Kreuzberger Kunstprojekt : Die gespielte Stadt

Die neue Gesellschaft für bildende Kunst lädt Kinder in den „Spielclub Oranienstraße 25“. Dort lernen sie spielerisch, wie Berlin funktioniert.

Historisches Vorbild. Arbeiterkinder 1970 im „Spielklub Kulmer Straße“ in einer Schöneberger Fabriketage.
Historisches Vorbild. Arbeiterkinder 1970 im „Spielklub Kulmer Straße“ in einer Schöneberger Fabriketage.Foto: AG Spielumwelt/NGBK

Die Kreuzberger Oranienstraße ist jetzt geldbefreite Zone. „Zu! Kein Geld mehr!“ steht auf einem Brett, das den Zugang zur Bank verbarrikadiert. Stattdessen ist Tauschhandel angesagt. Mit Lakenfalten im Hotel lassen sich Brötchen verdienen. Im Gemeinschaftsraum können sich alle Straßenbewohner treffen und zusammen malen oder essen – es gibt Möhrchen.

Die Szene spielt sich in den Räumen der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) ab. Häuser aus Pappe und Holz stehen im großen Ausstellungsraum, wo normalerweise zeitgenössische Kunst zu sehen ist. Sie repräsentieren die Häuser der Oranienstraße, in der auch die NGBK liegt. Es gibt ein Café, einen Copyshop und einen Späti. Statt Bier und Chips liegen dort bunte Kostüme in den Regalen.

„Spielclub Oranienstraße 25“ nennt sich das Experiment, in dem Kinder Stadt spielen können. Das Projekt ist gefragt bei den Schulen, erzählt Claudia Hummel, die zum Kuratorenteam gehört. Gerade sind die Klassen eins bis drei der Kreuzberger Clara-Grunwald-Schule zu Besuch, drei Tage lang. Begleitet werden sie von einem Team erwachsener Spielleiter.

Mit den Kindern sollen spielerisch aktuelle Fragen der Stadtentwicklung behandelt werden, Mietenpolitik, Verdrängung und Teilhabe. Das Ganze basiert auf einem der ersten Projekte des Kreuzberger Kunstvereins, dem „Spielklub Kulmer Straße 20a“. Der existierte von 1970 bis 1971 in einer Fabriketage in Schöneberg.

Häuser nur noch zum Geldverdienen da

Eine begleitende Ausstellung informiert über den historischen Spielclub und die Diskurse, aus denen heraus er entstand. Ziel war es damals, eine kapitalismuskritische Spielpraxis mit Kindern aus der Arbeiterklasse zu entwickeln, um ihnen zu mehr Selbstbewusstsein in der realen Welt zu verhelfen. Statt einer marxistisch informierten Kapitalismuskritik gehe es in dem aktuellen Projekt aber vor allem um Fragen von Kapitalisierung der Stadt, sagt Claudia Hummel. „Was passiert, wenn die Häuser primär zum Geldverdienen und nicht mehr zum Wohnen da sind?“

Die historische Ausstellung über den Spielclub in der NGBK.
Die historische Ausstellung über den Spielclub in der NGBK.Foto: AG Spielclub / NGBK

[„Spielclub“ in der NGBK, Oranienstraße 25, Kreuzberg, bis 19.1., Mo-Mi 15-18 Uhr, Fr 15-20 Uhr, Sa-So 12-18 Uhr. Mehr Infos unter www.ngbk.de]

Viele der Kinder würden die Probleme aus ihrem eigenen Leben kennen. „Die wissen, dass die Nachbarn rausfliegen, oder sind selbst davon bedroht“, erzählt Hummel. Während ältere Kinder und Jugendliche im Spielclub Vereine gründen, um Mieterhöhungen zu bekämpfen, lassen sich derart komplexe Zusammenhänge mit den Kleinsten noch nicht erschließen.

Die Bank ist beliebt bei den Kindern

In der Fazitrunde am Ende der drei Tage zeigt sich, dass nicht alle Grundschüler die kapitalismuskritische Nachricht verinnerlicht haben. „Ich habe gerne in der Bank gearbeitet“, sagt ein Junge. Warum? „Weil es da so viel Geld gab.“ Überhaupt war stapelweise Spielgeld zu horten die Lieblingsbeschäftigung vieler Kinder.

Andere schlagen vor, im Spielclub ein Gefängnis einzurichten – vielleicht etwas zu nah dran an der Realität. Aber auch der Gemeinschaftsraum kommt gut an und ein Mädchen antwortet auf die Frage danach, was ihr am besten gefallen hat, sogar: „Das Tauschen.“ Kollektives Aufatmen bei den Erwachsenen.

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