Der „ideale Patient“ hat keine Begleiterkrankungen

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Personalmangel in Berliner Kliniken : Wir bräuchten sofort 50 Pfleger mehr

In der Kantine erzählt er. Die Neuaufnahmen kämen so schnell, dass man mit dem Entlassen nicht hinterherkomme. Das sei mal anders gewesen. Damals habe auch bei der Tablettenabgabe ein Vier-Augen-Prinzip geherrscht. Er spricht aus, was Andrea denkt: „Wir bräuchten sofort 50 Pfleger mehr.“ Das sehen die Stationsleitung, der Krankenhausvorstand, sogar Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) ähnlich. Trotzdem wurden in den vergangenen 20 Jahren in Berlin 10 000 Klinikstellen gestrichen. Zwar fielen auch Krankenbetten weg, es gibt aber nicht weniger Patienten, sie werden nur schneller entlassen. Derzeit kümmern sich in der Stadt rund 12 000 Menschen wie Andrea um jährlich 1,5 Millionen Patienten.

Der Druck, zu sparen, hat mit der Einführung der Fallpauschalen vor zehn Jahren zu tun. Bis 2003 bekamen die Kliniken von den Krankenkassen für jeden Behandlungstag einen Betrag. Chefärzte wussten, es könnte nicht schaden, wenn der eine oder andere Patient länger liegen bliebe. Die Kassen wollten die Ausgaben senken. Sie bezahlen nun pro Fall und Diagnose, nicht pro Tag.

Der „ideale Patient“ hat keine Begleiterkrankungen und verlässt die Klinik nach vorhersehbarer Zeit. Besonders gut vergütet werden Operationen. Die Privatkliniken neigen dazu, sich lukrative Fälle zu suchen. Knie-OPs etwa, bei ansonsten gesunden Patienten.

Alltägliche Behandlungen kosten mehr, als die Versicherungen bezahlen

Viele der alltäglichen, ambulanten Behandlungen hingegen kosten mehr, als die Versicherungen bezahlen. Aber ausgerechnet Betrunkene mit Platzwunden und verstauchte Handgelenke landen besonders oft in Kliniken wie der von Andrea. Für die gesetzlichen Krankenkassen hat sich das System vorerst gelohnt. Sie sitzen auf 22 Milliarden Euro Überschuss.

Wollen Kliniken unter diesen Bedingungen Geld machen, setzen sie auf Masse. In den vergangenen fünf Jahren ist hierzulande die Zahl der Operationen um 20 Prozent gestiegen. Ihren Ermessensspielraum nutzen Mediziner anders als vor zehn Jahren. Eine Urologin eines privaten Klinikkonzerns gesteht: Die meisten Patienten könne sie ambulant versorgen, im Zweifelsfall stelle sie die Diagnose, die der Abteilung mehr Geld bringe. Das bedeutet oft: stationär. Die Ärztekammer beklagt unter anderem deshalb einen Qualitätsverlust und befürchtet, dass die Kliniken ihr „Geschäftsmodell verständlicherweise komplett“ umgestellt haben. Es ist absurd, dass das Personal vielleicht reichen würde, wenn jede Diagnose frei von wirtschaftlichem Druck zustande käme, wenn Betten nicht im Eilverfahren gefüllt werden müssten.

Wer bei diesem Kostendruck sparen will, kürzt zuerst bei den Beschäftigten. Ihre Gehälter beanspruchen 70 Prozent eines Klinikbudgets. Anders als in Altenheimen gibt es keinen Personalschlüssel. Ob ein Nachtpfleger 31 Patienten allein versorgt, fechten Geschäftsführer, Pflegedirektorin und Betriebsrat aus. Den Geschäftsführern hilft dabei, dass Schwestern und Pfleger seltener gewerkschaftlich organisiert sind als Ärzte. Dort, wo die Gewerkschaften stärker sind, soll für eine Mindestbesetzung gestritten werden – am liebsten per Gesetz.

Manchmal bleiben Patienten liegen, bis sie wund sind

Nach dem Mittag muss der Übergewichtige in Zimmer II wieder gewendet werden. Neben ihm liegt ein „schwieriger Fall“, leichte Demenz. „Der muss duschen“, flüstert Andrea. Der Mann liegt seit zwei Wochen hier, erkennt sie aber nicht. Als sie sich neben ihn setzt, speit es aus ihm heraus: „Na, na, na, du Schlampe!“ Sie wird ihn trotzdem duschen.

Alle drei, vier Wochen schafft Andrea vieles von dem nicht mehr, was sie dringend tun sollte. Wenn sie für 20, manchmal 25 Kranke allein verantwortlich ist, bleiben Patienten liegen, bis sie wund sind. An solchen Tagen schreibt Andrea eine Überlastungsanzeige: „Patient lag zwei Stunden in voller Windel“, steht dann drin. Falls sich die Schwestern nach Behandlungsfehlern rechtfertigen müssen, sind Überlastungsanzeigen eine vage Versicherung: Sie hatten den Arbeitgeber gewarnt. Schätzungen zufolge schreiben Berliner Schwestern und Pfleger jeden Monat 2000 solcher Anzeigen.

Im Senat weiß man das. Und man weiß auch, dass nicht die Krankenkassen allein schuld sind. Während Hamburg 2011 pro Krankenbett 12 000 Euro in Geräte und Bauten seiner Kliniken investiert hat, brachte Berlin keine 4000 Euro auf und ist damit Schlusslicht in Deutschland. Dabei ist das Land gesetzlich dazu verpflichtet, alle Kliniken auszustatten, wenn sie für die Versorgung der Bevölkerung notwendig sind.

Die Berliner Krankenhausgesellschaft beziffert den Investitionsbedarf der Kliniken auf 200 Millionen Euro im Jahr – dreimal so viel, wie derzeit in den Häusern ankommt. Die Kassen befürchten also zu Recht, dass von ihrem Geld, mit dem Pfleger und Schwestern bezahlt werden sollen, marode Häuser saniert werden.

Dass unter diesen Bedingungen nur wenige eine Klinik leiten wollen, lässt sich auch daran sehen, wie viel die Betreiber dafür zu zahlen bereit sind. Als Joachim Bovelet, Chef der Vivantes-Kliniken, kürzlich entnervt seinen Posten aufgab, war schnell klar: Selbst für fast 500 000 Euro Jahresgehalt wird der Senat so bald keinen Ersatz finden.

Andrea hat gleich Feierabend. Martin von der Spätschicht übernimmt. Wie sich Frau Z. mache, will er wissen. Schlecht, sagt Andrea leise. Nach Dienstschluss wartet sie vor der Klinik auf den Bus, der schon wieder nicht kommen will. Vor die Sonne haben sich Wolken geschoben.

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