Kinostadt Berlin : Das Weißenseer Kino "Toni" mit neuem Betreiber

Lange suchte Michael Verhoeven nach einem Käufer fürs „Toni“ – erfolgreich. Die Zukunft des Traditionskinos ist damit gesichert.

Seit 1920 gibt es ein Kino am Weißenseer Antonplatz1.
Seit 1920 gibt es ein Kino am Weißenseer Antonplatz1.Foto: Thilo Rückeis

Filmtitel sind bisweilen irreführend, so auch in Michael Hanekes „Happy End“, bei dem es sich nun weiß Gott nicht um komödiantisches Wohlfühlkino handelt. Aber irgendwie war es auch passend, dass ein Film dieses Titels ausgerechnet am Montag im Weißenseer „Tonino“ lief. Gemeinsam mit dem großen Bruder „Toni“ war die Zukunft des Doppelkinos unsicher, seit Regisseur und Kinobesitzer Michael Verhoeven vor zwei Jahren verkündete, sich aus Altersgründen von Toni und Tonino trennen zu wollen – immerhin mit dem festen Willen, nur dann zu verkaufen, wenn deren Zukunft als Lichtspieltheater gesichert sei. Gestern wurde die Meldung der „Berliner Zeitung“ bestätigt: Es ist gelungen.

Der Komplex am Antonplatz 1, ein Wohngebäude mit integriertem Filmtheater, geht demnach an den unabhängigen Berliner Verleih Neue Visionen, Pächter und Betreiber der Kinos aber werden zum Jahreswechsel Iris Praefke und Wulf Sörgel, die erfolgreich bereits das Moviemento am Kottbusser Damm 22 in Kreuzberg und das Central in der Rosenthaler Straße 39 in Mitte betreiben.

Weißensee habe sich sehr verändert und biete ein großes Potenzial, sagte Iris Praefke und verwies auf das ehemalige Stummfilmkino Delphi in der Gustav-Adolf-Straße 2, das demnächst wieder als Veranstaltungsort genutzt werden soll. Man wolle beim Toni an der gegenwärtigen Situation anknüpfen und das Kino weiterentwickeln, auch wenn noch nicht alle Details klar seien. Der Schwerpunkt bleibe Arthouse-Kino, und das Kinderkino wolle man ausbauen.

Zwei Jahre lang suchte Michael Verhoeven (hier mit Ehefrau Senta Berger) nach einem Käufer für sein "Toni".
Zwei Jahre lang suchte Michael Verhoeven (hier mit Ehefrau Senta Berger) nach einem Käufer für sein "Toni".Foto: Britta Pedersen/dpa

Seit 1920 gibt es das Kino am Antonplatz, anfangs mit 700 Plätzen und unter dem Namen Decla-Lichtspiele, als Teil der Kinokette, die die Produktionsfirma Decla-Bioskop AG zur Vermarktung ihrer Filme betrieb. Einer der Chefs war Erich Pommer, der später Filme wie „Metropolis“ und „Der blaue Engel“ produzierte. Weißensee war damals einer der wichtigsten Filmorte in Deutschland, hier entstand etwa „Das Cabinet des Dr. Caligari“.

1921 wurde das Kino zum Ufa-Theater, 1945 übernahm es die Sojusintorgkino, zwischen 1947 und 1979 befand es sich in privater Hand, war schließlich das letzte privat geführte Kino in Ost-Berlin. 1982 wurde es nach umfangreicher Restaurierung mit 277 Plätzen wiedereröffnet, zehn Jahre später kaufte Verhoeven das Toni. Die Kulturjury der Treuhand, die über die Vergabe der Ost-Kinos entschied, hatte dem in Berlin gebürtigen, in München lebenden Regisseur den Zuschlag gegeben.

Verhoeven baute das Toni bei laufendem Betrieb um, fügte in einem Nebengebäude das Tonino mit 102 Plätzen hinzu. Das blieb auch nach einem Brand 2007, im Jahr darauf schon wurde es wiedereröffnet, und auch das Hauptkino war gleich noch mal umgestaltet und zwecks größerer Bequemlichkeit um 20 Sitze verkleinert worden. Zuletzt bekamen beide Säle noch digitale Projektionstechnik.

Eine goldene Nase ließ sich mit dem Haus anfangs nicht verdienen. Fünf Multiplexe in der Umgebung saugten dem Doppelkino Publikum weg, auch zogen viele Alteingesessene fort, und mit seinem anspruchsvollen Programm ließen sich pubertierende Kinogänger ohnehin nicht halten. Aber mit der Zeit wurde es besser, Weißensee machte sich, neue Familien waren dorthin gezogen, das merkte Verhoeven auch an den Besucherzahlen. Alles in allem also: Happy End.

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