Nerviger Nachwuchs : Eltern, hört auf zu jammern!

Diese Gören, sooo nervig – wo immer sich Mütter und Väter treffen, geht es darum, was schief läuft mit dem Nachwuchs. Wie verlogen!

Foto: Imago

Als ich neulich Abend mit einem Handfeger auf Knien durch die Küche rutschte, rief eine Freundin an. Sie fragte: Was machst du gerade? Ich fege Spielplatzsand zusammen, nuschelte ich, das Handy zwischen Schulter und Kinn eingeklemmt. Sie lachte und sagte: Ja, so ist das eben. Sie hat zwei Töchter und unsere Freundschaft besteht auch deswegen, weil wir uns einig sind: So ist das eben.

Kleine Kinder machen Dreck und Quatsch. Sie weinen, mal mit Grund und mal ohne. Sie bekommen Tobsuchtsanfälle und wachen manchmal früh um drei Uhr auf, weil sie ein Bilderbuch ansehen möchten, Zahnungsschmerzen oder schlecht geträumt haben. Anstrengend? Klar. Aber so ist das eben.

Wo immer sich Eltern treffen, geht es schnell darum: was gerade echt total schwierig ist mit Finn, Emil und Emilia. Der eine schläft noch immer nicht durch, der andere ist noch nicht trocken, obwohl es laut Ratgeber längst so sein müsste, die nächste hat mit ihren zehn Monaten erst einen Zahn. Der eine kommt jede Nacht zu den Eltern ins Bett (soooo nervig!), der andere läuft noch immer nicht. Sie sind zu dick, zu dünn, zu laut, zu leise, zu lebhaft oder nicht lebhaft genug. Was ist nur los mit den Kindern? Nichts ist los mit ihnen, ihr seid das Problem. Hört endlich auf zu jammern!

Niemand hat gesagt, dass es leicht ist, ein Kind großzuziehen. Schaut mal in die Gebrauchsanweisung, die wir alle mit der Geburt bekommen haben, Seite 1821 unten, ich glaube da steht was von Schlafmangel. Stattdessen lesen alle Ratgeber, die suggerieren, dass es 1000 Probleme gibt und für jedes eine Lösung, die bei jedem Kind perfekt funktioniert. Wehe, wenn nicht. Wer hat uns eingeflüstert, dass Babys immer gut gelaunt sein müssen, während wir gute und schlechte Tage, Wochen, sogar Monate haben dürfen? Niemand – das waren wir selbst.

Dem Gemeckere über die eigenen Kinder liegt eine Verunsicherung zugrunde: Wenn etwas nicht funktioniert wie gedacht, stellt das am Ende die Eltern in Frage. Was haben wir falsch gemacht? Nichts, jeder Jeck ist anders. Und jedes Kind. Schade nur, dass dies nicht groß auf allen Spielplätzen der Stadt plakatiert wird. So finden am Sandkastenrand genauso wie in Freundeskreisen Vergleiche statt, die wir über Erwachsene nie anstellen würden. Wer wie viele Haare hat und wer wann am Morgen erwacht. Was, so früh? Du Arme. Ja, es ist schrecklich.

Anstrengendes Katastrophenbingo

Vielleicht war das Jammern mal der Versuch, sich der allgegenwärtigen Vergleicherei zu entziehen. Es hat dazu geführt, dass nun nicht mehr mit Positivem geprahlt wird, sondern mit Negativem. Wem geht es gerade schlechter, wessen Kind ist anstrengender? Dabei kann gar nichts so anstrengend sein wie dieses Katastrophenbingo.

Im Versuch, die eigenen Unsicherheiten zu überwinden und die vermeintlichen Unzulänglichkeiten des Nachwuchses zu erklären, halten wir uns an Labels fest. Wir praktizieren Attachment Parenting und Slow Parenting, erziehen nach Emmi Pikler oder Jesper Juul, nach dem Konzept „Unerzogen“, oder „wie die Franzosen“. Dem eigenen Gefühl vertrauen wir nicht, denn amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt… Es ist eine sehr theoretische Herangehensweise, auch wir sind eben Kinder unserer Zeit. Aber wir machen uns damit nichts leichter.

Ich verurteile niemanden für sein Lebensmodell, es gibt eine Milliarde Wahrheiten. Aber seid doch ehrlich und steht dazu. Wieso bekommt Paar X ein drittes Kind, wenn schon die ersten eine Zumutung waren? Wieso muss es ein zweites bei Paar Y sein, wenn Nummer eins schon als zu viel empfunden wurde? Weil ihr eure Kinder liebt wie verrückt, deshalb. Weil sie toll sind.

Natürlich rauben sie Schlaf und Nerven, natürlich darf man seine Erschöpfung auch mal beklagen, wir alle backen unsere Kuchen nur mit Sand. Aber Kinder sind in der westlichen Wohlstandsgesellschaft – meist – ein selbst gewähltes, akribisch geplantes, sorgfältig in unseren Lebensentwurf eingegliedertes (Un)glück. Es ist verlogen, sie ständig schlecht zu reden, nur weil sie nicht so perfekt sind, wie wir es gern wären.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar