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Polizei fahndet weiter nach Fahrer : Unfallwagen vom Ku'damm ist ein 500-PS-Auto

Der Unfallwagen vom Ku'damm war ein gemieteter BMW 750. Der Bezirksbürgermeister fordert mehr Blitzer, die Verkehrsverwaltung winkt ab.

Helfen sie gegen Raser? Eine Blitzersäule in Berlin.
Helfen sie gegen Raser? Eine Blitzersäule in Berlin.Foto: Imago

Bei dem Unfallwagen vom Kurfürstendamm handelt es sich um einen gemieteten BMW 750. Das Fahrzeug wiegt zwei Tonnen und hat über 500 PS. Das teilte die Polizei auf Nachfrage mit und bestätigte damit einen Bericht der "B.Z."

Die Berliner Polizei versucht nun, über die bundesweit tätige Mietwagenfirma den Mieter des in Hamburg stationierten Luxuswagen zu ermitteln. Bislang sind vier Zeugenhinweise bei der Polizei eingegangen, hieß es am Mittwochvormittag im Präsidium. Nach dem Fahrer wird weiter gefahndet.

Wie berichtet, war der Fahrer und ein Beifahrer nach dem Crash geflüchtet, vermutlich haben sich die beiden ein Rennen mit einem anderen Fahrzeug geliefert. Die Polizei sucht Zeugen, insgesamt wurden acht Autos beschädigt oder zerstört. Mehrfach waren in den vergangenen Jahren Mietwagen zu illegalen Rennen genutzt worden. 

Nach diesem neuen Unfall auf dem Kurfürstendamm hat Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) moderne Blitzer auf der Strecke gefordert. „Ich glaube, wir brauchen diesen Schritt als nächsten Schritt. Denn die Bürgerinnen und Bürger erwarten mit Recht, dass der Staat hier handelt“, sagte er am Mittwochmorgen im RBB-Inforadio. 

Eine stationäre Blitzsäule gibt es nicht auf dem Kurfürstendamm. Die Polizei entscheidet über die Aufstellung, diese erfolgt an Unfallschwerpunkten, also überwiegend an großen Kreuzungen. Allerdings sind derzeit nur 20 von 33 Anlagen in Betrieb. Sieben Anlagen sind wegen gezieltem Vandalismus außer Betrieb, der Rest wegen Umbauten an Kreuzungen oder technischen Störungen. Dem Land Berlin entgehen dadurch Millionen. Im Jahr 2019 kassierte das Land aus diesen Anlagen 10,6 Millionen Euro. Etwa  3,4 Millionen Euro stammen von Rotlicht-Fahrern, 7,2 Millionen Euro von Rasern.  Die laufenden Kosten betrugen laut Innenverwaltung lediglich 334.000 Euro.

Im August 2019 hatte das Abgeordnetenhaus einen Antrag für mehr stationäre und mobile Blitzer an Unfallschwerpunkten sowie Schulen und Kitas beschlossen - der Kudamm dürfte davon nicht profitieren. Wie ein leitender Beamter im Präsidium sagte, setze die Polizei ohnehin mehr auf die neuen Blitzer-Anhänger - diese seien flexibler einsetzbar, können kaum Opfer von Vandalen werden und vor allem: "Sie sprechen sich nicht herum." Seit 2018 hat die Polizei zwei dieser Anhänger, zwei weitere sind bestellt.  Nach Angaben des Präsidiums sind die Geräte sehr erfolgreich, 2019 blitzten sie 200.000 Temposünder - bei einem Stückpreis von 120.000 Euro pro Hänger. 

Führen stationäre Blitzer nur zu Verdrängung?

Laut Zeugenaussagen sollen sich der BMW am Montagabend ein illegales Rennen mit vermutlich zwei weiteren Fahrzeugen geliefert haben. Sie sollen dabei einen Kleinwagen gerammt haben, darin wurden die 45-jährige Autofahrerin lebensgefährlich und ihre 17-jährige Tochter schwer verletzt. Die Frau schwebe weiter in Lebensgefahr, hieß es am Mittwoch.

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Naumann forderte Unterstützung von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Er räumte ein, dass sich das Problem damit verlagern könnte. Es kämen auch Hinweise aus Kreuzberg, Steglitz und anderen Bezirken. Wenn der Ku'damm entsprechend abgesichert sei, würden die Kriminellen ausweichen, sagte der Bürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf. Das sei ein bisschen „wie Hase und Igel“. 

Das Resultat von Rasern.
Das Resultat von Rasern.Foto: Paul Zinken/dpa

Die weitergehende Frage sei deswegen, was die Ursachen dafür seien, dass Raser ihnen immer wieder solche Situationen bescherten und arglose Menschen schwer verletzten. „Jeder einzelne Unfall ist einer zu viel.“ Wie berichtet, halten Experten wie der Unfallforscher Siegfried Brockmann Tempolimits oder Blitzer für ungeeignet. Brockmann nannte ein Tempolimit „lächerlich“. „Für junge Männer ist das Thema Auto zu wichtig“, sagte der Forscher, „selbst schärfere Strafen haben keine präventive Wirkung.“

Ansetzen könnte der Gesetzgeber durch strengere Regeln bei Leihen von Fahrzeugen, so könnte bei hochwertigen Autos die Vorlage eines Führungszeugnis oder der Nachweis des aktuellen Punktestandes zur Pflicht gemacht werden.

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Skeptisch zeigte sich Bürgermeister Naumann bei der Idee, den Ku'damm ähnlich wie Teile der Friedrichstraße für Autos zu sperren. Was er da gesehen habe, wünsche er sich so für die City-West nicht.

Der Sprecher der Verkehrsverwaltung, Jan Thomsen, twittert am Mittwochmorgen mit Bezug auf die Forderung Naumanns: "Verkehrsüberwachung ist Aufgabe der Polizei Berlin, nicht der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr." Man spreche sich ausdrücklich für mehr Kontrollen, schärfere Sanktionen und eine konsequente Strafverfolgung aus. "Wir haben aber keine Blitzer". Thomsen verwies auf die Innenverwaltung.

"Das Problem derart krassen Fehlverhaltens im Verkehr kann nicht durch Straßeninfrastruktur gelöst werden, sondern am ehesten durch konsequente Kontrolle, Sanktionierung und Strafverfolgung", sagte Thomsen dem Tagesspiegel.

Auch Friedrichshain-Kreuzbergs Bezirksbürgermeistern Monika Herrmann, die kürzlich Berlins erste Pop-up-Fahrradstraße in der Kreuzberger Körtestraße eingeweiht hat, fordert von Innensenator Andreas Geisel (SPD) ein Statement zum Ku'damm.

Sie verwies auf eine ein Jahr alte Antwort von Geisels Verwaltung auf eine Anfrage zur "Raserstrecke Kurfürstendamm". Darin wurde dargelegt, wie die Polizei unter anderem mit Kontrollen ohne direkten Anlass auf potenzielle Raser einwirken will. (mit dpa)

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