Lärmaktionsplan : Das sind die lautesten Orte in Berlin

Laut, lauter, Berlin: An vielen Orten in der Hauptstadt ist der Geräuschpegel gesundheitsgefährdend. Jetzt gibt es eine Negativliste – an der Spitze liegt Pankow.

Nr. 2 auf der Leidensskala. Die Zossener Straße wird als Schleichweg neben dem Mehringdamm genutzt.
Nr. 2 auf der Leidensskala. Die Zossener Straße wird als Schleichweg neben dem Mehringdamm genutzt.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nach außen hin ist vorerst Ruhe eingekehrt beim Thema Lärm. Vier Wochen lang konnten die Berliner der Umweltverwaltung mitteilen, wo es ihnen zu laut ist. Jetzt werden die mehr als 1000 eingegangenen Beiträge ausgewertet. Zu den 50 Problemorten, die online die meisten Nennungen erhalten haben, will die Verwaltung später im Einzelnen Stellung beziehen.

So, wie sie es schon nach dem Bürgerdialog beim vorherigen Lärmaktionsplan getan hat, der 2013 erarbeitet wurde. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass nur wenige der damals meistgenannten Ärgernisse – teils sehr lokaler, teils grundsätzlicher Art – überhaupt angegangen wurden.

Ein Beispiel für Verwaltungsversagen

Diesmal hat es die Friedrich-Engels-Straße in Pankow auf den unrühmlichen Spitzenplatz geschafft: 70-fache Zustimmung erhielt die Kritik einer Anwohnerinitiative am Zustand der gepflasterten Buckelpiste. Auf ihr donnert der Durchgangsverkehr zwischen Niederschönhausen und Rosenthal, so dass nach Aussage diverser Kommentatoren die Häuser zittern und an ruhiges Arbeiten oder Schlafen nicht zu denken ist. Manchen Kommentatoren gilt die Strecke, deren Sanierung schon 2016 beginnen sollte, als Beispiel für Verwaltungsversagen.

Auf den zweiten Platz der Leidensskala hat es mit 60-facher Zustimmung die Zossener Straße gebracht – genauer gesagt die Forderung von Anwohnern, die Wohnstraße durch den Bergmannkiez für den Durchgangsverkehr zu sperren. Die Idee ist nicht neu, aber der Status quo wird nach Darstellung von Anwohnern immer schwerer erträglich, weil die Straße als Schleichweg neben dem chronisch verstopften Mehringdamm immer beliebter werde – zunehmend auch bei sperrigen Verkehrsteilnehmern wie Flixbussen.

70 Prozent Straßenlärm

Der dritte Platz geht wiederum nach Rosenthal, wo Anwohner über die auf der maroden Fahrbahn laut scheppernden Container-Lastwagen klagen, die zu allen Tages- und Nachtzeiten durch die Kastanienallee – eine Querstraße der Friedrich-Engels-Straße – rollen.

Rang vier und sechs der Bürgerwunschliste ähneln sich, denn in beiden Fällen geht es um Lärmschutzwände an der Stadtautobahn sowie der parallel verlaufenden Bahntrasse zwischen Heidelberger und Innsbrucker Platz. Dazwischen, auf Platz 5, liegen Klagen über die Dahlwitzer Straße, die den Durchgangsverkehr zwischen Berliner Ring und B 1 am östlichen Stadtrand bündelt – und in ihrem Brandenburger Abschnitt dank einer Fahrbahnsanierung inzwischen deutlich leiser sei als im Berliner.

Nach Auskunft der Verkehrsverwaltung beziehen sich rund 70 Prozent der eingegangenen Hinweise auf Straßenlärm. Je zehn Prozent beträfen Schienen- und Fluglärm. Der Rest verteilt sich auf teils sehr lokale oder spezielle Probleme wie Geräusche vom „Wolkenhain“ und der Naturbobbahn am Kienberg in Marzahn, auf laute Parkbesucher (teilweise einschließlich Musikboxen), Clubs einschließlich Partytouristen, Schiffsverkehr, Lieferanten, Kirchengeläut.

Bei solchen Themen will die Senatsverwaltung die mutmaßlich zuständigen Stellen wie die bezirklichen Umweltämter involvieren, heißt es auf Anfrage. Mehrfach werden auch rund ums Jahr vorzugsweise spätabends zu hörende Böller beklagt. Und einer findet den Aufzug in seinem Tempelhofer Mietshaus als „unerträglichen Lärmort“. Online-Beifall gab es dafür nicht, so dass die Verwaltung den Fall auch nicht prioritär bearbeiten muss.

„Müssen“ müssen die Ämter beim Thema Lärm ohnehin relativ wenig. Zwar verlangt das EU-Recht die regelmäßig aktualisierten Lärmaktionspläne, aber einklagbare Grenzwerte wie bei der Luftqualität gibt es nicht. Zwar ist bekannt, dass vor allem nachts fast 400.000 Berliner potenziell gesundheitsschädlichem Krach ausgesetzt sind. Aber in der wachsenden Stadt will der Senat sich darauf konzentrieren, die Entstehung neuer Lärminseln zu verhindern.

Städtische Ruheorte

Neu bei der diesjährigen Bürgerbeteiligung war die Umfrage zu städtischen Ruheorten, an der sich mehr als 100 Menschen beteiligt haben. Von denen gaben 99 Prozent an, Berliner zu sein. 93 Prozent erklärten, ihre Ruheoase liege im Grünen – wozu ausdrücklich auch Wald, Wasser und Kleingartenanlagen gezählt werden konnten.

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97 Prozent der Teilnehmer befanden, Naturlärm gehe in Ordnung. Und 95 Prozent erklärten, dass ihnen „Erhaltung und stärkerer Schutz städtischer Ruheorte“ sehr wichtig sei. Damit hat die Senatsverwaltung diese Aufgabe von den Bürgern quasi schriftlich bekommen.

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