20 Fälle von Neonatizid pro Jahr in Deutschland

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Kindermord-Prozess : Die stille Stunde der Julia K.
Claudia Beckschebe

Wenn Julia K. von anderen auf ihre Figur angesprochen wird, schiebt sie es auf zu viel Fastfood in Australien. Einen Schwangerschaftstest macht sie in all den Monaten nicht nicht. Weil sie Angst vor dem Ergebnis hat? Oder weil sie gar nicht weiß, dass sie schwanger ist? „Die menschliche Psyche ist fähig, den Körper in fast unbegrenzter Weise zu beherrschen“, sagt Peter Rott, Gynäkologe und Psychotherapeut. Er hat verdrängte Schwangerschaften erforscht und kennt jede Erklärung, die Frauen wie Julia K. für Schwangerschaftsanzeichen finden:

Kindsbewegungen? Magenprobleme.

Gewichtszunahme? Zu wenig Sport.

Ausbleiben der Periode? Stress.

Es komme immer wieder vor, dass Schwangerschaften nicht wahrgenommen werden, dies gelte für die Angehörigen genauso wie für die werdenden Mütter. „Auf etwa 500 Schwangerschaften kommt eine unbemerkte“, sagt Psychotherapeut Rott. „Je größer der eigene innere Konflikt, desto stärker der Schutzmechanismus der Psyche. Die Schwangerschaft darf nicht sein, kann nicht sein. Also wird sie weggeschoben.“

Die Schwester sagt, dass Julia K. ihrer Familie bis heute nicht erzählt habe, wann sie realisierte, tatsächlich schwanger zu sein. Fest steht, am 9. Dezember gegen 23 Uhr merkt sie, dass sie kurz vor der Niederkunft steht. Suchprotokolle auf ihrem Handy verraten das. Sie beginnt zu googlen: „krasse Unterleibsschmerzen während der Schwangerschaft“, 01:13 „wann beginnt die Geburt?“, 01:41 „alleine entbinden zu Hause“, 01:55 „gebären ohne Hebamme und Arzt“. Dann um 02:05 „Babyklappe Berlin“. Hat sie noch darüber nachgedacht, das Kind wegzugeben? 03:07 „Fruchtblase geplatzt“, 03:16 „Presswehen“. 03:31 „wann weiß man, dass man pressen darf?“, 05:23 „wenn man zu früh presst“.

Das Baby kommt. Im Krankenhaus wird Julia K. sagen, mit den Füßen zuerst. Eine Steißgeburt. Sie ruft nicht nach ihren Eltern, die in der Wohnung schlafen, sie stopft sich ein Kuscheltier in den Mund. Der Kopf steckt im Geburtskanal fest, Julia muss am Kind ziehen. Sie erleidet einen Dammriss. Sie verliert massiv Blut. Stunden später, um 8:45 Uhr, sucht Julia K. mit dem Handy „großer Blutverlust nach Geburt“.

Da ist das Kind seit etwa drei Stunden tot. Etwa 20 Fälle von Neonatizid, dem Totschlag an Neugeborenen innerhalb der ersten 24 Stunden, registriert die polizeiliche Kriminalstatistik pro Jahr in Deutschland. Eine verdrängte Schwangerschaft führt nicht immer zum Neonatizid. Doch geht diesem immer eine verdrängte Schwangerschaft voraus.

Julia K. besucht täglich das Grab ihres Kindes, sagt die Schwester. Es war ein Junge, sie konnte ihn nicht beerdigen. Sie konnte ihm keinen Namen geben, denn sie saß im Gefängnis. Seit sie aus der U-Haft wieder entlassen ist, geht Julia K. regelmäßig zu einem Psychologen. Er soll die junge Frau lehren, ihr „affektives Selbsterleben“ wahrzunehmen, die eigenen Probleme und Bedürfnisse anzusprechen.

Für Nichte Lia ist Julia „wie eine zweite Mutter“, sagt Anastasia K. Sie lächelt beim Blick auf die Schwester, die jetzt im Café an einem der Nebentische sitzt und mit der Kleinen spielt. Anastasia K. sagt: „Diese Tragödie hat unsere Familie zerstört.“ Julia dürfe nicht verurteilt werden, sie sei doch ihre Bezugsperson. Und was werde dann mit den Eltern? Mit dem Laden? „Ich habe Angst, dass wir das alles nicht schaffen.“

Das Urteil des Berliner Landgerichts wird im November erwartet, bis dahin bleibt Julia K. auf freiem Fuß. Vielleicht ist es ganz gut, dass sie nicht immer hört, was andere über sie reden. „Es wäre so ein Glück, wenn wir beide Eltern wären“, sagt die Schwester. Lia ist neun Monate alt. Ihr Cousin ist seit zehn Monaten tot.

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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