• Nachwuchsarbeit, Integration und Leistungssport: „Sport in Deutschland wäre ohne Ehrenamt nicht denkbar“

Nachwuchsarbeit, Integration und Leistungssport : „Sport in Deutschland wäre ohne Ehrenamt nicht denkbar“

Acht Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich in Sportvereinen. Ein Interview mit Karin Fehres vom Deutschen Olympischen Sportbund.

Jugendspieler trainieren im Stadion Lichterfelde.
Jugendspieler trainieren im Stadion Lichterfelde.Foto: Mike Wolff

Sport ist in Deutschland ein Milliardengeschäft, doch die Professionalisierung der Profivereine im Fußball überdeckt, dass der Sport in Deutschland hauptsächlich vom Ehrenamt lebt. Hunderttausende Menschen halten die Vereine am Laufen und schaffen mit großem Einsatz die Strukturen, in denen Nachwuchsarbeit, Integration und Leistungssport gedeihen können. Zur Situation der Vereine und den künftigen Problemen haben wir für unseren „Ehrensache“-Newsletter ein Interview mit Karin Fehres geführt, seit 2014 Vorstand für Sportentwicklung im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Acht Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland in rund 90 000 Sportvereinen. Das ist doch eine überzeugende Zahl für das Ehrenamt im Sport, oder?
Das ist zweifellos so und die Sportvereine leben von diesem Engagement. Ohne die Ehrenamtlichen wäre der Sport in Deutschland so nicht denkbar. Das ist ein System, um das wir auch weltweit beneidet werden.

Gibt es eine Krise der Sportvereine, weil sich die Lebensentwürfe von Menschen in einer globalisierten und digitalisierten Welt verändern?
Von einer Krise der Sportvereine würde ich nicht sprechen. Die jährlichen Bestandserhebungen zeigen auf einem hohen Niveau sehr stabile Zahlen. Aber es gibt unterschiedliche Entwicklungen, wenn man betrachtet, welche Form von Ehrenamt erforderlich ist. Jeder Verein braucht einen demokratisch legitimierten Vorstand. Mit der Wahl in den Vorstand bindet man sich eine gewisse Zeit an diesen Verein. Wir stellen fest, dass diese Form von Engagement immer schwieriger wird. Vereine klagen darüber, dass sie Vorstandspositionen nicht mehr besetzen können.

Liegt das daran, dass sich Menschen anders engagieren als früher? Also nicht mehr so langfristig binden wie es in der Vergangenheit auch bei Sportvereinen üblich war?
Genau, das Engagement wird kurzfristiger, zielgerichteter und projektbezogener. Das sind alles Engagementsformen, wofür sich in Vereinen viele Menschen finden – ein Weihnachtsfest organisieren oder sich mal für eine Sportveranstaltung einbringen. Aber zu einem dauerhaften Engagement, mit dem ich mich auch binde und auch Verantwortung übernehme -  ein Vorstand hat ja nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch auch Aufgaben, Funktionen und finanzielle Verantwortung, sowie Verantwortung für die Vereinsentwicklung – dazu sind in der Tat immer weniger Menschen bereit.

Das heißt, dass es etwa bei Marathon-Events genügend Volunteers gibt, die bei der Organisation mitmachen, aber die Menschen sind weniger bereit, ein Vorstandsamt zu übernehmen.
Genau. Bei diesen großen Sport-Veranstaltungen finden sich viele, die spontan und schnell einsteigen und mitmachen. Es ist übertrieben zu sagen, es finden sich keine Menschen mehr für das klassische Ehrenamt, für die demokratisch legitimierten Vorstände. Aber tatsächlich ist das schwieriger geworden. Zum einen liegt das daran, dass sich die Lebenssituationen verändert haben. Junge Menschen sind flexibler und mobiler, man wird heute nicht mehr in einem Dorf geboren und geht dort zur Schule, macht dort die Ausbildung und arbeitet dort. Lebenswege und Berufskarrieren sind heute häufig mit Ortswechseln verbunden.

Dr. Karin Fehres ist seit 2014 Vorstand für Sportentwicklung im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). 
Dr. Karin Fehres ist seit 2014 Vorstand für Sportentwicklung im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Foto: DOSB

Die Bindung an die Menschen vor Ort hat sich sehr stark verändert in den letzten Jahren. Das sind die äußeren Umstände der Veränderung. Es gibt aber auch Vereinsvorstände, die über Jahre hinweg sehr intensiv und eng zusammengearbeitet haben, und die sich mit einer Kultur des Wechsels schwertun. Wo es lange keine Veränderung an der Vereinsspitze gab, mangelt es an der Erfahrung, was es bedeutet, wenn ein neuer Vorstand oder Vereinsvorsitzender kommt und wie man einen solchen Wechsel begleiten und gestalten muss und worauf zu achten ist, damit das erfolgreich funktioniert. Oft wissen junge Leute auch nicht, wie es beruflich mit ihnen weiter geht. Habe ich noch keinen festen Job, dann kann ich weniger gut so eine Aufgabe übernehmen.

Unter den Mitgliedern gibt es nahezu so viele Frauen wie Männer, aber die Vereinsspitze ist immer noch eine Männer-Welt.
Jein. Der Anteil der Frauen in der Mitgliedschaft liegt bei 46 Prozent; den Anteil der Frauen in den Vorständen von Vereinen erheben wir nicht. Aber die meisten Vorstände sind in der Tat überwiegend männlich und vor allem die Vereinsvorsitzenden sind in der Regel Männer. Frauen sind meistens in Positionen wie Schriftführerin oder Jugendwartin, aber nicht im Vorsitz. Vor einigen Jahren haben wir die Vereine befragt und die Frage nach dem Geschlecht des Vereinsvorsitzenden mit der Frage, welche existentiellen Probleme sie haben, verbunden. Überraschenderweise war das Ergebnis, dass die Vereine mit Frauen als Vorsitzende seltener über existentielle Probleme berichteten als Vereine mit männlichen Vorsitzenden.

Ein Programm anzubieten, um Frauen zu ermutigen und auch zu qualifizieren, stärker die Vereinsführung zu übernehmen, wäre da naheliegend.
Ja. Wir haben viele Programme, auch Mentoring-Programme, mit denen wir junge Frauen auf ihrem Weg begleiten und sie zu Vorstandsämtern und anderen ehrenamtlichen oder auch hauptamtlichen Positionen im Sport hinführen. Aus dem DOSB-Mentoringprogramm sind etliche Frauen gut im Ehren- wie auch im Hauptamt angekommen. Wir haben natürlich auch Ausbildungen, etwa zum Vereinsmanager, in denen auch Frauen vorbereitet werden, solche Ämter zu übernehmen. Aber es muss noch viel mehr passieren, um wirklich zu einer Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Sport zu kommen – wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Was braucht es, um ehrenamtlichen Einsatz in Vereinen attraktiver zu machen?
Das wichtigste ist Anerkennung - nicht nur Anerkennung in Reden. Das ist auch wichtig, unzweifelhaft. Aber es geht um faktische Anerkennung durch Unterstützung und Förderung. Das heißt im wesentlichen Abbau von bürokratischen Hindernissen. Vor Ort fängt das bei der Frage an, wie ein Verein Trainingszeiten in einer Halle bekommt, was er machen muss, wenn er eine neue Gruppe aufbaut oder eine neue Sportart anbieten will, um die entsprechenden Sportstättenzeiten zu erhalten, ob in der Halle oder im Freien.

[Dieses Interview haben wir dem Newsletter „Ehrensache“ entnommen - mit Neuigkeiten rund ums Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement. Der Newsletter erscheint monatlich und ist kostenlos über ehrensache.tagesspiegel.de zu abonnieren.]

Das ist immer mit viel Aufwand verbunden. Auf Bundesebene wird dann wichtig, zu berücksichtigen, was Gesetzesveränderungen für den Vereinssport bedeuten. Da gibt es Optimierungsbedarf. Als die Datenschutzgrundverordnung eingeführt wurde, hat sich niemand darüber Gedanken gemacht, was das für die kleinen Sportvereine und für das ehrenamtliche Engagement bedeutet. Jetzt gelten für diese Vereine die gleichen Voraussetzungen wie für die großen Internet-Anbieter. Da hätte man mit einem gewissen Augenmaß sagen können, wir nehmen gemeinnützig anerkannte Vereine davon aus. Das ist nur ein Beispiel für eine Überbürokratisierung, die Vereine belasten. Das lässt sich problemlos verlängern. Das kann das Ehrenamt im Sport kaputtmachen.

Würde es jungen Menschen helfen, wenn sie für ehrenamtliches Engagement in Sportvereinen als Jugendtrainer etwa Bonuspunkte für die Studienbewerbung erhielten, damit sie am Wohnort studieren können und nicht wegziehen müssen?
Davon bin ich überzeugt. Ein anderes Beispiel dazu: Wir haben seit einiger Zeit eine Kooperation mit der Uni Erlangen-Nürnberg, wo man berufsbegleitend studieren kann, dort kann man mit einer Berufsausbildung und einem Übungsleiter- oder Trainer-B-Schein sportrelevante Themen studieren – auch ohne Abitur.  Es wäre wichtig, dass man das Engagement insgesamt, denn es geht ja nicht nur um den Sport, eben auch auf solche Weise würdigt.

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