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© Ole Spata/dpa

Tagesspiegel Plus

Sofort nach der Infektion zur Infusion : Mit dieser Therapie wollen Berliner Ärzte schwere Coronafälle vermeiden

Die Charité behandelt neu infizierte Risikopatienten für einen schweren Covid-19-Verlauf mit synthetischen Antikörpern. Erste Tests sind vielversprechend.

Könnte es in Berlin bald möglich sein, dass die Medizin Risikopatienten für einen schweren Verlauf von Covid-19 die Therapie auf der Intensivstation erspart? Ärztinnen und Ärzte der Charité sind davon überzeugt und haben eine neue Ambulanz ins Leben gerufen. Hier werden Patientinnen und Patienten, bei denen die Gefahr besteht, dass sie später ins Krankenhaus müssten, bereits kurz nach einer Infektion mit dem Coronavirus mit biotechnologisch hergestellten sogenannten monoklonalen Antikörpern behandelt.

Unter der fachlichen Leitung der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité hat das Universitätsklinikum jetzt begonnen, frisch mit dem Coronavirus infizierte Menschen, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben, mit einer Infusion der synthetischen Antikörper zu versorgen. „Das ist meines Wissens einmalig in Deutschland“, sagt der Direktor der Medizinischen Klinik Norbert Suttorp. Man wolle bis Mitte Mai hunderte Risikopatientinnen und -patienten, die sich kurz zuvor mit dem Coronavirus infiziert haben, mit dem Medikament behandeln.

Richtiger Zeitpunkt könnte Krankenhausaufnahme verhindern

Man habe lange danach gesucht, was die beste Indikation für den Einsatz monoklonaler Antikörper sei, bei welchen Covid-19-Patienten diese Präparate am besten wirken. „Zunächst wurden sie bei schon schwer erkrankten, auch bei beatmeten Patienten angewendet, die in den Krankenhäusern lagen“, sagt Suttorp. Doch da habe sich keine Wirksamkeit finden lassen.

Warum nicht? „Schon wenige Tage nach der Infektion kann das Immunsystem auf Autopilot gehen und die gefährlichen überschießenden Reaktionen zeigen, obwohl die Viruslast schon deutlich fällt.“ Dann sei es schon zu spät für Antikörper, die gegen das Coronavirus wirken.

Was aber geschieht, wenn man die Antikörper bereits frühzeitig nach der Infektion verabreicht? Forscher wechselten in die ambulante Medizin und untersuchten die Wirkung der Antikörper bei Patienten, die sich maximal fünf Tage zuvor mit dem Coronavirus infiziert hatten und bei denen aufgrund von Vorerkrankungen wie Adipositas und Bluthochdruck oder wegen der Einnahme immunschwächender Medikamente ein großes Risiko bestand, dass die Covid-19-Erkrankung einen schweren Verlauf nehmen würde.

Das ist meines Wissens einmalig in Deutschland.

Norbert Suttorp, Infektiologe

„Und Bingo, bei ihnen sah man einen sehr ausgeprägten Effekt durch die monoklonalen Antikörper“, sagt Suttorp. Studien zeigten, dass Risikopatienten, denen man binnen maximal fünf Tagen nach der Infektion monoklonale Antikörper verabreichte, bis zu 70 Prozent seltener ins Krankenhaus mussten. „Mussten in der Kontrollgruppe zehn Patienten wegen eines schweren Covid-19-Verlaufs stationär aufgenommen werden, waren es in der Gruppe der mit dem Präparat behandelten Personen nur drei.“

Bisher keine Zulassung in der EU

Suttorp ist sich sicher, dass man zur Behandlung von Covid-19 ein neues Tool an die Hand bekommen habe, das sehr wirksam sei. Und anders als bei den immer noch knappen Impfstoffen ist es bereits in großer Zahl vorhanden. Denn diese Medikamente hatte das Bundesgesundheitsministerium bereits im Januar angeschafft.

Bis zu 70 Prozent seltener müssen die Patienten auf der Intensivstation behandelt werden, wenn sie monoklonale Antikörper verabreicht bekommen hatten

© Stefan Weger

Für 400 Millionen Euro kaufte das Ministerium insgesamt 200.000 Dosen von zwei Herstellern. Konkret handelt es sich demnach um den monoklonalen Antikörper Bamlavinimab vom US-Pharmakonzern Eli Lilly und um die beiden gleichzeitig zu verabreichenden Antikörper Casirivimab/Imdevimab des US-Biotech-Unternehmens Regeneron. Nach vorliegender Studienlage könne die Medikation möglicherweise dabei helfen, „die Virusmenge im Körper zu begrenzen“, teilte das Ministerium damals mit. In den USA besitzen die Mittel eine Notfallzulassung für den Einsatz bei Covid-19.

Allerdings wurde gerade die Notfallzulassung für Bamlavinimab zurückgezogen, da es durch Mutationen des Virus keine Wirksamkeit mehr zeigte – eingesetzt werden kann es aber nach wie vor in Kombination mit dem Antikörpermittel Etesevimab. In der EU gebe es bisher keine Zulassung der zuständigen Europäischen Arzneimittelbehörde.

Die 200 000 Dosen werden an 18 ausgewählte Krankenhausapotheken in Deutschland ausgeliefert, auch an die Charité-Apotheke für Berlin und Brandenburg. „Wenn man einige Tausend Dosen Antikörper in den nächsten vier Wochen verabreichen könnte, würde dies die Zahl der Patienten, die wegen eines schweren Verlaufs ins Krankenhaus müssen, deutlich reduzieren“, sagt Suttorp.

Meldepflichten, Sicherheitsaufwand und Dokumentationsbedarf sind in diesem Falle hoch

Doch bisher konnten diese Medikamente wegen der fehlenden EU-Zulassung nicht ambulant eingesetzt werden. Denn dadurch bestehe ein sehr hoher Sicherheitsaufwand, eine umfangreiche Meldepflicht an diverse Behörden und sehr hoher Dokumentationsbedarf, den nur Krankenhäuser bewältigen könnten.

Das betrifft zum Beispiel Menschen mit starkem Übergewicht.

Norbert Suttorp, Charité-Mediziner

„Wir waren lange in der absurden Situation, dass die Medikamente im ambulanten Bereich, wo sie viel mehr bringen, nicht angewendet werden konnten, dafür aber im stationären Bereich, wo sie wenig effektiv sind, verfügbar waren“, sagt Norbert Suttorp. Die neue Charité-Ambulanz für den Einsatz monoklonaler Antikörper ändere dies nun.

Jetzt werde es möglich, die Antikörper-Präparate gerade erst infizierten Patient:innen zu geben, die wenige oder keine Krankheitssymptome zeigen, aber Risikofaktoren für einen späteren schweren Verlauf von Covid-19 haben. „Das betrifft zum Beispiel Menschen mit starkem Übergewicht, chronisch Lungen- und Nierenkranke, Organtransplantierte, die immununterdrückende Medikamente bekommen, Tumorpatienten mit einer aktuell laufenden Chemotherapie und einige mehr“, sagt der Mediziner.

Haus- oder Fachärzte vermitteln die geeigneten Patienten an die Charité

Diese Risikopatienten, die maximal 72 Stunden zuvor mit einem PCR-Test positiv auf das Coronavirus getestet wurden, können nun in der Charité ambulant mit den Antikörpern behandelt werden. Allerdings nur, wenn sie ihr behandelnder Haus- oder Facharzt vermittelt.

Man habe sich darauf verständigt, dass sich die Praxen an das Universitätsklinikum wenden können, wenn ihnen Patienten bekannt sind, die entsprechende Kriterien erfüllen, teilte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin auf Anfrage mit: „Dieses Projekt schafft die Möglichkeit, eine bestimmte Patientengruppe sehr früh einer Therapie zuzuführen.“

Das Präparat mit den Antikörpern wird per Infusion in der Ambulanz verabreicht. Die Infusion dauert rund eine Stunde. Danach muss der Patient eine weitere Stunde zur Nachbeobachtung in der Klinik bleiben. „Die Nebenwirkungen sind überschaubar und wenn sie auftreten in der Regel allergischer Natur“, sagt Norbert Suttorp.

Täglich infizieren sich hunderte Berlinerinnen und Berliner mit dem Coronavirus, von denen viele für die neue Therapie geeignet seien. „Die Charité wird sie nicht alle versorgen können.“ Suttorp hofft, dass andere Krankenhäuser in Berlin und in Deutschland das Modell übernehmen. „Nur auf diesem Weg könnten alle gekauften 200 000 Antikörperdosen vielen Patienten zu Gute kommen und so Leben retten.“

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