Nach armenischem Vorbild : Ein Berliner Bildungsprojekt macht Schüler digital fit

1200 Schüler sollen bald in einem Wilmersdorfer Lernzentrum kostenlos digital fit gemacht werden.

Torben Klausa
Blick in das TUMO Center for Creative Technologies in Jerewan 2017.
Blick in das TUMO Center for Creative Technologies in Jerewan 2017.Foto: Rolf Brockschmidt

Berlin bekommt ein digitales Bildungszentrum ganz neuer Art: Tumo heißt das Lernprojekt nach armenischem Vorbild – es ist nach dem Lande- Dichter Hovhannes Tumanyan, kurz Tumo, benannt. Am Dienstag unterzeichneten Dorothee Bär, Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung und Ashot Smbatyan, Botschafter Armeniens in Deutschland sowie KfW-Vorstandsmitglied Ingrid Hengster mit dem per Videostream aus Jerewan zugeschalteten Tumo-Geschäftsführer Pegor Papazian die Kooperationsvereinbarung für den Aufbau eines digitalen Lernzentrums in Berlin. Ab Herbst 2020 sollen Jugendliche auch in Berlin digitale Fähigkeiten erlernen.

Ursprünglich entstanden ist das Konzept 2011 in Armeniens Hauptstadt Jerewan. Tumo ist keine staatliche Bildungseinrichtung, sondern ein privates Charity-Projekt. Die Idee stammt von dem armenisch-amerikanischen Unternehmerpaar Sam und Silva Simonian. Bei den einzelnen Zentren setzt ihre Stiftung auf weitere Finanzierungspartner.

Mit neuen didaktischen Konzepten sollen die Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren nach der Schule experimentieren und Technologien austesten können. Das Ziel: Sie sollen besser auf die spätere Arbeits- und Berufswahl vorbereitet werden. Die Schüler sind selbst für ihren Lernerfolg verantwortlich, sozusagen ihr eigener Chef. Die Initiatoren wollen ihren Ehrgeiz wecken und sie lernbegieriger machen. Es gehe nicht nur um die Technologie, es gehe um Verantwortung.

Inzwischen gibt es in Armenien vier Zentren, ein fünftes ist in Bau. Die Faszination für digitale Bildung ist nicht nur bei armenischen Jugendlichen geweckt worden, sondern auch bei der deutschen Bundeskanzlerin. Angela Merkel lernte das Zentrum 2018 bei einem Staatsbesuch kennen – und sei begeistert gewesen, heißt es.

Kurse für 1200 Jugendliche pro Woche

In dem ersten deutschen Tumo-Zentrum, ein mehrgeschossiges Gebäude in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße, sollen wöchentlich rund 1200 Jugendliche kostenlos nach der Schule digitale Techniken und Kompetenzen beigebracht bekommen – von Animation über Robotics bis zu 3-D-Modellierung.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanziert die Ausstattung und den Betrieb des Berliner Standorts für die kommenden fünf Jahre. Neben Berlin soll es künftig auch weitere Tumo-Zentren in Deutschland geben. Die KfW sucht nun Partner und will dazu auf Städte und Gemeinden zugehen, sagte eine Sprecherin. Doch das viel gelobte Projekt ist nicht der einzige Faktor, der die kleine Republik im Südkaukasus als erstaunlich digitalaffin kennzeichnet.

Armenien ist bis heute ein armes Land, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf liegt bei weniger als einem Zehntel des deutschen. Umso mehr sticht das helle Tumo-Gebäude in Jerewans Stadtbild hervor. Die Ausstattung im Inneren lässt deutsche Schulen wie aus einem vergangenen Jahrhundert wirken. Kinder und Jugendliche sitzen an großen Macbooks, entwerfen Animationen, bearbeiten Fotos oder proben in großzügigen Musikräumen. Die Ausbildung im Zentrum ist kostenlos; es ist gut besucht.

TUMO Center for Creative technologies in Jerewan 2017.
TUMO Center for Creative technologies in Jerewan 2017.Foto: Rolf Brockschmidt

Ein weiteres Zentrum liegt in Stepanakert, der Hauptstadt der Region Bergkarabach. Dieses politisch umstrittene Gebiet wird international allerdings als Teil Aserbaidschans anerkannt. Daneben existieren auch Zentren in Beirut und Paris – in beiden Städten leben viele Exil-Armenier.

Das „Chess Valley" im Südkaukasus

Schon zu Sowjetzeiten hatte Armenien den Ruf, gute Programmierer hervorzubringen. Das Land ist außerdem für seine Schachmeister bekannt – heute versuchen die Armenier beides zusammenzubringen und als „Chess Valley“ dem Silicon Valley nachzueifern. In Armenien ist das Internet heute genauso frei wie in Frankreich. Das bescheinigte die NGO „Freedom House“ dem Land kürzlich in einem Ranking: Unter den postsowjetischen Staaten hebt das die Republik im Südkaukasus hervor. Armenien hat sich im Vergleich zur vorherigen Rangliste weiter verbessert.

Der armenische Premierminister Nikol Paschinjan, den 2018 friedliche Proteste ins Amt brachten, kommuniziert selbst bevorzugt über das Internet mit dem Volk. Schon während der Aufstände wandte Paschinjan sich regelmäßig in Facebook-Livevideos an die Protestierenden. Armenier berichten, dass Livestreaming über Facebook die „Samtene Revolution“ von 2018 auch in anderer Hinsicht erleichtert habe. Wenn die Polizei anrückte, hielten Protestierende mit der Handykamera drauf. Diese Öffentlichkeit half, Gewalt zu verhindern. Auch der Messenger Telegram spielte damals offenbar eine Rolle. Die Proteste wurden über eine Superchat-Gruppe dezentral koordiniert. Das brachte den Aufständischen Vorteile gegenüber der Polizei.

Damals wurden die Livestreams zu einem Werkzeug der Revolte, heute könnten sie jedoch die armenische Demokratie beeinträchtigen. In seinen eigenen Livestreams muss Premier Paschinjan schließlich keine kritischen Fragen beantworten wie in klassischen Medien. Das sollte ihm selbst ein Anliegen sein, schon alleine aufgrund seines früheren Jobs: Paschinjan war Journalist.

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