Jugend ohne Club? : Berliner Jugendclubs sind in Gefahr

Sie sind Anlaufstelle, Treffpunkt, Ideenschmiede – und für manchen sogar Familienersatz. 400 öffentlich geförderte Jugenclubs gibt es in Berlin. Doch vielen von ihnen droht die Schließung.

Jugendliche skaten im Mellowpark.
Jugendliche skaten im Mellowpark.Foto: Sven Darmer

Nach der Schule geht es in den Jugendclub. Dahin, wo Eltern nicht nerven und auch kein Lehrer; wo der Streit mit den Geschwistern weit weg ist; wo es etwas zu tun gibt. Zocken am PC, Kickern, vielleicht erste eigene Musik im Tonstudio aufnehmen.

400 öffentlich geförderte Jugendclubs gibt es in Berlin. Sie erreichen rund 60 000 Jugendliche und junge Erwachsene, die meisten von ihnen sind zwischen 14 und 27 Jahre alt. Manche Clubs gibt es erst seit zehn Jahren, wie das Sunshine Inn in der Weißen Siedlung in Neukölln. Andere haben eine Tradition als besetztes Haus aus der Nachwendezeit, wie das Unabhängige Jugendzentrum im Pankower Florakiez. Es sind Orte, die nicht nur wichtig sind für ihre Besucher, sondern auch für die Stadt und ihre Gesellschaft. Im Idealfall lernen die Jugendlichen hier, Verantwortung zu übernehmen – für ihre eigene Zukunft und für andere. Für viele ist der Club mit seinen Erziehern und Sozialpädagoginnen eine zweite Familie geworden, ein paar von ihnen erzählen auf diesen Seiten davon.

Hussein und Rosa, Kira, Tabea und Fabrizio haben in Jugendclubs Freunde gefunden – und eine Idee von dem, was sie irgendwann einmal beruflich machen möchten. Aus ihren Leben sind diese Orte nicht wegzudenken. Und doch sind sie in Gefahr. Denn die Einrichtungen sind personell unterbesetzt und chronisch unterfinanziert. Viele Sozialarbeiter arbeiten mehr als ihre regulär vergütete Arbeitszeit: Wenn die Jugendlichen Probleme haben, sind sie auch mitten in der Nacht erreichbar. „Die meisten Kinder- und Jugendzentren arbeiten unter furchtbar prekären Bedingungen“, sagt die SPD-Politikerin Mirjam Blumenthal, Vorsitzende des Jugendhilfe-Ausschusses in Neukölln. Die von den Bezirken organisierten Kinder- und Jugendreisen gibt es kaum noch. Jugendverbände als politisches Sprachrohr, aber auch als demokratische Spielwiese, haben es besonders schwer. Dabei lernen die jungen Erwachsenen gerade hier praktische demokratische Teilhabe und Selbstorganisation.

Auch steigende Mieten sind eine Bedrohung. „Wir erhalten fast im Wochentakt Anrufe von sozialen Trägern, die gekündigt wurden oder drastische Mieterhöhungen erhalten haben“, sagt Jochen Biedermann, der grüne Neuköllner Stadtrat für Stadtentwicklung und Soziales. Erst im November drohte dem Mädchenclub Schilleria im Neuköllner Schillerkiez die Schließung. Im gleichen Zeitraum ereilte das Sunshine Inn in der Weißen Siedlung im Süden des Bezirks ein ähnliches Schicksal. Auch der Senat beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Der Wegfall des Sunshine Inn käme einer Katastrophe gleich, sagt Biedermann. Doch wenn die Kündigung oder Mieterhöhung kommt, ist es für den Bezirk nicht einfach, eine Lösung zu finden.

Im vergangenen Jahr sollte in Schöneberg ein neuer Mietvertrag für die traditionsreichen Jugendclubs Potse und Drugstore ausgehandelt werden. Die Clubs nutzen 800 Quadratmeter auf der Potsdamer Straße. Beste innerstädtische Lage, direkt neben Galerien und Edelrestaurants. Der Eigentümer schickte dem Bezirk zum Jahresende eine Kündigung. Für eine Verlängerung verlangte er eine drastische Mieterhöhung. Der Bezirk muss außer diesen beiden mehr als 30 andere soziale Einrichtungen finanzieren. „Wir wissen nicht, woher wir das Geld bekommen sollen“, sagte Tempelhof-Schönebergs Stadtrat Oliver Schworck damals.
Denn egal, ob Jugendclub oder elterngeführte Kindertagesstätte: Die Einrichtungen gelten im Mietrecht als Gewerbe. Staatliche Versuche, steigenden Mietpreisen mit Mietpreisbremse und Milieuschutz zu begegnen, greifen wiederum nur bei Wohnungsmieten. „Juristisches Neuland“, nennt der Linken-Abgeordnete Pascal Meiser aus Friedrichshain-Kreuzberg den Schutz für Gewerbemieter. Bislang gibt es keine ausgearbeiteten Gesetze, die diese Einrichtungen vor stark steigenden Mietpreisen schützen könnten. Sie müssten auf Bundesebene entschieden werden. Soziale Einrichtungen einfach als solche auszuweisen und ihre Mieten dadurch zu begrenzen, könnte auch dazu führen, dass diese Einrichtungen auf dem Mietmarkt benachteiligt werden und schwerer Räume bekommen.

Der Berliner Senat möchte sich durch eine Gesetzesinitiative im Bundesrat für einen besseren Mietschutz von sozialen Einrichtungen einsetzen, aktuell wird vor allem über eine Gewerbemietpreisbremse diskutiert. Die Alternative wäre, dass Bezirke enger mit städtischen Wohnungsbaugesellschaften zusammenarbeiten und bei Neubauten im Erdgeschoss Gewerberäume für soziale Einrichtungen mit einplanen. Die Bezirke hätten so eine größere Kontrolle über die Mietpreisentwicklung für diese Einrichtungen.

Potse und Drugstore, die Schilleria und das Sunshine Inn hatten Glück: Sie dürfen vorerst bleiben. Nach einem Jahr müssen die zwei Schöneberger Clubs voraussichtlich in die Bülowstraße umziehen, in Räume der landeseigenen Gewobag. Das Sunshine Inn in der Weißen Siedlung darf bis September bleiben, dann wird neu verhandelt. Bei der Schilleria wurde ein neuer Mietvertrag unterzeichnet – die Höhe des Mietpreises bleibt geheim.

Für die Jugendlichen bedeuten diese Verdrängungskämpfe auch, dass sie viel über politisches Engagement lernen. „Sie erfahren, dass die Politik es versäumt hat, sich frühzeitig für sie einzusetzen, und dass deswegen nun ihr Rückzugsort bedroht ist“, sagt Sinaya Sanchis, Sozialarbeiterin in der Schilleria. Die Jugendlichen sehen, wie Bezirkspolitik in der Praxis funktioniert: mit Druck und vielen Kompromissen. Sie lernen, nicht einfach kampflos aufzugeben, sondern sich dafür einzusetzen, dass ihre Räume erhalten bleiben, dass sie ein Recht darauf haben. Sei es zum Musik machen, kickern mit Freunden, Ideen schmieden oder einfach zum Chillen.

Beats für die Welt - Anna Landsberger, Marzahn

Fabrizio (links) und Muhamed im Anna Landsberger.
Fabrizio (links) und Muhamed im Anna Landsberger.Foto: Mike Wolff

Mit 14 klaute er Alkohol in Supermärkten. Nun, mit 18, hat er besseres zu tun. Fabrizio rappt. Es ist die Musik, die ihn in den Jugendclub brachte. Wegen der er noch immer hier ist. Fabrizio steht in einer provisorischen Tonkabine, ein mal ein Meter groß, die Wände aus Pappkartons, und singt: „So viele hier würden, wenn sie könnten, arbeiten, doch sie sitzen mit den Assis in den gleichen Schubladen. Wir haben Fachabi, und zwar auf der Straße."

Muhamed unterbricht ihn. „You’re dying, man“ – und meint damit Fabrizios Gesang. Der setzt erneut an und Muhamed dreht die Beats lauter. Das ist seine Aufgabe. Fabrizio schreibt die Texte, Muhamed legt den Beat drunter. Und stichelt und kritisiert, wenn Fabrizio seiner Meinung nach zu lahm singt. Der wirft ihm Kusshände zu durch die Scheibe der Tonkabine, „I love you, man“. Lachen. Viel Vertrautheit für Kumpels, die sich erst seit ein paar Monaten kennen und oft über Sprachbarrieren stolpern. Wäre da nicht das, was sie verbindet: Hiphop.

Getroffen haben sie sich im Jugendclub „Anna Landsberger“. Und bald gemerkt: Da stimmt der Flow. Hier in Marzahn, wo Berlin schon fast wieder aufhört – oder gerade erst anfängt, je nachdem, wie man es betrachtet. Etwa 100 Jugendliche besuchen den Club jede Woche, darunter auch Geflüchtete aus den Unterkünften in der Nachbarschaft. Fabrizio verbringt hier fast jeden Tag. Die dunklen Haare trägt er lässig zur Seite gegelt, die Seiten gründlich ausrasiert. Dass er regelmäßig ins Fitnessstudio geht, sieht man ihm an, um den Hals trägt er eine Silberkette.

Image bedeutet viel in dieser Ecke Berlins, in der, wie Fabrizio und seine Kumpels erzählen, ganze Straßenzüge ab 16 Uhr in der Hand von Gangs sind. „Man braucht ein krasses Selbstbewusstsein, um hier durchzuhalten“, sagt Fabrizio. Er erzählt von Drogen, von Messerstechereien. Und immer wieder: Von dem Stigma, aus Marzahn-Hellersdorf zu sein, dem Bezirk, bei dessen Erwähnung jeder gleich an graue Plattenbauten denkt, an Arbeitslosigkeit und Kriminalität. „Kriminelle Gangs gibt es hier genauso wie überall“, sagt Erzieher Benjamin Kramer. Der 29-Jährige weiß auch: „Die versuchen schon sehr gezielt, Leute zu rekrutieren.“

Jugendliche, die neu in den Club kommen, würden am Anfang oft noch „viel Scheiße bauen“, sagt Kramer. „Das sind hier alles keine Unschuldslämmer.“ Und Strafe muss manchmal sein, Toilettenschrubben zum Beispiel. „Aber wenn wir sie nur verurteilen, bekommen wir nie ihr Vertrauen, und nur so können wir ihnen zeigen, dass sie hier auch ohne dicke Hose wertgeschätzt werden.“ Auch deswegen wird ein Hausverbot nur im schlimmsten Fall ausgesprochen. „Das kann eigentlich nicht die Lösung sein, dann haben wir ja keine Chance mehr, die Jugendlichen zu erreichen“, sagt Benjamin Kramer.

Fabrizio lebt seit der Trennung seiner Eltern vor zehn Jahren mit seiner Mutter in Hellersdorf. „Es gab Zeiten, da hatten wir einfach gar kein Geld“, erzählt er. Seine Mutter, eine Altenpflegerin, zieht ihn und den kleinen Bruder alleine groß. „Und dann siehst du die ganze Zeit Typen, die fette Uhren und Autos haben – klar willst du das auch.“ Also geht er Klauen mit dem besten Kumpel. Mit 14 weiß er genau, wo welcher Supermarkt die Kameras installiert hat. Dann, plötzlich, steht der Ladendetektiv vor ihm. Einmal, ein zweites Mal. „Es fühlt sich an, als hättest du einen Stock im Arsch, es ist so ein Scheißgefühl“, sagt er. „Und du denkst: Schon wieder hat dich wer erwischt, schon wieder hast du mit der Polizei zu tun, schon wieder ist deine Mutter enttäuscht.“

Er muss Sozialstunden in einem Jugendclub ableisten, alternativ hätte eine Woche Jugendarrest gedroht. Die Enttäuschung seiner Mutter und die Mahnung der Polizei tun ein Übriges: Wenn du so weitermachst, landest du im Bau. Dem ist er entgangen. Zurzeit besucht er die Integrierte Berufsausbildungsvorbereitung an einem Oberstufenzentrum. Das Kaufmännische liegt ihm, da sieht er seine Zukunft.

Fabrizio mag das Gefühl des Zusammenhalts in einer Gang, doch er weiß auch: Wer dabei ist, muss alles mitmachen. Auch Prügeln. Auch Drogen dealen. Er entdeckte die Musik für sich. Und den Zusammenhalt fand er schließlich anderswo: in der „Anna Landsberger“. Hier kann er umsonst Musik machen, hier gibt es ein Tonstudio – und sei es noch so provisorisch. Er rappt: „Ey, so Typen wie dich seh’ ich täglich, wie ich deine Klamotten finde? Na eklig!“ Er rappt über das Mädchen, das ihn verlassen hat, die Gangs, die ihm begegnen. Dass die Texte der Jungmusiker oft aggressiv sind, nehmen die Erzieher hin. Aber sie legen Wert darauf, dass alle ordentlich miteinander umgehen. „Hier kommen Jugendliche aus allen Schichten her“, sagt Benjamin Kramer. „Einige sind sehr gut situiert und gebildet, andere das genaue Gegenteil. Viele kommen aus zerrütteten Familien, haben die Schule abgebrochen, wurden teilweise auch von den Ämtern aus ihren Familien genommen.“ Gerade die versucht der Club aufzufangen.

„Wir machen Ausflüge, begleiten die Jugendlichen aufs Amt oder zu Einzelgesprächen in der Schule, vermitteln sie auch mal weiter in Hilfsprogramme und führen selbst viele Gespräche mit ihnen“, sagt Kramer, der wie seine Kollegen viel ehrenamtlich arbeitet. „Wir leisten hier viel Sozialarbeit, für die wir gar nicht bezahlt werden – aber wir können die Jugendlichen ja nicht im Stich lassen, nur weil unsere Arbeitszeit vorbei ist.“ Wann immer es etwas zu Planen und Organisieren gibt, werden die Jugendlichen mit einbezogen. „Da zeigt sich oft erst, was alles in ihnen steckt“, sagt Kramer.

„Ey, bevor ich hier im Jugendclub war, hätte ich mich nie getraut, vor fremden Menschen zu rappen“, sagt Fabrizio. „Jetzt denke ich: Wenn die lachen, muss ich’s halt noch besser machen.“

Einfach willkommen - Jup, Pankow

Rosa im Jup, Pankow.
Rosa im Jup, Pankow.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Früher sprach Rosa kaum mit anderen hier. Aus Schüchternheit. Mittlerweile steht sie regelmäßig vor Publikum: ganze Gruppen aus Vereinen oder Schulklassen kommen, um von ihr angeleitet zu werden. Die inzwischen 23-Jährige verantwortet die Siebdruckwerkstatt im Unabhängigen Jugendzentrum Pankow (JUP). „Awareness“ steht in glitzerblauen Buchstaben auf den schwarzen Stofffetzen, die sie in der Hand hält. Ihr jüngstes Projekt. Auf Festivals und bei größeren Veranstaltungen sollen die Stoffstücke verteilt werden, erklärt sie, Mitarbeiter sollen sie sichtbar auf ihrer Kleidung tragen, um zu signalisieren, dass sie ein Bewusstsein haben – für rassistische oder sexistische Diskriminierung zum Beispiel, für Menschen mit Behinderung, Sorgen und Nöte. Die Aufschrift soll sagen: Ich bin für Euch da! Sprecht mich an!

Rosa selber hat sich oft gewünscht, dass andere den ersten Schritt machen, den sie sich nicht zu machen traute. Vor drei Jahren kam sie über eine Freundin in das JUP, eine dreigeschössige Villa in der Florastraße in Pankow. Die Freundin absolvierte hier einen Freiwilligendienst. Irgendwann sprang Rosa im „Café-Team“ ein, übernahm immer öfter die Abendschicht ab 19 Uhr. Das Café funktioniert auf ehrenamtlicher Basis: „Das sind Leute, die Bock haben, hinter dem Tresen zu stehen“, sagt Rosa, die braunen, kurzgeschnittenen Locken streicht sie sich hinter die Ohren. Auch Rosa hatte Bock.

Doch in der Gemeinschaft anzukommen, fiel ihr schwer. Sowohl die Besucher, denen sie Tee und Saftschorlen über den Tresen reichte, als auch die meisten im zehnköpfigen Team waren ehemalige Schüler des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums nebenan, kannten einander seit langem. Sie kannte keinen. „Ich bin nach den Schichten immer direkt nach Hause gegangen“, erzählt die mittlerweile 23-Jährige. Im rotgestrichenen Café im Erdgeschoss hängen auch jetzt viele Schüler ab. Auf einem Teller liegen duftende Brownies, daneben frisches Gemüse, das gespendet wurde und gleich von zwei Jugendlichen verarbeitet wird. „Die kochen heute für alle, die vorbeikommen“, sagt Rosa. Und fast jeder, der kommt, kennt und grüßt sie.

Erst, als die sich damals endlich überwand, jemanden anzusprechen, merkten die Anderen, dass hier eine Neue war, die sich ausgeschlossen fühlte. Man begann darüber zu reden, wie sich Neue im Zentrum willkommener fühlen könnten. Dabei ging es auch um ganz konkrete Barrieren und deren Überwindung. „Wir haben seit ein paar Monaten eine Rampe am Eingang, für Rollstuhlfahrer“, erzählt Rosa. Noch gibt es nicht viele, die sie nutzen. Aber das bedinge sich gegenseitig, das Haus hat drei Etagen und ist insgesamt nicht barrierefrei zugänglich. Erst müssten noch mehr Leute erfahren, dass das Café nun tatsächlich für alle offen ist.

Von den selbst designten Flicken, die sie Patches nennt, will sie demnächst 50 in einem Onlineshop verkaufen. In der Werkstatt im oberen Stockwerk der Villa liegen ihre Werkzeuge: die großen Siebe, auf die das Motiv gedruckt wird, spezielle Farben. Außerdem gibt es viel Platz, um weitere Motive zu entwerfen. Rosa lebt mittlerweile in Neukölln und hat eine Stelle bei einer Medienfirma. Dennoch kommt sie zweimal in der Woche zum JUP in die Florastraße.

Andere kommen wegen des Sportraums, des Tonstudios im Erdgeschoss oder des offenen Ateliers – oder hängen einfach ab. Zum Zentrum gehört auch ein „Umsonstladen“, der über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt ist. Es gibt einen großen Saal, in dem Tangostunden oder andere Veranstaltungen stattfinden. Das Jugendzentrum kann so das Geld erwirtschaften, das es zusätzlich zu den Mitteln vom Bezirksamt braucht. Momentan sorgen sich Rosa und ihre Mitstreiter um die Miete. Die soll in den nächsten zwei Jahren neu verhandelt werden. Im Schnitt stiegen die Mieten in Pankow seit 2009 um fast 50 Prozent.

Alle 14 Tage findet im JUP eine Vollversammlung statt, bei der sich alle einbringen können. „Es kommen meistens 10 bis 20 Jugendliche“, sagt Rosa. Als es einem wichtig war, dass der Müll getrennt wird, hängten sie sofort Mülleimer für Papier, Recycling und Restmüll auf. Die Jugendlichen haben hier längst gelernt, dass ihr Zentrum nur existiert, wenn sie dafür selber aktiv werden.

Platz für waghalsige Manöver - All Eins, Köpenick

Kira (links) und Tabea im Köpenicker All Eins.
Kira (links) und Tabea im Köpenicker All Eins.Foto: Sven Darmer

Der Sport hat Tabea hergebracht, damals, fünf Jahre ist das her, lernte sie erste Kunststücke auf den BMX-Rädern im „Mellowpark“. Heute gibt die 19-Jährige mit den langen blonden Haaren ihr Wissen an die Jüngeren weiter. Sie ist zuständig für die Vermietung der Räder im „Office“ des „Mellowpark“ an der Wuhlheide und erste Ansprechpartnerin, wenn es Probleme gibt oder jemand sich verletzt. Manchmal gebe es Beinbrüche, sagt Tabea, aber nichts richtig Schlimmes. „Notfalls muss ich auch einen Krankenwagen rufen.“ Die Arbeit mit den Kindern macht ihr besonders viel Spaß und tatsächlich kann sie sich vorstellen, nach dem Abitur eine Ausbildung zur Erzieherin zu beginnen.

Im „Mellowpark“ und dem dazugehörigen Jugendclub „All Eins“ zählt Tabea zu denen, die am längsten dabei sind. In all den Jahren hat sie dabei neben BMX-Fahren auch noch einiges in Sachen Organisation gelernt. In den Clubräumen des „All Eins“ finden an jedem Wochenende Partys statt, deren Planung weitgehend in den Händen der Jugendlichen liegt. Auch die Organisation des „Mellow Jam“-Festivals auf dem Mellowpark-Gelände im Sommer übernehmen Tabea und ihre Freunde. Genauso wie Dienste an Bar, Kasse und Garderobe – ehrenamtlich, versteht sich. Die Sozialarbeiterin Kristin Butschek ermuntert die Jugendlichen, ihre eigenen Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.

Kristin Butschek hat als Jugendliche selbst schon das „All Eins“ besucht, als das noch im namensgebenden Allende-Viertel 1 war, zwei Kilometer vom heutigen Standort entfernt. „Der Club war im oberen Stock von einem DDR-Dienstleistungswürfel“, erzählt sie, „unten waren die Wäscherei und die Post.“ Doch auch wenn das noch sehr andere Zeiten waren – an den Interessen der Jugendlichen hat sich nicht viel geändert: Ihr Fokus lag schon damals auf Hiphop und angrenzenden Subkulturen.

Dann aber musste der „Würfel“ einem Einkaufszentrum weichen. „Wir sind mit Sack und Pack an die Friedrichshagener Straße gezogen“, erinnert sich Butschek. Die große Brache auf dem Gelände war ideal für die damals langsam wachsende BMX-Szene, die ihre Kunststücke mit den kleinen Rädern auf den großen Erdhügeln übte. Die Jugendlichen des „All Eins“ bewarben sich 1999 mit einem Konzept für das Gelände beim Senatswettbewerb „Jugend entwickelt das neue Berlin“. Kristin Butschek sagt: „Uns ging es darum, dass all diese Jugendkulturen – Sprayer, Skater, Basketballer, Rapper – friedlich miteinander existieren. Mellow eben“, sagt Butschek – freundlich.

Sie gewannen den Wettbewerb, bauten einen Skate- und BMX-Park und wurden von Jahr zu Jahr weiter vom Bezirk gefördert. Nach neun Jahren kaufte ein Investor das Gelände an der Friedrichshagener Straße. In den modischen Backsteinbauten sollten Luxuswohnungen entstehen. Doch das ist bis heute nicht geschehen.

Die Jugendlichen hatten damals Glück im Unglück: „Mellowpark“ und „All Eins“ bekamen 2010 ein neues, größeres Gelände direkt an der Spree, neben dem Union-Stadion An der Alten Försterei. 70 000 Quadratmeter. „An Sommerabenden kommen hier mehrere hundert Gäste zusammen“, schätzt Kristin Butschek. Dann wird gemeinsam geskatet, Musik gemacht, oder am Lagerfeuer gesessen. „Wir baden auch“, sagt Tabea. Ob das Wasser wohl sauber ist? „Ist eben die Spree“, sagt sie und lacht.

Ihre Freundin Kira, 18, dokumentiert das Feiern und Leben im Club und auf dem Gelände mit ihrer Kamera. Die Bildbearbeitung und Technik, um auch im dunklen Club und durch die Schwaden der Nebelmaschine gute Fotos zu machen, hat sich Kira selbst beigebracht. Dass ihre Fotos gut sind, hat sich wohl herumgesprochen. Mittlerweile wird sie auch von verschiedenen Künstleragenturen für Konzerte gebucht.

Im hinteren Raum des Clubs übt an diesem Tag ein Jugendlicher neue Tracks. „Cetama“ steht über ihm an der Wand, der Name eines DJ-Kollektivs, das sich hier gegründet hat. Tabea erzählt begeistert von DJs, die hier angefangen haben und mittlerweile in Berliner Clubs auflegen, zum Beispiel im Kreuzberger „Ritter Butzke“. Trotz ihres Erfolgs bleiben sie ihrem Jugendclub treu. An Tabeas 19. Geburtstag hat einer der „Großen“ aufgelegt und spielte – passend zum Motto „Diskofieber“ – Musik der Achtziger und Neunziger. „Wir wollten mal Abwechslung reinbringen“, sagt Tabea. „Nicht immer nur Techno, was die anderen spielen.“ Bereits ein Jahr zuvor begann Tabea mit der Hilfe einer Sozialarbeiterin die Party zu planen. Weise Voraussicht! Denn der Club ist beliebt. „Für 2018 sind schon alle Wochenenden ausgebucht“, sagt Kristin Butschek.

In einer Ecke des Clubraums streckt ein Baum aus Holzleisten seine Äste zur Decke. Gegenüber steht ein Klavier. Gespielt werden kann darauf nicht mehr, weil im Klangraum lauter Muscheln und Figuren liegen. Er ist nun ein selbst gebautes Aquarium, in dem auch Kiras Guppies einmal schwammen. Jedes Mal, wenn der Jugendclub umziehen musste, zogen die Fische und ihr Aquarium mit.

Kira möchte, das hat sie während ihrer Zeit im Jugendclub gemerkt, Fotografie und Design studieren. Am liebsten bliebe sie dafür in Berlin und nicht nur in der Nähe ihrer Familie – sondern auch der des Clubs.

Auch Tabea möchte den „Mellowpark“ nicht missen, wenn sie irgendwann nicht mehr zu Schule geht und ihre Ausbildung begonnen hat. Ob sie noch viel Zeit haben wird, weiter im „Office“ zu arbeiten und sich um den BMX-Nachwuchs zu kümmern – wer weiß. Ihrer ersten Bewerbung jedenfalls wird sie ein Arbeitszeugnis vom „Mellowpark“ beilegen können. Neben all dem Spaß hat ihr Engagement also auch ganz praktisch gesehen etwas Gutes.

Privatsphäre mittendrin - Sunshine Inn, Neukölln

Hussein im Sunshine Inn, Neukölln.
Hussein im Sunshine Inn, Neukölln.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Früher wüsste Hussein oft nicht, wohin mit sich. Die Wohnung seiner Eltern wurde ihm zu eng und draußen auf der Straße gab es immer wieder Stress – Sachbeschädigung, Prügeleien, aus Langeweile meist. „Das ist eigentlich das Wichtigste“, überlegt der 17-Jährige: „Das hier ist ein Zufluchtsort vor der ganzen Scheiße, die auf der Straße passiert.“

Im Jugendclub fand er ein Wohnzimmer auf zwei Etagen und Ablenkung. Und Unterstützung, als es in der Schule nicht mehr richtig lief. Vor fast drei Jahren brachte ein Kumpel ihn mit hierher ins „Sunshine Inn“, durch die unscheinbare Tür in der bunt bemalten Wand, die aussieht wie so viele in Neukölln. Seitdem kommt er oft – und hat hier auch seinen besten Freund kennengelernt. „Wir haben eine Zeit lang gegeneinander Playstation gespielt und von heute auf morgen waren wir beste Freunde, nein besser: Brüder“, sagt Issam, ebenfalls 17. „Das hier ist wie auf Klassenfahrt“, erklärt Hussein. „Man redet mit Leuten, die man vorher nicht kannte. Dann gehen wir zusammen ins Kino und kommen als beste Freunde zurück.“

Die beiden sitzen auf einer rotgemusterten Eckbank. Ein paar Meter weiter beugen sich Jugendliche über Brettspiele, andere starren auf einen Computer-Bildschirm, es läuft Hiphop. Hussein trägt die dunklen Haare ordentlich zur Seite, eine schwarze Strickjacke zur schwarzen Hose und blank geputzte Lederschuhe. „Normalerweise sehe ich anders aus“, erklärt er. „Eher lässig, Streetstyle halt.“ Doch vor ein paar Wochen hat er eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement bei einem bekannten Autobauer angefangen. Und weil er heute früher frei hatte, kam er sofort in den Club.

„Ich bin einfach nur da“, erzählt er, „ich mag die positive Stimmung hier.“ Gut zum Abhängen – oder zum Kickern mit den Jungs. Seit 2007 ist das „Sunshine Inn“ eine feste Instanz in der Weißen Siedlung, die als einer der sozialen Brennpunkte Neuköllns gilt. Etwa 40 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren kehren regelmäßig hier ein. „Aber auch ältere Nachbarn aus der Siedlung kommen zu uns, um beim Tee über ihre Probleme zu reden“, sagt Sozialarbeiter Hamza El-Khalaf. Wenn die etwa Probleme mit der Hausverwaltung haben, versuchen El-Khalaf und seine beiden Kollegen zwischen den Fronten zu vermitteln.
Husseins Mutter ist als Sechsjährige aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Sein Vater floh Anfang der Neunziger Jahre vor dem libanesischen Bürgerkrieg erst nach Alaska und drei Jahre später nach Berlin. Hussein sprach schon als Kind lieber Deutsch als Arabisch. Als sein Vater fürchtete, dass er Arabisch ganz verlernen könnte, trafen sie eine Vereinbarung: Hussein besucht jedes Wochenende den Arabischunterricht in der Moschee und darf dafür sonst sprechen, wie er will. Mit Issam rutscht das Gespräch nun immer wieder ins Arabische. „Das hat auch mit Privatsphäre zu tun“, sagen die zwei – denn so können nicht alle sie verstehen.

Privatsphäre hätten viele der Jugendlichen hier zuhause kaum, berichtet Sozialarbeiterin Yeliz Ilbegi. Auch Hussein und seine vier Schwestern teilen sich zwei Zimmer, für eine größere Wohnung reicht es nicht. Etliche Jugendliche im Kiez haben keine einfache Biografie. Manche stammen aus Kriegsgebieten, die Eltern leben von staatlichen Zuwendungen. Die seien oft selbst überfordert, finanziell oder psychologisch. „Sie können den Jugendlichen nicht den Rückhalt bieten, den sie brauchen“, ergänzt Ilbegis Kollege El-Khalaf. Der Club springt ein, vermittelt und begleitet die Jugendlichen durch die Schulzeit – und darüber hinaus: Einige arbeiten seit Jahren, verbringen ihre Freizeit wie Hussein aber gerne weiter im Club. Hier finden sie Unterstützung, ohne be- und verurteilt zu werden. Und werden auch einfach mal in Ruhe gelassen, wenn sie das wollen.

Die eigentliche Arbeit fängt erst an, wenn jemand Vertrauen entwickelt hat. „Viele hier sind durch alle Instanzen gerasselt, aber bei uns spüren sie irgendwann, dass sie etwas wert sind“, sagt El-Khalaf. Als Hussein die Schule abbrechen wollte, gaben ihm die Sozialarbeiter den nötigen Rückhalt, um seinen Eltern seinen Wunsch zu erklären. Ohne seine sorgsam vorbereiteten Argumente hätten sie den vielleicht nicht akzeptiert.

Dieser Text erschien zuerst in unser Samstagsbeilage Mehr Berlin am 24. März 2018.

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