Johanna und der Krautreporter : Walze, walze, manche Strecke

Sie hat wahrscheinlich schon die „Weltbühne“ ausgespuckt: Nun produziert eine Druckerpresse von 1924 das "Best of" eines Online-Magazins.

Daniel Klotz ist eine Hälfte der „Lettertypen“, einer Druckerei in Adlershof mit historischen Maschinen – darunter ist auch die fast 100-jährige, mehrere Tonnen schwere „Johanna“.
Daniel Klotz ist eine Hälfte der „Lettertypen“, einer Druckerei in Adlershof mit historischen Maschinen – darunter ist auch die...Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Johanna ist ein Sensibelchen. Spürt sie, dass man ihr nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit zuwendet, beginnt sie zu zicken. Wird nachlässig, fängt an zu schmieren, unsauber zu arbeiten, und war da nicht eben ein leise protestierendes Quietschen zu hören? Lass mal gut sein, altes Mädel, wir sind ja schon wieder ganz bei dir.

An sich muss diese Dünnhäutigkeit überraschen, ist die zarte „Johanna“ doch ein ziemliches Trumm, fünf bis sechs Meter lang, über drei Meter hoch, mehrere Tonnen schwer und schwarz, zusammengefügt aus Eisen und Stahl. Ein Wunderwerk der Technik, allerdings der von 1924: eine Johannisberger Schnellpresse aus Geisenheim am Rhein, mit der man Papierbögen bis zu einer Größe von 130 mal 92 Zentimeter bedrucken kann. Ein Ungetüm, das, wenn sie erst mal loslegt, zuverlässig Passanten anlockt, die sich die Nase an den Fenstern ihres Heims plattdrücken oder schon mal neugierig Einlass begehren bei „Johannas“ Herrn und Meister Daniel Klotz, um zuzuschauen bei dem noch heute faszinierenden Druckvorgang – über ein halbes Jahrtausend nach Johannes Gutenbergs Wirkungszeit.

Auch "Johanna" braucht gelegentlich ein Update - mit der Ölkanne.
Auch "Johanna" braucht gelegentlich ein Update - mit der Ölkanne.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Eine Überlebende der großen Zeit des Handwerks, der analogen Welt, als Maschinen noch nicht mit immer ausgefeilteren Software-Programmen auf Trab gehalten wurden, sondern mit Schraubenschlüssel und Ölkanne. Und doch liegen in „Johannas“ Werkstatt im Adlershofer Büchnerweg zwei dicke Stapel eines Druckwerks, dessen Herkunft alles andere als analog ist, das diese nach Druckerschwärze duftende Vergangenheit lange hinter sich gelassen zu haben schien: eine Art „Best of“-Ausgabe des Online-Magazins „Krautreporter“.

„Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“ – so dichtete einst der Herr von Goethe in seinem „Faust“. Beim achtseitigen „Krautreporter Nr. 01/2018“ hat Daniel Klotz auch noch Rot dazugemischt, was den Produktionsprozess deutlich verlängerte: Pro Farbe muss Blatt für Blatt eigens durch die Druckerpresse geschickt werden, und nur maximal 300 Bogen schafft „Johanna“ pro Stunde. Bei der Premierenauflage von 5000 Exemplaren kommt da schon einige Zeit zusammen.

Vom Crowdfunding zur Genossenschaft

„Krautreporter“ gibt es seit 2014, geboren als Crowdfunding-Projekt, was im Namen nachklingt, mittlerweile von einer Genossenschaft getragen, werbefrei, finanziert nur durch die Mitgliedsbeiträge der etwa 10 000 Abonnenten, die pro Jahr 60 Euro zahlen, als Fördermitglied 108 Euro. Zehn Personen arbeiteten im journalistischen Bereich, vier weitere in Marketing und Produktion, erzählt Herausgeber Sebastian Esser. Auch greife man gern auf das Fachwissen der Abonnenten zurück, produziert werde keineswegs ein Nischenmagazin. Das wird durch den gedruckten „Krautreporter“ durchaus bestätigt. Der Aufmacher beschäftigt sich mit der #MeToo-Debatte, gefolgt von Reportagen über vermisste minderjährige Flüchtlinge („Die neuen Kinder vom Bahnhof Zoo“), die Rolle des Autos im US-Alltag oder einen Anbieter von Segeltörns, über deren Preis die Teilnehmer selbst entscheiden.

"Johanna“ ist gebürtige Hessin, stand aber von den zwanziger bis in die achtziger Jahre in Potsdam und kam dann zur Druckerei Lutz Nessing nach Adlershof.
"Johanna“ ist gebürtige Hessin, stand aber von den zwanziger bis in die achtziger Jahre in Potsdam und kam dann zur Druckerei Lutz...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kaufen kann man die Papierausgabe nicht, sie ist reserviert für die Abonnenten, die sich solch ein analoges Extrablatt wünschten. Für Esser ist das Druckprojekt, das jetzt alle paar Monate wiederholt werden soll, eine gute Möglichkeit zu zeigen, „dass es uns noch immer um Journalismus geht“, Projekte wie der „Krautreporter“ eben nicht abgeschnitten sind von dieser Kultur. Und gerade dank „Johanna“ könne man „Anschluss finden an die Geschichte des Journalismus“, schließlich soll auf ihr Mitte der zwanziger Jahre eine Zeitlang die „Weltbühne“ gedruckt worden sein, legendäre Berliner Wochenzeitung mit Chefredakteuren wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky. Dass vielleicht einer wie Erich Kästner neben „Johanna“ seine Zigarette geraucht hat, findet Esser „super interessant“. Die Kombination aus altem Handwerk und moderner Technik passe gut zum Online-Magazin „Krautreporter“.

Die Idee zu dem Druckwerk hatte der dem „Krautreporter“ verbundene Erik Spiekermann, renommierter Autor, Schriftgestalter, Typograph, zudem an der Johnannisberger Schnellpresse, „dieser Riesenmaschine“, beteiligt, wie er im gedruckten „Krautreporter“, im Interview mit Sebastian Esser, wissen lässt. Der Hintergedanke bei seinem Vorschlag: Der „Krautreporter“ biete so viele Geschichten, „die aufgehoben werden sollten“. Das Problem bei einem Online-Magazin: „Im Digitalen kann man zwar alles suchen, aber nichts finden. Zeitungsdruck ist genau das Gegenteil – man legt die Zeitung ins Regal oder in die Schublade und kann sie jederzeit wieder greifen.“ Außerdem suchte Spiekermann nach passendem Druckstoff für „Johanna“.

Die Werkstatt soll keinesfalls ein Museum sein, das Motto der beiden Fachmänner lautet vielmehr: „Erhaltung durch Produktion.“
Die Werkstatt soll keinesfalls ein Museum sein, das Motto der beiden Fachmänner lautet vielmehr: „Erhaltung durch Produktion.“Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Seine Begeisterung fürs Druckhandwerk muss schon in früher Jugend entstanden sein. Aufgewachsen ist er neben der Bonner Universitätsdruckerei, schwärmt noch heute von den „sehr menschlichen Geräuschen“, die solch eine Maschine erzeugt. Daniel Klotz blickt auf eine ähnliche drucktechnische Sozialisation zurück. Schon mit zwölf Jahren erhielt er von seinem Vater, Drucker auch er, solch eine Maschine zum Geburtstag, ein solides, doch verglichen mit „Johanna“ zierliches Gerät, dem heute einige Teile fehlen, aber er hat sie immer noch, untergebracht wie die Johannisberger Schnellpresse und weitere historisches Druckgerät in der Werkstatt in Adlershof, und zwar in einem Teil des Gebäudes, in dem angeblich Hermann Tietz für seine Kaufhäuser Unterwäsche fertigen ließ, Herrenschlüpfer mit Eingriff und solche Sachen.

"Lesen gefährdet die Dummheit"

Mit dem Buchbinder Ralf Fischer betreibt Klotz, von Hause aus Schriftsetzer, die Firma „Die Lettertypen“. Zu deren Leitsätzen gehören Sprüche wie „Lesen gefährdet die Dummheit“, „Lesen macht schön“ oder „Digital war gestern“, die man hier und dort in der Werkstatt lesen kann. Die beiden haben sich dem traditionellen Drucken von Geschäftsausstattungen, Plakaten, Broschüren, Büchern, Plattencovern und Künstler-Unikaten verschrieben, einschließlich Layout, Hand- und Maschinensatz, Bildbearbeitung und Klischeeerstellung. Beispielsweise hat der Suhrkamp-Verlag dort seine edle Letterpress-Reihe drucken lassen. Stets ist dabei das Ideal, ein auch haptisch erfahrbares Druckbild zu erzielen, das aber keinesfalls auf der Rückseite des Papiers durchschlagen darf, wie Daniel Klotz, von seiner Profession offensichtlich begeistert, erklärt. Drucken auf Maschinen wie „Johanna“ – das sei entschleunigend, man könne, nein, man müsse sich Zeit lassen, damit es gut werde. Und keinesfalls sei seine Werkstatt ein Museum, trotz der historischen Ausstattung. Sein Motto lautet vielmehr: „Erhaltung durch Produktion.“

Digital? Analog? Vom Online-Magazin "Krautreporter" gibt es eine "Best of"-Auswahl gedruckt.
Digital? Analog? Vom Online-Magazin "Krautreporter" gibt es eine "Best of"-Auswahl gedruckt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Dass auf „Johanna“ schon die „Weltbühne“ gedruckt wurde, habe ihm der Vorbesitzer erzählt, sagt Klotz. Zeitlich und räumlich kommt das zumindest hin: Die Druckerpresse stand bei der Druckerei Edmund Stein in Potsdam, dort wurde die „Weltbühne“ in den zwanziger Jahren tatsächlich gedruckt. Erst in den achtziger Jahren wurde sie dort abgebaut, kam zur Druckerei Lutz Nessing nach Adlershof, Nessing und der Vater von Daniel Klotz haben sie dann restauriert. 2013 kauften „Die Lettertypen“ das Monstrum, Erik Spiekermann spendierte neue Walzen, seither tut sie unerschütterlich ihren Dienst – sofern man ihr nur die volle Aufmerksamkeit schenkt.

Der Drucker muss dran glauben

Immerhin besteht in der alten Trikotagenmanufaktur keine Gefahr, dass „Johanna“ durch Salven aus Maschinenpistolen Schaden nehmen könnte, wie das Inventar der trotzkistischen Druckwerkstatt in der TV-Serie „Babylon Berlin“. Daniel Klotz war bei dem Massaker in der ersten Staffel, beziehungsweise bei den Dreharbeiten desselben, dabei. Mit Maschinen von Erik Spiekermann war die Untergrunddruckerei ausgestattet worden, Klotz hatte als technischer Berater dafür zu sorgen, dass während der Aufnahme tatsächlich gedruckt wurde. Seiner Figur ist das nicht gut bekommen: Drei Patronenhülsen erinnern Daniel Klotz noch heute an seinen spektakulären Filmtod.

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