• Polizei räumt Wohnhaus in Berlin-Wedding: „Da flogen kaputte Kühlschränke aus dem Fenster"

Polizei räumt Wohnhaus in Berlin-Wedding : „Da flogen kaputte Kühlschränke aus dem Fenster"

120 Polizisten räumen in einem Großeinsatz ein verwahrlostes Wohnhaus in Wedding. "Die Nachbarn waren verzweifelt. Wir mussten jetzt handeln", sagt Bezirksbürgermeister von Dassel.

Max Polonyi
Polizisten stehen im Innenhof des illegal bewohnten Hauses an der Kameruner Straße.
Polizisten stehen im Innenhof des illegal bewohnten Hauses an der Kameruner Straße.Foto: Paul Zinken/dpa

Es riecht schon vor dem Eingang des Hauses in der Kameruner Straße 5 in Wedding nach Fäkalien, es riecht muffig und ungesund. Die Polizei hat die Umgebung mit Einsatzwagen großräumig für den Straßenverkehr abgesperrt, Beamte betreten das Haus mit Atemmasken und in weißen Schutzanzügen. Anwohner stehen auf dem Bürgersteig gegenüber, eine Frau Anfang 60, sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, schüttelt den Kopf: „Unfassbar", sagt sie. „Was wir hier für Ratten in der Straße hatten, das glaubt einem keiner." Sie macht mit beiden Händen eine weit auslandende Geste, um die Größe anzuzeigen. „Solche Brummer."

Die Bau- und Wohnungsaufsicht hat mit Unterstützung von 120 Polizisten am Montag das vierstöckige Wohnhaus in der Kameruner Straße 5 Ecke Lüderitzstraße 22 geräumt. „42 Menschen, überwiegend bulgarische und albanische Staatsangehörige, lebten dort zuletzt in dramatischen Zuständen", sagte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) vor Ort. Müll habe sich in den Räumen getürmt, Unrat, Kot in den Ecken, kein Wasser, kein Strom, die meisten Fenster eingeschlagen, Rattenbefall. „Die Einsatzkräfte haben leider auch zwei Kinder im Haus angetroffen", sagte von Dassel. Sie seien in Obhut genommen worden. Derzeit prüften die Behörden, ob die volljährigen Bewohner des Hauses Anspruch auf Hilfeleistungen und Unterbringung in Unterkünften haben.

Die Situation war dramatisch

Die Situation in dem Haus war der Stadt nicht unbekannt, der Eigentümer habe aber trotz zahlreicher Mahnungen und Räumungsandrohungen nichts getan, um die Situation zu verbessern, sagt von Dassel. „Er hat alle Fristen verstreichen lassen, er hätte das Gebäude längst instand setzen und die Mietverhältnisse klären müssen." Die Stadt habe angeboten, das Haus zu übernehmen und wieder bewohnbar zu machen, aber der Eigentümer habe das nicht gewollt. Schließlich habe man sich entschieden, einzugreifen. „Die Situation war seit längerer Zeit dramatisch, die Nachbarn waren verzweifelt. Wir mussten jetzt handeln", sagt von Dassel.

Dass die Situation dramatisch war, bestätigen die Anwohner. Einer, der anonym bleiben will, beobachtet den Polizeieinsatz in der Lüderitzstraße. „Die haben hier nur gesoffen und sich geschlagen", sagt er. Seit zwei Jahren sei das so gegangen, „da flogen kaputte Kühlschränke am helllichten Tag aus dem Fenster." Der Nachbar berichtet von ständigem Bewohnerwechsel und wilden Partys, er sagt, im Innenhof habe sich Müll gestapelt. Immer wieder hätten die Bewohner dort auch Dutzende Fahrräder gesammelt, „vermutlich Diebesgut", sagt der Nachbar. Er selber habe in mancher Nacht zwei bis drei Mal die Polizei gerufen, weil er wegen der Lautstärke nicht schlafen konnte. „Beim Notruf musste man nur sagen ‚Kameruner Straße', da wussten die schon, was los war und sind mit mehreren Wagen gekommen", sagt er. „Ich bin froh, dass das jetzt endlich ein Ende hat."

Kriminelle Strukturen im Haus sollen aufgeklärt werden

Dass die Polizei die Räumung mit starken Kräften durchführte, begründet der Bezirksbürgermeister mit „kriminellen Strukturen im Haus, die wir jetzt aufklären.“ Die Behörde habe den Einsatz gemeinsam mit der Polizei vorbereitet, am Montag um neun Uhr rückten die Einsatzkräfte in Kolonne an. Widerstand habe keiner der Bewohner geleistet, sagt von Dassel. „Ich finde es einfach bedenklich, dass Menschen es vorziehen, eher in solchen Zuständen, ohne Wasser, ohne Strom, zu leben, als in ihren Heimatländern.“

Die Polizei verschloss das Gebäude am Montagnachmittag, um zu verhindern, dass es wieder bezogen wird. Das Bezirksamt hofft nun im Dialog mit dem Eigentümer das Haus wieder so instand setzen zu können, dass die Wohnungen künftig wieder bewohnbar sind.

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