High-Tech-Architektur in Berlin : Denkmalschutz soll Nutzbarmachung von ICC befördern

Das technisch marode und schadstoffbelastete Gebäude soll wieder zu einem wichtigen Kongress- und Kulturzentrum werden. Es besticht durch seine einzigartige Architektur.

Erhaltenswert. Die Denkmalschützer loben das ICC als Kunstwerk.
Erhaltenswert. Die Denkmalschützer loben das ICC als Kunstwerk.Foto: Mike Wolff

Der Denkmalschutz für das Internationale Congress Centrum (ICC), der am Dienstag verkündet wurde, ist der Startschuss für eine Sanierung des Gebäudes in öffentlich-privater Partnerschaft. Das technisch marode und schadstoffbelastete „Raumschiff“ am Messedamm, das 2014 geschlossen wurde und zeitweise noch als Flüchtlingsunterkunft diente, soll wieder ein attraktiver Standort für große Kongresse und Kulturveranstaltungen werden. Voraussichtlich ergänzt durch ein Hotel, anstelle des abrissreifen Parkhauses am südlichen Ende des 320 Meter langen Mammutbaus.

Auf 13 eng bedruckten Seiten begründet das Landesdenkmalamt die historische, künstlerische und städtebauliche Bedeutung des ICC, das in diesem Jahr 40 Jahre alt geworden ist. Die nationale und internationale Bedeutung des Ausnahmebaus begründe ein „Erhaltungsinteresse der Allgemeinheit“. Der stillgelegte Kongressbau am Messedamm im Westen der Stadt sei eine „weithin sichtbare Landmarke“, die als Wahrzeichen für die fortschrittliche Weltstadt stehe.

Für die Wirtschaft und das Image des ehemaligen West-Berlins sei das ICC von herausragender Bedeutung gewesen, so die behördlichen Denkmalschützer. Und sie weisen daraufhin, dass es sich um das wichtigste Beispiel der „High-Tech-Architektur“ in Deutschland handele. Durchaus vergleichbar mit dem Centre Pompidou in Paris oder dem Century Tower in Tokio. Die Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte hätten die „herausragende baukünstlerische, städtebauliche und organisatorische Leistung“ vollbracht, auf engstem Raum zwischen Stadtautobahn, Messedamm und S-Bahn eine Infrastruktur für bis zu 20.000 Veranstaltungsteilnehmer zu entwerfen, das reibungslos und angenehm funktionierte.

Ein Raum- und Licht-Kunstwerk

In der amtlichen Begründung für den Denkmalschutz wird auch hervorgehoben, dass das ICC ein „von der zeitgenössischen Kunst inspiriertes Raum- und Licht-Kunstwerk“ sei. Die Kongressmaschinerie sei architektonisch und konstruktiv zu einer ästhetisch ansprechenden „Stadtskulptur“ verdichtet worden. Das bis heute anhaltende öffentliche Interesse am ICC belege dessen Bedeutung. Der Landeskonservator Christoph Rauhut geht davon aus, dass der seit fünf Jahren diskutierte und nun vollzogene Denkmalschutz für das Kongressgebäude einer wirtschaftlichen Nutzung des ICC nicht im Wege stehen wird.

Im Gegenteil. Dieser Beschluss erhöhe für private Investoren, die den Kongressstandort neu beleben wollen, die Planungssicherheit, sagte Rauhut dem Tagesspiegel. Er kündigte an, dass der Denkmalschutz pragmatisch gehandhabt wird: „Wir werden unsere Rolle mit Augenmaß wahrnehmen.“ Der Landeskonservator lobte ausdrücklich die gute Kooperation mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM).

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erarbeitet zurzeit einen Gebäudepflegeplan für das ICC. Darin wird festgelegt, welche Bauteile besonders umfassend zu schützen – und welche veränderbar sind. Die Grundstrukturen des Kongressgebäudes werden gewiss nicht angetastet. Es werde, so Rauhut, eine „Ikone“ der Baukunst an den Markt gebracht. Zunächst muss aber die veraltete und schwer angegriffene Haustechnik – vom Keller bis zum Dach – erneuert werden. Außerdem wird die Beseitigung von Schadstoffen noch einmal begutachtet.

200 Millionen Euro für die Nutzbarmachung vom Senat

Deren Beseitigung und die Erneuerung der ICC-Technik sind Sache des Senats. Um das Gebäude wieder nutzbar zu machen, stehen in der Finanzplanung des Senats knapp 200 Millionen Euro zur Verfügung. Weitere Mittel, es geht um eine hohe dreistellige Millionensumme, sollen private Investoren beisteuern. Angestrebt wird eine „Mischnutzung“, aber die Wiederaufnahme des Kongressbetriebs soll im Vordergrund stehen. Ein Interessenbekundungsverfahren wurde im Frühjahr abgeschlossen. „Unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes“, wie Senatorin Pop betonte.

Jetzt werden Ausschreibungen für das ICC vorbereitet. Im Rahmen eines Konzeptverfahrens sollen den privaten Interessenten Nutzungskriterien an die Hand gegeben werden, an denen sie sich orientieren müssen. Möglichst zeitgleich will Pop die Schadstoffsanierung des Gebäudes auf den Weg bringen. Mit einer Wiedereröffnung des ICC ist zwar erst im nächsten Jahrzehnt zu rechnen, die Gefahr eines Abrisses oder des unaufhaltsamen Verfalls scheint vorerst gebannt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die legendäre Deutschlandhalle, die unter Denkmalschutz stand und trotzdem 2011 abgerissen wurde. Oder an den Palast der Republik, einst östliches Pendant des ICC, der 2008 von der Bildfläche verschwand.

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