Protest an Schule : Schöneberger Kollegium will seinen Schulleiter behalten

Seit langem warten Lehrer der Bergius-Schule auf die Antwort der Bildungssenatorin auf einen Bittbrief. Der Staatssekretär meldete sich - aber nicht bei ihnen.

Michael Rudolph leitet die Friedrich-Bergius-Schule am Perelsplatz in Friedenau.
Michael Rudolph leitet die Friedrich-Bergius-Schule am Perelsplatz in Friedenau.Foto: Thilo Rückeis

Die Lehrer der Schöneberger Friedrich-Bergius-Schule wollen sich nicht damit abfinden, dass ihr erfolgreicher Schulleiter Michael Rudolph zum Sommer gehen soll. Vor einem Monat appellierten sie an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die Entscheidung zu überdenken. Eine Antwort, so schrieben sie am Donnerstag, blieb aus.

„Die Zeit vergeht, das Vertrauen verbrennt...“, heißt es in der Mail, mit der sie gegenüber Scheeres, aber auch gegenüber dem Abgeordneten und der Öffentlichkeit ihrem Unmut Luft machten.

"Dass man uns von Seiten der Schulaufsicht die Kommunikation verweigert, zeigt uns, wie wenig wir mit unseren Anliegen und Sorgen wahr- und ernst genommen werden. Das ist bitter und nicht geeignet, uns für die immensen Herausforderungen unseres schulischen Alltags zu stärken und unser Vertrauen in die notwendige Unterstützung durch die für uns zuständige Aufsichtsbehörde zu erhalten", schreiben sie und beklagen, dass man das Angebot ihres Schulleiter, die Schule für ein weiteres Jahr über seine Pensionierung hinaus zu leiten, "in kurzem Amtsdeutsch" abgelehnt habe. Ihre Hoffnung lautet, "dass die Verantwortlichen endlich das klärende Gespräch mit uns suchen".

 Wie berichtet, hatte Rudolph von Scheeres' Angebot Gebrauch machen wollen, eine Pensionierung aufzuschieben: Die Bildungssenatorin hatte sich auf diese Weise erhofft, den Lehrer- und Schulleitermangel etwas abmildern zu können. Die Schulaufsicht habe ihn im Mai "herzlich" zu einem Gespräch gebeten und ihn ermutigt, eine Verlängerung zu beantragen, berichtet Rudolph. Im Dezember habe man ihm dann nur knapp mitgeteilt. dass es "kein dienstliches Interesse“ gebe.

"Kein dienstliches Interesse"

Zwischen Mai und Dezember war nämlich einiges geschehen: Die Schule war - trotz ihrer großen Beliebtheit und der vergleichsweise guten Schülerleistungen - durch die Schulinspektion gefallen. Im Bericht der Inspekteure hieß es, dass es zwar eine "hohe Identifikation der Lehrkräfte und Eltern mit den Zielen der Schule" sowie ein "von allen Beteiligten anerkanntes Schulleitungshandeln" gebe. Es wurden aber, wie berichtet, sechs Schwächen aufgezählt: die Vernachlässigung des Schulprogramms, der Unterrichtsentwicklung und der Kompetenzorientierung. Zudem verstoße der Schulleiter gegen rechtliche Vorgaben bei der Schulorganisation, etwa dadurch, dass Lehrer weniger Stunden als vorgeschrieben regulär unterrichten, um als feste Vertretungskräfte zur Verfügung zu stehen.

In der Öffentlichkeit rief dieses Urteil eine große Irritation hervor, zumal die Schule zu den wenigen Berliner Sekundarschulen zählt, die trotz fehlender gymnasialer Oberstufe seit zehn Jahren ständig übernachgefragt ist. In zahlreichen Interviews machte auch der Schulleiter seinem Ärger Luft - was ihm in der Bildungsverwaltung wohl den Stempel aufdrückte er sei "illoyal". Dann war es nicht mehr weit bis zu dem Punkt, an dem man ihm die Verlängerung seiner Dienstzeit verweigerte.

Eine wütende Mail des Staatssekretärs

Seitdem haben sich viele Abgeordnete für Rudolph eingesetzt - darunter nicht nur der zuständige Bildungsstadtrat Oliver Schworck (SPD), sondern auch die bezirkliche Schulausschussvorsitzende Martina Zander-Rade, Christian Zander als CDU-Fraktionschef in der BVV sowie die CDU- und FDP-Bildungsexperten im Abgeordnetenhaus, Hildegard Bentele und Paul Fresdorf, die entsprechend in der Presse zitiert wurden.

Letztgenannte vier, also nicht SPD-Mann Schworck, erhielten Anfang März eine zurechtweisende Mail von Bildungsstadtrat Mark Rackles (SPD): Er teilte ihnen mit, dass "diese Art der Medienberichterstattung und diese Art der Zitate von gewählten Abgeordneten sowohl auf Bezirks- als auch auf Landesebene seines Erachtens "das demokratische System in Gänze schädigt". Er halte die Äußerungen für "unverantwortlich und als ein Teil der „Fake-News-Problematik“ und steigenden Politikverdrossenheit".

Zur Begründung seiner Schelte weist Rackles darauf hin, dass Rudolph ja selbst einen die Nachbesetzung seiner Stelle im November 2017 beantragt habe.

Der Schulleiter kann diesen scheinbaren Widersprich aufklären: Im November 2017 habe das Angebot der Bildungssenatorin, nach der Pensionierung weiterzuarbeiten, ja noch gar nicht bestanden. Daher habe er es als seine Pflicht angesehen, die Schulaufsicht auf seine baldige Pensionierung hinzuweisen. Damit habe er verhindern wollen, dass seine Stelle vakant bleibt - so wie weit über 100 Schulleiterstellen im Land Berlin. Darauf, dass die Schulaufsicht selbst es war, die Rudolph "herzlich" eingeladen hatte, um mit ihm die Weiterarbeit zu besprechen, verliert Rackles kein Wort. Unerwähnt bleibt auch stets, dass Rudolph viele Jahren im Landesinstitut für Schule und Medien an der Fortbildung künftiger Schulleiter mitwirkte - bis man ihm dies plötzlich verwehrte.

Kollegium will Antworten

Dem Kollegium kommt all das offenbar mehr als suspekt vor. Zwar ist nicht klar, ob sich ausnahmslos alle Lehrer für ihren Schulleiter stark machen, aber unterschrieben hat eine Lehrerin namentlich "im Auftrag des Kollegiums". Der Brief liegt dem Tagesspiegel vor.

Dort heißt es, dass Rudolph die Kollegen durch sein eigenes pädagogisches Vorbild bestärke und ermuntere und ihre Arbeit "immer wieder auf die Kernaufgaben unseres anspruchsvollen Lehr- und Erziehungsauftrags fokussiert". Die Entscheidung, Rudolph nicht weiterarbeiten zu lassen, sei absolut nicht nachvollziehbar, "und wir bitten Sie als oberste Dienstvorgesetzte hiermit, die zuständigen Mitarbeiter mit der Erklärung dieser Entscheidung und der Kommunikation derselben an das Kollegium unserer Schule zu beauftragen", lautet der Appell an Scheeres.
BVV-CDU-Fraktionschef Christian Zander meinte am Donnerstag, es zeuge von mangelndem Respekt, wenn die Senatsverwaltung auf den Brief des Kollegiums seit vier Wochen nicht reagiere, stattdessen aber der Staatsekretär die Zeit finde, um Abgeordneten und Bezirksverordneten per E-Mail "Vorwürfe zu ihrem Demokratieverständnis an den Kopf zu werfen, die inhaltlich völlig daneben waren".

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