Kiezspaziergang mit Berliner Schauspielerin : Einfach mal abtauchen mit Mala Emde

Die Schauspielerin Mala Emde liebt das Aquarium. Hier findet sie Ruhe in der Hektik der Stadt. Auch am Premierentag der zweiten Staffel der Serie „Charité“.

Schwebende Quallen. Mala Emde beobachtet aufmerksam die Bewegungen im Becken. Stunden später geht sie über den roten Teppich.
Schwebende Quallen. Mala Emde beobachtet aufmerksam die Bewegungen im Becken. Stunden später geht sie über den roten Teppich.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Eigentlich wohnt Mala Emde in einer Wohngemeinschaft in Neukölln, aber heute ist Premierentag. Da ist Glamour angesagt. Die zierliche 22-Jährige kommt über eine lange Treppe in die Hotellobby. Ihr Management hat sie hier im „Pullman Hotel“ untergebracht – in der Nähe von Ku’damm und dem Zoo. Am Abend wird sie im „Zoo Palast“ auf dem roten Teppich stehen und die zweite Staffel der ARD-Serie „Charité“ vorstellen, die ab 19. Februar ausgestrahlt wird. Mala Emde spielt darin die weibliche Hauptrolle Anni Waldhausen.

Aber erst will die Schauspielerin ins Aquarium im Zoo. „Ich mag Orte, an denen man schöne, nicht alltägliche Eindrücke bekommt“, sagt sie. „Ich liebe die Natur und Kunst.“ Die Straßen Berlins sind ihr dagegen oft zu ruhelos. „Es gibt keine wirkliche Nacht, immer hat alles offen. Das ist einerseits genial, aber es tut nicht immer gut. Die Stadt verschluckt viele Menschen.“

In ihrem Heimatbezirk Neukölln fühlt sie sich trotzdem wohl. Sie mag die alten Friedhöfe an der Hermannstraße und das Tempelhofer Feld. Dort legt sie sich ins Gras und lernt ihre Texte. Die WG teilt sie sich mit ihrer besten Freundin und einem Mitbewohner. „Keine Filmleute“, sagt sie. Es tue gut, mal über andere Dinge zu sprechen, aus der „Bubble“ rauszukommen.

Die Kleine mit den großen Rollen

Drinnen im Aquarium wirft das Licht aus den Becken Wellen an die Wand. Zuerst bleibt Mala Emde bei den Quallen stehen. Sie hält ihr Gesicht ganz nah an das Glas. Mit großen Augen beobachtet sie die zitternden Bewegungen. Ein Ort, an dem sie zur Ruhe kommt.

Die Kleine mit den großen Rollen – so wurde die Schauspielerin in einem Artikel bezeichnet. 2014 spielte sie Anne Frank. Der Film machte sie bekannt. „Meine Tochter Anne Frank“ war die erste deutsche Adaption der weltberühmten Tagebücher, die das jüdische Mädchen im Versteck vor den Nazis geschrieben hatte. Später war Mala Emde im „Tatort“ als Julia zu sehen – eine junge Frau, die für den „IS“ nach Syrien geht. Auch ihre Rolle in „Charité“ ist keine leichte. Anni Waldhausen ist eine Ärztin, die zur Zeit des Nationalsozialismus in der Berliner Charité arbeitet und überzeugte Nationalsozialistin ist.

„Ich hatte Anfangs Probleme damit, eine Frau zu spielen, die dieser Ideologie anhängt“, sagt Emde. Erst nach langen Gesprächen mit Regisseur Anno Saul habe sie einen Weg gefunden, damit umzugehen. „Mir ist klar geworden, dass sich die Zuschauer selbst ein Urteil bilden müssen“, sagt sie. „Dazu muss ich darstellen, was damals passiert ist.“ Später in der Serie beginnt ihre Figur Anni Waldhausen an der Nazi-Diktatur zu zweifeln, weil ihre Tochter bedroht ist. Auch diese menschliche Regung habe ihr geholfen, in die Rolle zu finden.

Auf die Idee, Schauspielerin zu werden, kam Emde mit neun Jahren. Damals wohnte sie in Frankfurt am Main. Im Fernsehen sah sie ein Making-off zum Kinderfilm „Bibi Blocksberg“. Dreharbeiten, Kulissen, Kameraarbeit – das alles faszinierte sie. Ihr Entschluss stand fest. Sie erzählte ihren Eltern von ihrem Berufswunsch und überzeugt sie, sie bei einer Agentur anzumelden. Mit elf stand sie zum ersten Mal vor der Kamera.

„Ich hatte schon immer viel Energie“

Was sich Mala Emde in den Kopf setzt, verfolgt sie zielstrebig. Selbst bei der Suche nach ihrem Lieblingsfisch im Aquarium lässt sie nicht locker. Den hatte sie bei ihrem ersten Besuch hier entdeckt. Weil sie nicht mehr sicher ist, wo sie hin muss, läuft sie jedes Becken ab. „Ich hatte schon immer viel Energie“, sagt sie. „Was wichtig ist, weil die Schauspielerei unglaublich anstrengend ist.“ An ihrem ersten Drehtag von „Charité“ standen acht Stunden lang Szenen auf dem Programm, wie sie als Anni Waldhausen ihre Tochter auf die Welt bringt.

Pause im Café im ersten Stock. Emde bestellt Kräutertee. Zeit für private Themen. Was macht die 22-Jährige, wenn sie nicht vor der Kamera steht? „Ich lese gerne, gehe zu Konzerten und verbringe möglichst viel Zeit mit meinen Freunden“, sagt sie. Es komme auch mal vor, dass sie eine Nacht im Club durchtanze. Aber Bars mag sie eigentlich lieber. Neben der Schauspielerei ist das Reisen ihre Leidenschaft. Bevor sie die Hauptrolle in „Charité“ annahm, war sie alleine in Kanada unterwegs. Seit 2016 studiert Emde an der Schauspielschule „Ernst-Busch“ in Berlin. Auch in Zukunft will sie in Filmen mitspielen, die Fragen aufwerfen, Menschen zum Nachdenken anregen. Dabei ist ihr wichtig, nicht in Schubladen gesteckt zu werden, nicht immer die Schauspielerin für die schweren, historischen Rollen zu sein. An Angeboten mangelt es nicht. Im Sommer war sie im Kinofilm „303“ zu sehen, einem Roadmovie und Liebesfilm. „Ich habe das Glück, Drehbücher lesen und mich für Rollen entscheiden zu können“, sagt sie.

Wenn die 22-Jährige über ihren Job spricht, wirkt sie erwachsen abgeklärt – in anderen Momenten dagegen jung, fast kindlich. Wie kurz zuvor, als sie endlich ihren Lieblingsfisch entdeckt und auf das richtige Glas zuhüpft. Ein riesiger Urzeitfisch dreht im trüben Wasser seine Runden. Sie mag ihn, weil er so ungewöhnlich aussieht, wie nicht von dieser Welt. Zwischen schwarzen Schuppen schimmert es rot. Auf den Kiemen hat er Abdrücke wie von Muscheln.

Auf dem Boden bleiben

Zurück auf der Straße, in der Hektik der Stadt. Autos hupen. Die Premiere von „Charité“ rückt näher. Das Outfit für den roten Teppich hängt schon im Schrank: Grüner Blazer, kurzer Rock, Pumps. Dieser Premiere werden weitere folgen. Bei der Berlinale stellt sie mit Schauspieler Tom Schilling ihren neuen Film „Brecht“ von Regisseur Heinrich Breloer vor. Trotz ihrer Erfolge wird sie auf der Straße kaum erkannt. Und das findet sie gut. „Meine Eltern hatten nur eine Bedingung, als ich Schauspielerin werden wollte: Mala, du musst auf dem Boden bleiben“, erinnert sie sich. „Und so sehe ich das jetzt. Die Schauspielerei ist auch nur ein Job.“

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