Berlin : Medizin meldet Vollzug

Ihre Patienten sind Verbrecher, oft sind sie drogensüchtig oder rufen gleich den Anwalt an, wenn sie sich schlecht behandelt fühlen. Kaum ein Arzt hat es schwerer. Ein seltener Einblick in den Alltag der Berliner Gefängnismediziner

Thomas Loy

Nach elf Monaten bekam er einen Herzinfarkt. Vielleicht vom vielen Warten. Im Knast zu warten ist Stress. „Man wartet hier ewig.“ Der Mann, nennen wir ihn Alex, ist 46 Jahre alt, trägt blaue Anstaltskluft und Socken, hat ein breites Kreuz, etwas blasse Haut und schwarze Haare. Er habe viel Gas gegeben, Muskeltraining, Anabolika, bevor er verhaftet wurde. Warum, behält er für sich. Jetzt wartet Alex im vergitterten Krankenzimmer auf seine Genesung und den Prozess.

Pforte VI, JVA Moabit. Hohe Stahltore, die sich sanft öffnen, noch ein Gitter, ein kleiner Hof, dahinter beginnt das KBVA, Krankenhaus aller Berliner Vollzugsanstalten, 125 Betten, 100 Pflegekräfte, 33 Ärzte, verteilt auf drei Standorte; hierher werden kranke Häftlinge verlegt, wenn der „Hausarzt“ des jeweiligen Gefängnisses die stationäre Behandlung verordnet. Drinnen ist es hell und sauber. Im Flur ein fernes Lachen, kalter Husten aus einem der Zimmer. Ein Uhrzeiger springt mit lautem Klack aus seiner Starre.

Der stellvertretende ärztliche Direktor, Friedemann Groß, ist mit dem Fahrrad gekommen. Er steckt den wuchtigen Generalschlüssel in seine Hosentasche. In diesem Jahr feiert Groß sein 15. Jubiläum im Haftkrankenhaus. Sein Chef, Rainer Rex ist zehn Jahre länger dabei. Sie sagen, sie mögen ihren Job. Weil sie nicht unter Zeitdruck stehen wie die Kollegen draußen. Es gibt weder Fallpauschalen noch Ärger mit den Krankenkassen. Gefängnismediziner können die Entwicklung von Patienten über Jahre, manchmal Jahrzehnte verfolgen. Manchmal kämpfen sie für eine vorzeitige Entlassung, damit ein Schwerkranker nicht in Haft sterben muss, da haben sie viele Geschichten parat. Über die Schwierigkeiten aber, die der Job mit sich bringt, die Gefahren und auch die Vorwürfe, wird das Gespräch nur schwer in Gang kommen. Vorsichtig flechten die Ärzte immer wieder die „Menschenwürde“ in ihre Antworten ein und die gesetzliche Vorgabe, Menschen in Haft medizinisch nicht schlechter zu stellen als Menschen in Freiheit. Mitte Februar erst war ein herzkranker Häftling, Eberhard Reichert, in Tegel gestorben. Er hatte zuvor über mangelnde Behandlung geklagt.

Mittagspause im Frühstückszimmer. Rex, grüne Augen, grauweißer Bart, öffnet das Fenster und saugt an der Zigarette. Raucher sind fast alle hier, bis auf 0,5 Prozent, sagt der Arzt und lacht. Rauchen ist erlaubt, weil Alkohol verboten ist, und irgendeine Sucht braucht man im Knast.

Neben Alkoholikern auf Zwangsentzug leben auch einige Diabetiker auf der Station. Groß betreut die Tuberkulose- und HIV-Fälle. Infektionskrankheiten sind verbreitet unter Knackis. Auch Herzkreislaufbeschwerden, weil Kriminalität und Haft viel Stress mit sich bringen, sowie psychische Erkrankungen und Depressionen; vor Tagen erst gab es wieder einen Selbstmord in der JVA Tegel.

Da offenbart sich allerdings ein Schwachpunkt der Medizin im Vollzug. Wie erkennt man Wunden, die nicht bluten, bei Patienten, mit denen sich oft nicht leicht reden lässt? Suizidgefahr zum Beispiel. Zumal der Arzt nicht immer das Vertrauen des Häftlings genießt. Freie Arztwahl, das gibt es nicht im Knast, und es kommt vor, dass der Häftling den „Zwangsarzt“, wie er ihn empfindet, ablehnt. Einer hat dem Tagesspiegel vor kurzem erzählt, die Ärzte seien mit Arzneien „knauserig“. Sobald einem etwas fehle, was nicht so offensichtlich sei, werde man für einen Simulanten gehalten. Rainer Rex wiederum versichert, Simulanten gebe es kaum. Höchstens Patienten mit überhöhter Sensibilität für den eigenen Körper, weil sonst nicht viel bleibt für die Sinne.

Die Wahrheit findet sich vermutlich irgendwo in der Mitte dieser komplizierten Arzt-Patienten-Beziehung.

Dass Patient und Arzt in einen Konflikt geraten, kann allerdings auch andere Gründe haben. Manche Häftlinge seien am eigenen Wohlergehen einfach nicht mehr interessiert. Rex hatte mal einen herzkranken Schwerstgewichtigen, der erst nach langem Zureden bereit war, sich mit einem Katheter untersuchen zu lassen. Dazu musste er in ein öffentliches Krankenhaus. Als alles bereit war, wollte er nicht auf die Liege. „Da kann man nichts machen. Es gibt keine Zwangstherapie.“

Andere Knackis wiederum verweigern sich komplett und spekulieren darauf, haftunfähig geschrieben zu werden. „Oder sie sind geistig nicht mehr in der Lage, zu verstehen, worum es geht.“ Medikamente würden „unter Aufsicht“ verabreicht, „aber nur bis zur Zahnreihe“, sagt Rex, „alles Weitere würde gegen die Menschenwürde verstoßen“. Bleibt der Mund zu, trägt der Patient das weitere Risiko.

Gefährlich sei die Arbeit mit den Verbrechern nicht, sagen Rex und Groß. Es gebe allenfalls verbale Attacken. Die aber fallen mitunter heftig aus, bis hin zur Diffamierung als „Dr. Mengele“. Dennoch: Das Interesse des Anstaltsarztes am Wohlergehen der Häftlinge sei schon deshalb hoch, weil jeder Patient einen Anwalt hat. Und viele nutzen den auch. Die Ärzte müssen öfter bei der Kripo in Tempelhof aussagen. „Körperverletzung im Amt“ und „unterlassene Hilfeleistung“ lauten die Vorwürfe. „Es ist aber noch nie ein Arzt verurteilt worden“, sagt Rex mit Verve.

Die Berichte um den Fall des herzkranken Eberhard Reichert nennt er „Klatschgeschichten“, vor allem, was die mangelnde Sorgfalt des Anstaltsarztes anging. Er kenne den Fall gut, dürfe aber nichts sagen, erklärt Rex. „Wegen der ärztlichen Schweigepflicht sitzen wir am kürzeren Hebel.“ Groß’ Blick gleitet unruhig an der Tischkante hin und her. Das Thema wühlt ihn auf. „Das ist der übliche Perspektivwechsel. Böser Verbrecher, solange er draußen ist, Opfer von Willkür und Bütteljustiz, wenn er einsitzt.“

Friedemann Groß drückt die Dinge gern positiv aus. Viele Drogenabhängige hätten hier endlich mal die Chance, zu sich zu kommen. Immerhin: Beim Haftantritt werde jeder durchgecheckt, danach behandelt und langfristig betreut. Alles kostenlos. „Für viele ist der Knast lebensrettend“, sagt Groß. Dass andersherum die Haft gerade bei Alkohol- oder Drogenabhängigen so genannte „Entzugsdelikte“ auslöst, dass solche Häftlinge Unruhe in ein Gefängnis mitbringen, das erwähnen die Ärzte nicht. Auch nicht, dass solche Häftlinge dann manchmal einen Handel mit Analgetika und Sedativa in Gang setzen, die von Mittelsmännern beim Anstaltsarzt erschlichen werden. In Moabit wurde deswegen gerade ein Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Im Haftkrankenhaus sind die Patientenzimmer zugleich Zellen und die Pfleger auch für die Sicherheit da; sie machen eine Zusatzausbildung dafür. 23 Stunden Einschluss, eine Stunde Ausgang.

Alex teilt sein Krankenzimmer mit einem anderen Herzpatienten. Wenn man reinkommt, steht vorne rechts die Toilettenschüssel hinter einem niedrigen Paravent. Vorn links der Tisch, darauf ein Stuhl, darauf der Fernseher. Wenn das Krankenhaus „vollläuft“, steht ein drittes Bett im Zimmer. Dann ist vom Linoleumboden nicht mehr viel zu sehen. Solche Unterbringung verstößt gegen alle Vorschriften. Das gibt auch die Justiz zu.

Immerhin wurde nun für zwölf Millionen Euro ein neues, zentrales Haftkrankenhaus in die JVA Plötzensee hineingebaut. Jedes Zimmer hat eine separate Nasszelle. Dazu zwei Betten, Regal, Tisch und eine Wandhalterung für den Fernseher. Allerdings sind Wochen nach der Einweihung immer noch keine Patienten da – wegen verkeimter Wasserleitungen.

Kollege Rex wird sich wohl nicht mehr im neuen Krankenhaus einleben. Zum Jahresende hat er seinen letzten Arbeitstag.

Groß hat noch Probleme mit dem neuen Generalschlüssel, kürzer und flacher als der alte. Den spürt man nicht mehr in der Tasche. Seine rechte Hand schließt schon lange ohne Rückmeldung ans Hirn. Rein-Vierteldrehung-raus. Täglich hunderte Türen. Zwischendurch Geklimper mit dem Anhänger. Handautomatisch. Wenn er anfängt, auch zu Hause alles abzuschließen, sagt er, werde es Zeit, den Job zu wechseln.

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