Kindesmissbrauch in Berliner Sportvereinen : Die Gefahr liegt im Wegschauen

Meral Molkenthin ist Kinderschutzbeauftragte des Landessportbunds Berlin. Im Gastbeitrag spricht sie über die Verantwortung der Vereine.

Meral Molkenthin
Symbolbild. Kinder beim Sport.
Symbolbild. Kinder beim Sport.Foto: PNN/Ottmar Winter

Ein weiterer Fall von sexualisierter Gewalt erschüttert uns. Wir wissen, wie viel Wertvolles der Sport zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen beitragen kann. Umso mehr müssen wir Kinder und Jugendliche gerade im Sport schützen. Was bedeutet das für uns im Landessportbund? Unser erstes Anliegen ist es, Betroffene zu schützen und zu beraten. In diesem Fall des beschuldigten Judotrainers haben sich Eltern an uns gewendet. Anschließend haben wir uns eng mit Ermittlungsbehörden und dem zuständigen Judo-Verband ausgetauscht.

Wenn es überhaupt ein Gutes an diesen furchtbaren Vorfällen geben kann, dann ist es der Eindruck, dass sich gerade ein Bewusstseinswandel vollzieht. Betroffenen scheint es leichter zu fallen, über sexualisierte Gewalt zu sprechen und sich auch Hilfe zu suchen. Unsere Botschaft lautet daher, dass wir dafür jederzeit ansprechbar sind. Dass wir uns Zeit für Betroffene nehmen. Und dass wir gemeinsam und einvernehmlich besprechen, wie wir in jedem einzelnen Fall vorgehen.

Im Landessportbund gibt es mit mir eine hauptamtliche Kinderschutzbeauftragte und im Präsidium mit Kirsten Ulrich eine ehrenamtliche Ansprechperson für die Prävention sexualisierter Gewalt. Darüber hinaus hat sich in den vergangenen Jahren eine hohe Sensibilität für dieses Thema in unserer gesamten Organisation entwickelt.

Stark sein können wir aber nur vereint. Deshalb trifft sich seit dem vergangenen Jahr alle drei Monate ein Runder Tisch, an dem nicht nur Kinderschutzbeauftragte aus Sportverbänden teilnehmen, sondern auch Vertreterinnen und Vertreter des Landeskriminalamts, der Jugendämter von Senatsverwaltungen und von Fachberatungsstellen. Wir stimmen unsere Strategie gemeinsam ab und beraten das weitere Vorgehen. Regelmäßig findet ein Netzwerktreffen der Kinderschutzbeauftragten der Berliner Sportvereine und Sportverbände statt. Unser Ziel ist es, Vereine und Verbände in die Lage zu bringen, das Thema Schutz von Kindern und Jugendlichen selbst aktiv zu befördern.

Deshalb arbeiten wir gerade ein Schutzsiegel aus. Es wird zu mehr Verbindlichkeit führen. Mit festgelegten Verfahren. Mit bestimmten Anforderungen. Mit Verantwortlichkeiten. Konkret bedeutet das: Der Verein benennt eine Ansprechperson oder eine feste Kinderschutzbeauftragte. Regelmäßig müssen Fortbildungen und Schulungen zum Thema Kinderschutz nachgewiesen werden. Alle, die im Kinder- und Jugendsport tätig sind, müssen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Schon wer überhaupt eine Lizenz zum Beispiel für eine Übungsleitung im Kinder- und Jugendsport erwerben will, muss dieses Führungszeugnis vorlegen. So sieht es unsere neue Ausbildungsordnung vor. Und selbstverständlich werden erworbene Lizenzen bei Verstößen wieder aberkannt.

Eine Kultur des Hinschauens

Die Körperlichkeit ist das Faszinierende am Sport. Die Ästhetik und Dynamik von Bewegung begeistert Menschen zeitlebens und weltweit. Körperlichkeit und körperliche Nähe bieten jedoch gleichzeitig auch Angriffsfläche. Oft ist es hilfreich, sich gemeinsam zu verständigen.

Natürlich muss ein Trainer oder eine Trainerin beispielsweise im Turnen Hilfestellung geben, um eine Übung einzustudieren und damit auch eine junge Sportlerin, einen jungen Sportler berühren. Hier kann es schon etwas bringen, auszusprechen, welche Berührung dafür erforderlich ist und der Sportlerin und dem Sportler die Möglichkeit zu geben, sich dazu zu äußern. Im Verschweigen und Wegschauen liegen die Gefahren. Wir sind daher auf dem Weg, eine Kultur des Hinschauens und des Ansprechens zu fördern.

Meral Molkenthin ist Kinderschutzbeauftragte des Landessportbunds Berlin.

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