Interview mit Franz Allert : „Der Inklusionspreis ist weiterhin nötig“

Am 11. November wurde der 17. Berliner Inklusionspreis verliehen. Ein Gespräch mit Lageso-Chef Franz Allert über Selbstbewusstsein, Sprache und Wertschätzung

Franz Allert bei der Vergabe des Berliner Inklusionspreises am 11. November im Roten Rathaus.
Franz Allert bei der Vergabe des Berliner Inklusionspreises am 11. November im Roten Rathaus.Foto: Sandra Ritschel

Herr Allert, wie kamen sie 2003 auf die Idee, einen jährlichen Inklusionspreis zu vergeben?

Ich hatte damals meine Stelle als Leiter des Landesamtes für Gesundheit und Soziales gerade erst angetreten und begonnen, mich in die Thematik der Schaffung von Arbeitsplätzen für Schwerbehinderte einzuarbeiten. Es gab gute Beispiele, über die aber viel zu wenig berichtet wurde. Ich erinnere mich etwa an einen blinden Mitarbeiter in der Bildungsverwaltung, dessen Arbeitsplatz so ausgestattet war, dass er seiner Tätigkeit sehr gut nachgehen konnte. In Rheinland-Pfalz gab es damals schon einen Inklusionspreis. Wir wollten das auch in Berlin umsetzen. Sozialsenatorin Heidi Knake- Werner fand die Idee gut und ermunterte uns dazu.

Welche Ziele haben Sie mit der Auszeichnung verfolgt?

Es ging und geht darum, das Engagement der Arbeitgebenden öffentlich zu machen, mit Mund-zu- Mund-Propaganda. Die Ehrung soll aber auch Danksagung, Wertschätzung sein. Diesen Aspekt darf man nicht unterschätzen.

Warum wurde der Preis 2013 von „Integrationspreis“ in „Inklusionspreis“ umbenannt, und was hat die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 damit zu tun?

Mit dieser Konvention wurden erstmals Menschen mit Behinderung nicht mehr als „krank“ betrachtet und bezeichnet, sondern als gleichberechtigt. Das war ein Paradigmenwechsel und gab der Umsetzung in der Bundesrepublik einen Schub. Der Handlungsdruck etwa zur Schaffung von Barrierefreiheit in Gebäuden ist seither größer. Das Bedeutsame an der Konvention ist ja, dass sie in nationales Recht umgesetzt werden muss. Auch „inklusiv“ zu denken war ein großer Fortschritt: Alle gehören dazu, es gibt keine Ausgeschlossenen. Sprache vermag etwas, durch sie schafft man auch Realität.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 17 Jahren Inklusionspreis?

Positiv ist, dass wir kontinuierlich Bewerbungen erhalten, insgesamt über 500 seit dem ersten Jahr. Das zeigt auch das ungebrochene Interesse an dem Preis.

Und was ist negativ?

Dass diese Ehrung immer noch nötig ist. Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ist kein Selbstläufer. Wir klären immer noch viele Firmen darüber auf, welche finanziellen Hilfen es etwa bei der Anstellung gibt. Von rund 6000 beschäftigungspflichtigen Unternehmen in Berlin kommt aktuell nur ein Drittel seiner Pflicht nach. Allerdings möchte ich nicht pauschal behaupten, dass die übrigen Firmen sich „freikaufen“. Das klingt so negativ. Manchmal geht es es auch einfach nicht.

Hat sich der öffentliche Diskurs über Menschen mit Behinderung in den vergangenen Jahren zum Positiven gewandelt?

Das ist schwer einzuschätzen. Ja, es gibt eine größere gesellschaftliche Offenheit. Aber die Situation ist noch lange nicht so, wie wir sie uns wünschen würden.

[Das Gespräch führte Udo Badelt. Franz Allert ist seit 2003, mit zweijähriger Unterbrechung zwischen 2015 und 2017, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales.]

Was würden Sie sich wünschen?

Dass wir keine Ausgleichsabgabe mehr bräuchten. Dass die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung keine besondere Anstrengung mehr erfordert, sondern eben einfach dazugehört.

Warum ist der Preis noch nötig?

Sie soll auch das Selbstbewusstsein einzelner Menschen mit Behinderung stärken. Man staunt ja immer wieder, was - mit technischer Hilfe oder persönlicher Assistenz - möglich ist, wie man auch beim Auftritt von Graf Fidi im Roten Rathaus sehen konnte. Es geht um Mut, um Zutrauen. Darum, nicht nur die (vermeintlichen) Defizite der Mitarbeitenden zu sehen, sondern die Potentiale. Darum, voneinander zu lernen. Das betrifft auch mich selbst. Auch ich hatte gefestigte Bilder im Kopf, die ich erst überwinden musste.

Sie gehen Ende Mai 2020 in den Ruhestand. Wie wird der aussehen, welche Pläne haben Sie?

Ich werde mich weiter im sozialen Bereich engagieren. Bis es soweit ist, bin ich aber bis zur letzten Sekunde ausgelastet.

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