Nach der Grünen Woche : Die drei großen Baustellen der Messe Berlin

Die Messegesellschaft macht Gewinn und bringt Besucher nach Berlin. Doch das Unternehmen muss dringend strategische Probleme lösen.

Blick auf den Funkturm und das ICC am Messedamm in Berlin-Charlottenburg.
Blick auf den Funkturm und das ICC am Messedamm in Berlin-Charlottenburg.Foto: Thilo Rückeis

„Wo ist Ecbatane?“, fragte der Tagesspiegel im November 2008 – und berichtete über den Verbleib der umstrittenen Koloss-Skulptur, die seit Anfang der 1980er Jahre vor dem ICC an der Kantstraße in Charlottenburg Millionen Besucher des Messe- und Kongressgeländes begrüßt hatte.

Die Antwort ist heute dieselbe wie vor gut zehn Jahren: Das fast sieben Meter hohe und 16 Meter lange Kunstwerk, das wegen Rostfraßes einsturzgefährdet war und 2005 demontiert wurde, verstaubt auf dem nichtöffentlichen Servicehof im Südwesten des Messegeländes unterm Funkturm. „Im schlimmsten Fall bis ins Jahr 2016“, hieß damals. Heute müssen wir berichten: Ecbatane wird dort noch länger liegen.

Für Berlins betont genderneutralen Senat hat die Sanierung dieses Werkes mit Hammerschädel und baumelndem Hodensack mutmaßlich keine Priorität: Der Schöpfer, der französische Bildhauer Jean Robert Ipoustéguy, kann das nicht mehr ändern. Er starb 2006. Und der Senat könnte die mehr als 100.000 Euro, die für die Restaurierung nötig wären, auch gut anders investieren, zum Beispiel in die Sanierung der maroden Hallen ihrer fast zu 100 Prozent landeseigenen Messe- und Kongressgesellschaft.

Ecbatane, das Kunstwerk mit dem Beinamen „Der Mensch baut eine Stadt“, ist zwar ein buchstäblich großes Thema für die Messe Berlin. Doch es gibt drängendere Baustellen – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Ein Überblick.

Baustelle 1: Das Messegelände

Dieser Tage haben sich wieder rund 400.000 Gäste der Internationalen Grünen Woche selbst davon überzeugen können, wie marode einige der Hallen sind. Zwar regnet es noch nicht kübelweise durch die Dächer, aber in einigen der Sanitäranlagen lässt sich auch mit zitrusfrischen Reinigungsmitteln nicht mehr kaschieren, dass die Zeit gekommen ist, um hier mehr als einen Topf Farbe zu verteilen. Auch manchen Fluchtweg würde man heute so nicht mehr bauen.

Die insgesamt 26 Hallen, die meisten davon in den 1930ern und 50ern gebaut, brauchen eine denkmalgerechte Grundsanierung, sollen auch weiterhin Aussteller und Gäste aus allen Teilen der Welt sich hier gern zum Geschäftemachen treffen. Andernfalls, so warnt nicht nur die Messegesellschaft, finden weltweite Leitmessen wie die Grüne Woche (Januar), die Fruchthandelsmesse Fruit Logistica (Februar), die Tourismusmesse ITB (März), die Funkausstellung Ifa (September) oder die Schienenfahrzeugmesse Innotrans (September 2020) künftig in einem der neuen Messezentren zwischen Singapur und Schanghai statt. Dann aber irgendwann unter neuem Namen – und ohne die Messe Berlin.

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Die Sanierung des Geländes unterm Funkturm wird Hunderte Millionen Euro kosten und sich über mindestens 15 Jahre hinziehen, da die Arbeiten bei laufendem Betrieb organisiert werden müssen. Nacheinander und reihum werden einzelne Hallen geschlossen. Die großen Messen belegten aber bisher alle Hallen und verzeichnen fast jedes Jahr neue Rekorde bei Ausstellerzahlen und Besuchern. Schon wachsen immer mehr Stände als Zwei- bis Dreigeschosser in die Höhe, wie man wieder gut auf der ITB beobachten dürfte. Und doch braucht es ein Ausweichquartier, zusätzliche Grundfläche.

Also hat die Messe eine 27. Halle auf dem Gelände gebaut, gleich links nach dem Betreten durch den Eingang Süd, neben Halle 1. Sie wurde getauft auf den Namen „Hub27“ („Hub twenty-seven“) und soll mehr sein als eine Halle. Das Gebäude, errichtet für 75 Millionen Euro, soll im April eröffnet werden und auch Raum für Konferenzen und Kongresse bieten – wie der 2014 eingeweihte CityCube rechts hinter dem Eingang Süd.

Veranstaltungen mit bis zu 11 500 Gästen sollen im „Hub27“ möglich sein. Während der Messen aber böte er rund 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche als Ersatz für die dann wegen Bauarbeiten gesperrten Hallen. Den ersten Härtetest soll der „Hub27“ zur Ifa im September bestehen.

Baustelle 2: Das ICC

1979 eröffnete das Internationale Congress Centrum (ICC) als Gebäudesatellit am nordöstlichen Ende des Messegeländes. 40 Jahre später könnte das ICC für Berlin zu einem zweiten „Palast der Republik“ werden. Genau wie beim einstigen Kulturzentrum der DDR in Mitte ist vor Jahren das krebserregende Brandschutzmittel Asbest in den Wänden entdeckt worden.

Im März 2014 wurde das ICC geschlossen und diente ab Dezember 2015 als Notunterkunft für bis zu 500 Geflüchtete. Heute steht es wieder leer, kostet die Messe nach eigenen Angaben aber rund zwei Millionen Euro im Jahr: Es muss geheizt und gelüftet werden, um Schimmelbefall zu verhindern, außerdem sichern Wachleute das Objekt Tag und Nacht.

Die Kosten für eine gründliche Asbestsanierung und Erneuerung der Haustechnik werden mit rund 500 Millionen Euro veranschlagt. Das Abgeordnetenhaus hat bereits 200 Millionen Euro bewilligt – die restlichen 300 soll ein Privatinvestor beisteuern.

Doch der scheint nicht in Sicht, was nach Ansicht von Christian Gräff, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, an den Ausschreibungskriterien liegt. Diese würden es einem Investor nicht ermöglichen, auch die nötige Rendite mit dem Objekt zu erwirtschaften, zum Beispiel mit einem Hotel oder Einkaufsmöglichkeiten.

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14.07.2015 00:00Im März 2014 war Zapfenstreich im ICC. Die letzte Großveranstaltung und dann soll Schluss sein...

Nach einer ersten – ergebnislosen – Ausschreibungsrunde läuft nun die zweite noch bis Ende Februar. Von einem Plan B, sollte auch diese scheitern, will man in der zuständigen Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe (noch) nichts wissen. „Das Gebäude als Landmarke und mit dem Ruf eines beliebten Kongresszentrums gibt ausreichenden Anlass für die Erwartung, Investoren für Ideen zu diesem Gebäude begeistern zu können“, sagt Svenja Fritz, Sprecherin von Senatorin Ramona Pop (Grüne). Man werde die erfolgreiche Beendigung des Interessenbekundungsverfahrens abwarten.

Wolf-Dieter Wolf, der Aufsichtsratschef der Messegesellschaft, hatte vor gut einem Jahr einen Abriss dieser spektakulären Immobilie ins Gespräch gebracht. „Ein Abriss ist nicht Beschlusslage im Senat und in der Koalition. Beschlusslage ist, eine Kongressnutzung wieder zu ermöglichen“, sagt Sprecherin Fritz dazu, gibt aber zu, dass das ICC nicht unter Denkmalschutz steht. Allerdings habe diese Immobilie einen vom Landesdenkmalamt Berlin attestierten Wert, welcher in jeder Diskussion über die Nachnutzung zu berücksichtigen sei.

Gräff von der CDU-Opposition, selbst in der DDR geboren, wünscht sich für diesen stadthistorisch wichtigen Bau keinen Abriss wie er beim Ost-Berliner „Palast“ vollstreckt wurde. „Aber der Senat muss noch in diesem Jahr eine Lösung finden. Wenn er es nicht kann, sollte er das ICC und die Messe komplett an private Eigentümer verkaufen.“

Baustelle 3: Strategie und Finanzen

Auf den ersten Blick gibt es hier kaum Handlungsbedarf, denn die Messe arbeitet seit elf Jahren profitabel: Im vergangenen Jahr machte sie 22 Millionen Euro Gewinn bei 347 Millionen Euro Umsatz. Sie veranstaltete insgesamt 120 Messen, darunter auch die Touristikmesse ITB Asia in Schanghai und Singapur. Insgesamt führte sie so 40.000 Unternehmen und 2,5 Millionen Besucher zusammen.

Das waren noch einmal 100.000 mehr als 2016 (das Unternehmen schaut nie aufs Vorjahr, sondern vergleicht jeweils gerade und ungerade Jahre miteinander, da einige Messen wie die Luftfahrtshow ILA nur alle zwei Jahre stattfinden). Die Messe zählt mit 950 Mitarbeitern zu den größeren Arbeitgebern der Stadt.

Und doch dürfte diese Erfolgsgeschichte abreißen, sollte es keine Reform geben. Zum einen ist der Gewinn nicht so groß, als dass die Messe aus eigener Kraft die Sanierung der Gebäude stemmen könnte. Zum anderen machen weltweit starke Konkurrenten, die mit viel privatem Kapital ausgestattet sind, den öffentlich-rechtlichen Messebetreibern in Deutschland zunehmend Konkurrenz. Noch kommen fünf der zehn weltweit umsatzstärksten Messegesellschaften aus Deutschland. Doch sie alle haben relativ alte Gebäude und entsprechend hohen Investitionsbedarf.

In Zeiten von Schuldenbremsen jedoch werden die kommunalen Eigentümer zunehmen kreativ, um nicht immer nur Steuermillionen nachzuschießen zu müssen. So will Senatorin Pop der Messe den Grund und Boden, der bisher dem Land gehört, übertragen. Ihre Hoffnung ist, dass die Messe Berlin dann bessere Karten bei Kreditverhandlungen hat. Doch die Banken scheinen darauf nicht so recht anzuspringen, wie man hört.

Das Aus für die einst weltgrößte Computermesse Cebit in Hannover im vergangenen Jahr ist den Messechefs im Lande eine Mahnung. Um die Profitabilität zu sichern, hat Christian Göke, seit 2013 Chef der Messe Berlin, mehrfach einen Zusammenschluss der führenden deutschen Messegesellschaften angeregt. Darauf wiederum springt Ramona Pop nicht an. „Die Berliner Wirtschaftssenatorin schaut zuallererst auf den Standort Berlin und dann auf den Standort Deutschland“, sagt ihre Sprecherin Fritz.

Bis es einen „umfassenden Masterplan“ für Messe und ICC gibt, wie ihn CDU-Politiker Gräff fordert, versucht die Messe ihr Glück mit neuen Konzepten wie der „Smart Country Convention“, einem Kongress rund um digitale Lösungen für Verwaltungen und öffentliche Dienstleister. Auch experimentiert man unterm Funkturm mit neuen Verkehrskonzepten, um die Belastung durch Anlieferverkehr zu reduzieren.

Der ökonomische Wert der Messe für die Stadt Berlin ergibt sich weniger aus den 22 Millionen Euro direktem Gewinn oder den Jobs bei der Messegesellschaft. Selbst mit roten Zahlen wäre das Unternehmen noch wertvoll. Den Berliner Einzelhändlern, Hotels, Gastbetrieben und Dienstleistern beschert der Messebetrieb insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr, heißt es in einer Studie der ebenfalls landeseigenen Investitionsbank IBB. Wenn man das Geschäft mit den angereisten Messebesuchern mitzählt, seien es sogar 4,2 Milliarden Euro. „Wenn aber nicht der Senat die Kontrolle hätte, sondern ein Privatinvestor, wäre der positive Effekt womöglich noch größer“, glaubt Gräff.

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