Los Angeles-Reise : Boulevard-Presse fällt über Wowereit her

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ist zu Besuch in Berlins Partnerstadt Los Angeles. Prompt rauscht es gehörig im Blätterwald der Regenbogen-Presse. "Das ist eine sattsam bekannte Berichterstattung", so der Senatssprecher.

Berlin - Berlin ist ein sorgenreiches Land: Der Senat der ewig klammen Hauptstadt plagt sich gerade mit dem Haushalt, im fusionierten Bayer-Schering-Konzern stehen etwa 1000 Arbeitsplätze auf dem Spiel und um den Flughafen Tempelhof wird erbittert gestritten. Auch viele soziale Probleme harren weiter einer Lösung. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), dessen rot-rotem Senat die Opposition derzeit Tatenlosigkeit vorwirft, wirbt unterdessen eine ganze Woche lang in Los Angeles für seine Stadt und die seit 40 Jahren bestehende Städtepartnerschaft.

Martin Lindner von der oppositionellen FDP nennt das süffisant ein "luftiges Programm für einen luftigen Bürgermeister". "Wowi lässt es wieder krachen", titelt gar die hauptstädtische "B.Z.". Das schon abgelegt geglaubte "Partymeister"-Image Wowereits, er feiere zu viel und mache zu wenig praktische Politik, erlebt scheinbar eine Renaissance.

"Schönste Dienstreise des Jahres"

So veröffentlicht die "B.Z." Bilder, die einen gut gelaunten Regierungschef umgeben von allerlei Prominenz zeigen. Da scherzt Wowereit mit Schauspielerin Elke Sommer und Entertainer Thomas Gottschalk. Auf der Tafel feines Essen und roter Wein. "Cheers, hoch die Gläser!" spottet die Zeitung. In genüsslichen Details beschreibt sie, wie es sich der Regierungschef bei "Riesengarnelen in Knoblauch-Sahne-Sauce, das Rind zartrosa mit Kartoffelgratin, feinem Spargel und Bohnen" gut gehen lässt.

Das Blatt erhebt den Trip gleich zur "schönsten Dienstreise des Jahres", nicht ohne anzumerken, dass die "offiziellen Feierlichkeiten zum Partnerschaftsjubiläum erst am Mittwoch" beginnen. Vorher habe Wowereit schon so wichtige Termine wahrgenommen wie eine Besichtigung der Riesenmetropole aus der Luft. Außerdem pflanzte er eine Kiefer zu Ehren von Ex-Präsident John F. Kennedy. Garniert ist der Bericht mit Wowereits fröhlichem Konterfei, wahlweise vor dem James-Dean-Gedenkstein oder im Cockpit eines Helikopters. Und auch eine Stippvisite bei Gouverneur Arnold Schwarzenegger stand auf dem Programm.

"Ist das wirklich dienstlich?", fragt "Bild" besorgt. Auch diese Zeitung druckt Fotos des mit den Schauspielern Udo Kier und Jürgen Prochnow plaudernden Bürgermeisters. Auf einem anderen Bild lässt sich Wowereit von zwei strahlenden Frauen busseln. Das weckt Assoziationen zu einem ähnlichen Kuss-Schnappschuss. Im Jahr 2004 herzte Wowereit die Kabarettistin Désirée Nick auf der Aids-Gala und beschwor einen kleinen Skandal herauf. "Küssen gehört zum Regieren", hatte er damals trotzig gegengehalten. Gottschalks Präsenz weckt zudem Erinnerungen an Wowereits vorherige Dienstreise nach Los Angeles, die von Vorwürfen begleitet war, er nutze sie zu einem Privatbesuch.

"Geradezu seine Pflicht"

Im Roten Rathaus, Wowereits Amtssitz, hält man sich mit Kommentaren zurück. Einziger Satz von Senatssprecher Michael Donnermeyer: "Das ist eine sattsam bekannte Berichterstattung." SPD-Parteichef Michael Müller versteht die ganze Aufregung überhaupt nicht. Die Städtepartnerschaft mit Los Angeles gehöre zu den ältesten und wichtigsten für Berlin. Zugleich ist Wowereit auch für Kultur zuständig, deshalb seien entsprechende Kontakte "geradezu seine Pflicht". Müller verweist aber darauf, dass der Regierungschef auch Politiker und Wirtschaftsvertreter treffe.

Häme sei deshalb "völlig fehl am Platze und geht am Sinn und Zweck der Reise vorbei", sagt der Parteichef. Er ermuntert "auch andere Repräsentanten der Hauptstadt", darunter die Opposition, mehr zu reisen und Kontakte zum Vorteil Berlins zu pflegen. Die deutsche Hauptstadt tut offenbar gut daran, an ihrer Außendarstellung weiter zu feilen. Immerhin schreibt der Tagesspiegel zur Halbzeit der Reise des Regierungschefs ernüchternd: "Die Öffentlichkeit in Los Angeles nimmt praktisch keine Notiz von Wowereit." (Von Claudia Pietsch und Christina Schultze, ddp)

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