Gewalt an Frauen in staatlichen Institutionen. Wir haben es mit einem ganzen System zu tun, das Vorurteile gegen Frauen hegt, sie gezielt benachteiligt“, sagt Johanna Wiest. „

Diskreditierung der Mütter

Die Referentin bei Terre des Femmes war selbst von häuslicher Gewalt betroffen und weiß, wie herausfordernd diese Situation für Frauen sein kann. So hat mehr als jede zweite gewaltbetroffene Mutter in Umgangs- und Sorgerechtsangelegenheiten Diffamierungen und Vorurteile bei Behörden erlebt, das ermittelt die Studie. „Dabei werden unwissenschaftliche Narrative wie ,Eltern-Kind-Entfremdung’ oder ,symbiotische Mutter-Kind-Beziehung’ eingesetzt, die der Diskreditierung der Mütter dienen. Das führt das zu einer starken psychischen Belastung bei den betroffenen Frauen, einer Schädigung des Kindeswohls, dem Verlust des Glaubens an den Rechtsstaat und zueiner fortgesetzten Gewaltausübung durch den Ex-Partner.“

So wurden 54 Prozent der Studienteilnehmerinnen nach eigenen Angaben vorgeworfen, sie würden in einer „zu engen Mutter-Kind-Bindung“ leben, ganzen 72 Prozent wurde eine sogenannte „Bindungsintoleranz“ unterstellt. Viele der betroffenen Frauen würden Hilfe in Beratungsstellen suchen, doch die hätten kaum Chancen, die Rechte der Mütter auch tatsächlich durchzusetzen, erklärt Wiest. „Es erfordert unglaublich viel Mut, sich zu diesen tabuisierten Themen zu äußern. Aber nur durch die Erfahrungen und Berichte der Betroffenen wird erfassbar, welche Ungerechtigkeiten und Rechtsverstöße erlebt werden und dass es sich eben nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein strukturelles Problem, das von politischer und rechtlicher Seite unbedingt angegangen werden muss.“

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