"Mall of Berlin" : Rumänische Wanderarbeiter kämpfen um ihren Lohn

Sie kämpfen um ihre Würde. Und um ihr Geld. Seit Wochen demonstriert eine Gruppe Rumänen vor der "Mall of Shame". Für Arbeit beim Bau des Einkaufszentrums wurden sie nicht entlohnt. Ihr Auftraggeber ist pleitegegangen. Der Bauherr sagt: Wir haben uns nichts vorzuwerfen.

Rumänische Arbeiter demonstrieren für einen Boykott der „Mall of Shame“.
Rumänische Arbeiter demonstrieren für einen Boykott der „Mall of Shame“.Foto: DAVIDS

Auf dem Stück Papier, das er der Dame im Kamelhaarmantel entgegenstreckt, als sie gerade aus dem Einkaufszentrum "Mall of Berlin" kommt, steht eine der schlimmsten Episoden seines Lebens. Dass er, Elvis Iamcu, auf der Baustelle der Mall ausgebeutet wurde. Zuerst hat er, ein 44-jähriger Rumäne mit rundlichem Gesicht und grauen, stoppeligen Haaren, für weit weniger als fünf Euro die Stunde gearbeitet, dann wurde er auch noch um seinen Lohn betrogen. An diesem Winterabend steht er mahnend, wie jeden Abend seit fast eineinhalb Monaten, vor der Mall am Leipziger Platz, mitten in Berlin.

Die Frau im Mantel aber trippelt an Elvis Iamcu vorüber, ohne ihn anzusehen, macht mit der einen Hand eine abwehrende Bewegung, in der anderen trägt sie zwei pralle Tüten. Iamcu zieht das Papier zurück, die Schultern hoch. Sein Mund verschwindet hinter dem schwarzen Schal.

Elvis Iamcu protestiert gemeinsam mit sieben Freunden und Verwandten, die mit ihm gearbeitet haben – Material geschleppt, geputzt, Rigipsplatten an Decken und Wänden angebracht – und die mit ihm ausgenutzt wurden. Zuerst von der Firma "Openmallmaster GmbH" aus Frankfurt am Main, dann von der "Metatec Fundus GmbH & Co. KG" aus Kreuzberg, beides Subunternehmer der verantwortlichen Baufirma "Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH". Deren Chef Andreas Fettchenhauer hat am Montag Insolvenz angemeldet. Pleite soll er aber schon länger sein, behauptet jedenfalls eine der von ihm beauftragten Firmen, die bereits vor zwei Wochen Strafanzeige wegen Insolvenzverschleppung gegen Fettchenhauer gestellt hatte.

Fettchenhauers Insolvenz ändert nichts am Protest

Der Zoll hatte bereits vor drei Jahren gegen Fettchenhauer ermittelt, da war er noch Geschäftsführer der BSS Beton-System-Schalungsbau. Die ist längst pleite, hatte schon zu Beginn der Bauarbeiten an der "Mall of Berlin" Insolvenz angemeldet. Ein Subunternehmer war der systematischen Vertuschung von Schwarzarbeit überführt worden. Fettchenhauer konnte jedoch nicht nachgewiesen werden, dass er von dem Betrug wusste. Für eine Stellungnahme zum aktuellen Fall ist er nicht zu erreichen.

Elvis Iamcu und die anderen haben für ihren Protest schon vor Wochen auf ein löchriges Leinentuch eine Art Stammbaum gemalt. Ganz unten stehen "Metatec" und "Openmallmaster", in der Mitte die "Fettchenhauer Controlling", ganz oben Bauherr Harald Huth. Fettchenhauers Insolvenz ändert nichts am Protest, für Iamcu und die anderen ist Huth schuld. Auch an den nächsten Abenden werden sie deshalb wieder demonstrieren.

Dabei ist Harald Huth womöglich auch schon einmal persönlich an ihnen vorbeigeeilt, am Leipziger Platz 16 befindet sich sein Büro. Huth ist ein verbindlicher Mann mit dunkelblondem Haar, der gerne schwarze Rollkragenpullis und Cordhose trägt, und der mit der Namensgebung seiner Firma unmissverständlich klarmacht, was er tut: "High Gain Investments" – Investitionen mit hohem Gewinn.

Ist der Kostendruck von oben schuld?

Menschen wie Harald Huth werden in der Branche „Entwickler“ genannt. Ihr Job ist, grob gesagt, Kredite von Banken zu organisieren, mit dem Geld Bauprojekte zu finanzieren, und wenn der Beton gegossen und die Mieter eingezogen sind, das "Produkt" – das Shopping-Center „Schloss“ in Steglitz etwa – an jene zu verkaufen, die in zinsarmen Zeiten auf der Suche sind nach "Investments". Für den Entwickler gilt: Je günstiger er baut und je teurer er vermietet, desto mehr verdient er beim Verkauf.

Ist also der Kostendruck von oben schuld daran, dass die da unten leer ausgehen? Wiederholt sich mitten in Berlin das Schauspiel von Not und Elend weit gereister Leiharbeiter, das beim Bau von WM- Stadien in Katar beklagt wird? Huth weist das zurück. Aber warum hilft er dann nicht, kurz vor Weihnachten? "Wir haben unsere Rechnungen vollumfänglich jederzeit pünktlich über das vertraglich vereinbarte Soll bezahlt und wir haben an den Zahlungsschwierigkeiten von Bauunternehmen, die an dem Bauvorhaben beteiligt waren, kein Verschulden", sagt Huth.

In einem Berliner Beratungsbüro des „Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (DGB), das sich speziell um „entsandte Beschäftigte“ kümmert, haben sich bislang 30 rumänische Arbeiter gemeldet. Sie alle wurden während der Arbeiten an der "Mall of Berlin" um ihren Lohn betrogen.

Rumänische Arbeiter demonstrieren für einen Boykott der „Mall of Shame“.
Rumänische Arbeiter demonstrieren für einen Boykott der „Mall of Shame“.Foto: DAVIDS

Seit Jahresanfang haben die drei Berater des Büros schon 1800 Wanderarbeiter aus Osteuropa betreut, die geprellt worden sind, fast alle in der Baubranche und im Reinigungsgewerbe. In den drei Jahren, die die Beratungsstelle existiert, wurden 500 000 Euro Lohnrückstände eingetrieben. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt DGB-Sprecher Dieter Pienkny. Von den meisten Fällen erfährt niemand. Denn viele Arbeiter kehren nach einer schlechten Erfahrung einfach zurück nach Hause – oder sie ziehen weiter zur nächsten Baustelle, in der Hoffnung, dort besser behandelt zu werden. Dennoch steigt die Zahl der registrierten Fälle. 2014 kamen doppelt so viele Wanderarbeiter in die Beratungsstelle als im Vorjahr.

Die Schattenwirtschaft, in der solche Ausbeutungen stattfinden, ist fest in Deutschland verankert. Die Bundesregierung schätzt, dass sie 13,4 bis 14,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Und auch der Niedriglohnsektor, wo Ausbeutung von Wanderarbeitern ganz legal möglich ist, ist fester Bestandteil des deutschen Arbeitsmarkts. Um Mindestlöhne in bestimmten Branchen zu umgehen, stellen Unternehmen die Arbeiter zum Beispiel über Werksverträge an – dann gelten die Lohnstandards der Herkunftsländer. Oder sie lassen sie als Selbstständige mit Gewerbeschein schuften. Die Arbeiter sind dann „frei“, jeden Lohn zu akzeptieren, so niedrig er auch sein mag. Elvis Iamcu wusste nichts von alldem. Nie hätte er gedacht, dass ihn hier jemand betrügen würde. Noch heute ist er überzeugt: „Was uns passiert ist, hat nichts mit Deutschland zu tun, sondern mit ein paar Betrügern.“

Er fühlt sich für die anderen verantwortlich

Für ihn und seine sieben Kollegen war der Job in Berlin der erste auf dem Bau, für alle war es die erste Stelle im Ausland. Iamcu besitzt seit Jahren ein Bekleidungsgeschäft in Constanza am Schwarzen Meer, für rumänische Verhältnisse verdient er gut, im Sommer, wenn die Touristen kommen, schon mal mehr als 500 Euro im Monat. Bevor er den Laden aufmachte, hat er eine Managementhochschule besucht. Er spricht gut Englisch. Damit unterscheidet er sich in drei Punkten von den meisten Wanderarbeitern: Er ist nicht auf den Job in Berlin angewiesen, er ist gebildet, und er kann sich in Deutschland verständigen. Vielleicht hat er sich deshalb – anders als die meisten – entschieden, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Ginge es nur um mich, wäre ich wahrscheinlich schon zurück bei meiner Familie“, sagt Iamcu. Aber er fühlt sich für seine Verwandten und Freunde verantwortlich. Er hat den Job in Berlin an Land gezogen. Ende Juli rief ihn ein alter Bekannter an. Der Mann sagte, er sei in Berlin, habe ein super Jobangebot auf einer Baustelle, die Firma zahle 1300 Euro Monatslohn für wöchentlich sechs Zehnstundentage, stelle die Unterkunft, biete einen deutschen Arbeitsvertrag. Erfahrung sei nicht nötig, auch keine Deutschkenntnisse. 1300 Euro sind mehr als das Dreifache des durchschnittlichen rumänischen Monatslohns.

Sie schliefen in den Autos

Iamcu rief seinen Bruder an, sagte Freunden Bescheid. Wen er auch fragte, alle waren begeistert und bereit, dafür ihren Job in Rumänien zu kündigen. Nur wenige Tage nach dem Anruf verabschiedete Iamcu sich von seiner Frau und der 17-jährigen Tochter. Den 21-jährigen Sohn nahm er mit. Spätestens Weihnachten wollten sie wieder zurück sein. Vater und Sohn fuhren im Pritschenwagen von Iamcus Firma los. In Bukarest stiegen ein Neffe und drei Freunde zu, ein Auto mit vier weiteren Bekannten fuhr hinter ihnen her. Am nächsten Vormittag parkten die beiden Autos vor dem Einkaufszentrum am Leipziger Platz. Iamcu rief seinen Bekannten an, der schickte den Chef, einen Mann aus Moldavien, der Rumänisch sprach. Der habe sie sofort auf die Baustelle gebracht und Material schleppen lassen. Am Abend erklärte er, ihre Unterkunft sei noch nicht fertig. Also schliefen die zehn in ihren Autos. „Im Grunde hätten wir da sofort nach Hause fahren müssen“, sagt Elvis Iamcu. Damals dachte er: „Der Chef ist komisch. Aber Deutschland ist ein gutes Land.“

Am dritten Tag konnten sie die versprochene Unterkunft beziehen, ein Einzimmerapartment für zehn Leute. Sie mussten 50 Euro pro Person im Monat zahlen, im Voraus. Nach einer Woche passte der Schlüssel des Apartments nicht mehr. In der Firma wusste angeblich niemand davon. Die Männer zogen mit vier anderen rumänischen Arbeitern in eine Zweizimmerwohnung am Mehringdamm, die ein Kollege auf der Baustelle vermittelte. Sie zahlten 1800 Euro.

Mehr noch als das Wohnungsproblem bekümmerte Elvis Iamcu, dass sie noch nicht, wie abgemacht, einen Vertrag erhalten hatten. Fragten sie nach, vertröstete der Chef sie, manchmal reagierte er aggressiv. Das wiederholte sich, als nach zwei Wochen die erste Lohnzahlung anstand. Wieder beschwerten sie sich, wieder wurden sie erst vertröstet, dann beschimpft. Nach drei Wochen bekamen sie dann das erste Geld. Es war viel weniger als vereinbart, jede Woche hatte der Chef mehr als zehn Arbeitsstunden abgezogen. Als Iamcus Neffe sich beschwerte, zeigte der Chef ihm Fotos: die Männer beim Rauchen oder mit einem Kaffee in der Hand.

Als sie das nächste Mal nach dem Vertrag fragten, verlangte der Chef 150 Euro für „die polizeiliche Anmeldung“ und weitere 100 Euro für den Gewerbeschein. Doch auch in den Wochen darauf bekamen sie keinen Vertrag und auch die nächste Lohnzahlung verzögerte sich und es fehlten Arbeitsstunden.

Er versprach sechs Euro die Stunde

Der Chef der „Metatec“ erfuhr von den Problemen der Rumänen und bot ihnen Mitte September an, zu ihm zu wechseln. Er versprach sechs Euro die Stunde und einen Arbeitsvertrag. Die Männer um Elvis Iamcu nahmen das Angebot sofort an. Angeblich blieb „Openmallmaster“ den letzten Wochenlohn, etwa 300 Euro, den Arbeitern schuldig. Doch auch bei „Metatec“ erhielten die Rumänen keinen Vertrag. Als nach zwei Wochen der Lohn fällig war, bekamen sie nach eigener Aussage wieder kein Geld. Trotzdem arbeiteten sie noch zwei weitere Wochen. „Wir hofften fest, das alles sei ein Riesenmissverständnis“, sagt Iamcu.

Ende Oktober, wenige Tage, nachdem sie auf der Baustelle aufgehört hatten, wurden die 14 Männer aus dem Apartment am Mehringdamm geworfen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Am Abend fuhren sie zur „Mall of Berlin“, dem einzigen Ort in der Stadt, den sie kannten. Weil nicht alle in die Autos passten, beschlossen sie, gemeinsam draußen zu schlafen. Gegenüber fanden sie eine Brache und ein paar Paletten. Am nächsten Morgen schickte Elvis Iamcu seinen Sohn mit einem Freund nach Rumänien. Er selbst stellte sich mit den übrigen Männern vor das Einkaufszentrum. Bauarbeiter, die noch in der Mall beschäftigt waren, schenkten ihnen Salami, Anwohner brachten Decken. Die Chefs von „Openmallmaster“ und „Metatec“ ignorierten sie. Nach zehn Nächten bot ihnen die Bauleiterin einer anderen Firma an, in einem Container zu schlafen. Ende Oktober gab ihnen ein Rumäne den Tipp, zum Beratungsbüro des DGB zu gehen.

30 000 Flyer und gelbe Warnwesten

Als die DGB-Beraterin bei den Geschäftsführern von „Metatec“ und „Openmallmaster“ anrief, erklärten diese, sie hätten das Geld, das sie den Arbeitern schuldeten – insgesamt 33 000 Euro –, von ihrem Auftraggeber nicht erhalten. Ein Sprecher der „Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH“ wiederum erklärte, die Firma habe das Geld längst an die Subunternehmer bezahlt. Nach weiterem Hin und Her erklärten die sich bereit, jedem Arbeiter 500 Euro Abschlagszahlung zu geben. Fast alle nahmen das Geld an und fuhren zurück nach Rumänien. Elvis Iamcu und seine sieben Freunde blieben.

Vor drei Wochen, als Iamcu das Gefühl hatte, es bringe nichts, weiter stumm zu protestieren, brachte sie ein Bekannter zum Lokal der „Freien Arbeiter Union“ (FAU), einer selbst organisierten, antikapitalistischen Gewerkschaft. Die Berliner Sektion hat etwa 300 Mitglieder, die meisten jünger als 30. Sie versprachen, den Protest zu unterstützen. Noch am selben Tag traten die Arbeiter in die FAU ein.

„Wir hatten schon lange auf so etwas gewartet“, sagt Stefan Kuhnt von der FAU. Dass Arbeiter aus Osteuropa oft ausgebeutet werden, war ihm und seinen Kollegen bekannt. Doch bisher hatten sie noch nie einen solchen Fall, noch nie konnten sie dagegen ankämpfen. Sie fanden Schlafmöglichkeiten und sammelten Spenden, um die Männer mit Essen versorgen zu können. Dann meldeten sie die Mahnwache bei der Polizei an, druckten 30 000 Flyer, verteilten gelbe Warnwesten, auf deren Rücken „FAU im Arbeitskampf“ steht. Sie ließen die Rumänen eidesstattliche Erklärungen unterzeichnen, mit denen sie juristisch gegen die Bauherren vorgehen wollen. Und sie organisierten eine große Demo am Nikolaustag. Es kamen mehr als 300 Menschen.

Elvis Iamcu sagt: „Ich hatte zwei Ziele, als wir mit den Protesten begonnen haben: Erstens wollte ich um unsere Würde kämpfen, zweitens um das Geld.“ Dann hält er feierlich inne. „Erstens haben wir schon geschafft.“

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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