• Nils Binnberg über zwanghaftes Essen: "Vegan-Sein erschien mir wie der Weg zur Unsterblichkeit"

Nils Binnberg über zwanghaftes Essen : "Vegan-Sein erschien mir wie der Weg zur Unsterblichkeit"

In Berlin wird Ernährung wie Religion behandelt. Er hat alles probiert. Autor Nils Binnberg wollte gesund essen – und wurde darüber krank.

In Supermärkten fühlte Nils Binnberg sich von der Auswahl unter Druck gesetzt.
In Supermärkten fühlte Nils Binnberg sich von der Auswahl unter Druck gesetzt.Foto: imago/Panthermedia

Herr Binnberg, was haben Sie heute gegessen?
Eine Pizza mit Büffelmozzarella und Kirschtomaten. Zum Frühstück gab es Amaranth-Poppies mit Beeren und Hafermilch.


Hört sich gesund an. Zu welchem Food-Trend gehört das?
Zu gar keinem, mein Essen hat kein Label mehr, das ist eine große Befreiung. Ich esse Amaranth jetzt nicht mehr, weil es kein Gluten hat, sondern weil ich das nussige Aroma mag. Acht Jahre lang bin ich allen möglichen Ernährungstrends gefolgt, bis ich in dem Versuch, möglichst gesund zu essen, krank geworden bin: Orthorexia nervosa.


Sie sagen, Sie seien am Ende 20 Ernährungslehren gleichzeitig gefolgt. Widersprechen sich die nicht?
Doch, man muss das nur nacheinander machen. Bei mir fing es an mit Low-Carb, darüber kam ich zur Paleo-Diät, das ist die Steinzeit-Diät mit viel Fleisch, tierischen Produkten, Eiern und Fisch. Dann landete ich irgendwann bei vegan, der rein pflanzlichen Ernährung. Das war für mich die Königsklasse. Es war die reine Lehre, „clean eating“, was bedeutet, dass man keine industriell verarbeiteten Lebensmittel zu sich nimmt und nichts, das mehr als fünf Zutaten hat. Vegan-Sein erschien mir wie der Weg zur Unsterblichkeit. Ernährungslehren haben ja auch etwas extrem Religiöses. Selbst in säkularisierten Gesellschaften sehnen wir uns nach Gemeinschaft und Identität. Ernährung formt unsere Identität. Und sobald man sich einer Lehre verschreibt, missioniert man ja auch andere.


Sie auch?
Ich war Missionar und Nervensäge in meinem Freundeskreis. Ich hatte diese Unart, die man auch in den sozialen Medien beobachtet, alles, was mir präsentiert wurde, ungefragt zu kommentieren. Ich habe die Augenbrauen hochgezogen und gesagt: Bist Du verrückt? Kartoffeln? Es ist 18 Uhr, das wird Dein Körper nicht mehr verstoffwechseln! Der Pressechefin eines großen Modehauses habe ich erzählt, dass wir alle als Säugetiere vor zwölf Uhr mittags im Verstoffwechselungsmodus sind und bis dahin 80 Prozent unserer Flüssigkeit – im Idealfall stilles Wasser – zu uns genommen haben müssen.


Welcher Lehre folgt das?
Das hatte ich irgendwo aufgeschnappt, es hatte sich bei mir eingebrannt. Kürzlich traf ich diese Frau wieder und erzählte, dass ich nun an einem Buch schreibe, in dem es darum geht, Ernährungsmythen zu demaskieren. Sie fragte: Ja und wie ist das mit dem Wassertrinken vor zwölf Uhr? Wenn sie seitdem um 13 Uhr auf die Uhr geschaut hat, hat sie ihre Kollegen angeguckt und gerufen: Ach Du Scheiße! Der Nils hat gesagt... Ich habe mich entschuldigt.


Offenbar ist so etwas ansteckend.
Das ist wie ein Staffelstab, den man übergibt. Und alle Ratgeberliteratur auf diesem Gebiet funktioniert auch auf die gleiche Weise: Ein Protagonist geht durch ein persönliches Schicksal, erst steht er vor dem Scherbenhaufen seiner Existenz, hat vielleicht Herzleiden, ist von Übergewicht und Hautausschlägen geplagt, fahrig, unkonzentriert. Dann wird die Ernährung umgestellt und handstreichartig ist er total fit, optimiert, leistungsstark. So eine Geschichte hat eine hohe Überzeugungskraft.


Sie haben gesagt, Sie waren vor Ihrer Läuterung acht Jahre lang der Regisseur Ihres eigenen Food-Pornos. Nach vier Jahren mussten sie jeden Tag etwas Grünes essen, zwei Liter Wasser trinken, Speisen minutenlang kauen. Sie hatten Magenschleimhautentzündungen, eine Dünndarmbiopsie, eine Magenspiegelung – alles unter der Flagge der Gesundheit.

Diese Widersprüche habe ich ausgeblendet, durch den starken Glauben daran, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich habe morgens Früchte, Avocado und Samen gegessen. Es ging vor allem um das, was ich nicht aß. Deshalb hatte ich natürlich total viel Hunger, und bin wie jeder, der Hunger hat, total gereizt gewesen. Gar nicht so leistungsfähig, wie es immer heißt, dass man da so wird. Und natürlich bekommt man von den Smoothies Durchfall.


Nach wie vielen?
Schon nach einem, wenn man es nicht gewöhnt ist. Das ist einfach zu viel Information auf einmal für den Körper, extrem viele Ballaststoffe. Ich hatte auch panische Angst vor Brot. Ich dachte ein Bissen und die Wampe ploppt wieder über. Wer zwanzig Enährungslehren folgt, wird ein bisschen asozial: Da gibt es plötzlich „Food-Layering“: Wann isst man was zu welcher Zeit, damit das korrekt verdaut wird? Über Früchte heißt es: „Eat them alone or leave them alone“. Das geht natürlich gleich ins Hirn, dann denkt man: jetzt ist das Zeitfenster für einen Apfel, denn danach muss ich drei Stunden Pause machen. Eine der Empfehlungen, die immer wieder bei Gesundheitsgurus auftaucht, ist: Essen Sie viele Nüsse. Ich bin allergisch gegen Nüsse!

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

156 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben