Berlin : Renate von Gebhardt (Geb. 1921)

Mehrfach erhielt sie den gut gemeinten Rat, sich doch endlich einen Verlobten zuzulegen.

„Hier ist Rias Berlin. Eine freie Stimme der freien Welt!“ – Jingle, Kinderchor, sehr helle Stimmen: „Der Onkel Tobias vom Rias ist da, was wird er wohl heute uns bringen? Er bringt uns zum Lachen, wird Freude uns machen, erzählen und spielen und singen.“ Jeden Sonntag, Punkt zehn Uhr, besuchten die Rias-Kinder Onkel Tobias alias Fritz Genschow, der durch diese Rolle 1947 schlagartig zum beliebtesten Onkel Berlins wurde, in Ost und West. Was für die ostdeutschen Eltern nicht ungefährlich war, da den Kindern in der Schule immer wieder die Fangfrage gestellt wurde: „Wer kennt denn den Onkel Tobias?“ So ließ sich leicht herausfinden, welche Familien den „Feindsender“ hörten. 22 Jahre vertrieb Onkel Tobias den Berliner Kindern die Langeweile. Ziehmutter und Chefredakteurin des Kinderfunks war Renate von Gebhardt. Noch als sie hochbetagt im Krankenhaus lag, sangen ihr Patienten glücklich das Onkel-Tobias-Lied vor. Ihr selbst war der Erfolg eher unheimlich, denn sie war alles andere als ein Familienmensch im bürgerlichen Sinn.

Schon ihre Mutter, Hertha von Gebhardt, hatte sehr erfolgreich Geschichten für Kinder und Mädchen geschrieben, aber auch Zeitungskolumnen und Drehbücher verfasst. Vor allem hatte sie ihrer Tochter vorgelebt, was es heißt, eine unabhängige Frau zu sein, im Denken wie im Lieben. Obwohl sie aus einer hochehrbaren Gelehrtenfamilie stammte, deren namhaftester Vorfahre Veitel Heine Ephraim war, der Hofbankier Friedrichs des Großen, dachte sie gar nicht daran, sich in ein bürgerliches Korsett schnüren zu lassen.

Nach der Trennung von Renates Vater, dem Genealogen und Archivar Peter von Gebhardt, liebte sie im steten Wechsel Männer und Frauen, wobei ihre Vorliebe eindeutig den Frauen galt. Ihre Herzensfreundin war die Bildhauerin und Autorin Christa Winsloe, die mit dem Film „Mädchen in Uniform“ berühmt wurde. Die Handlung: Junge Elevin liebt reife Erzieherin. Der Ort: Ein strenges preußisches Internat. Auf männliche Schauspieler wurde gänzlich verzichtet. „Mütterliche oder sapphische Liebe?“, rätselten die Kritiker. Oder gar nur Liebe? Denn „wie um Himmels willen soll man solche Gefühle nennen, wenn nicht Liebe“, jubilierte Winsloes amerikanische Freundin, die berühmte Journalistin Dorothy Thompson.

So hielt es auch die junge Renate. In der Schule verweigerte sie sich, aber in der Liebe wusste sie sehr früh, was sie wollte. Mit 14 verschenkte sie das erste Mal ihr Herz, und es sollten noch viele weitere Schenkungen folgen. Vor allem die Schülerinnen von Mary Wigman, deren Studio für modernen Ausdruckstanz nicht weit von der eigenen Wohnung lag, hatten es ihr angetan. In mindestens vier verliebte sie sich unsterblich, eine von ihnen, die im Wasserballett des „Zirkus Knie“ tanzte, zog sie monatelang auf der Tournee hinterher. Auch wenn im Wasserballett nicht gerade die „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ aufgeführt wurden, die sie und ihre Mutter von der berüchtigten Morphinistin und Tänzerin Anita Berber kannten.

In der Wahl eines Berufs war Renate anfangs deutlich weniger zielstrebig als in der Wahl ihrer Freundinnen. Sie spielte Geige und Bratsche, aber ihre Leidenschaft galt der Orgel. Mit 16 entließ sie sich selbst aus dem Internat der Königin-Luise-Stiftung und begann Kirchenmusik zu studieren, was ohne Abitur möglich war. Sie zog nach München, weil die Nazis im Berliner Kulturleben sehr schnell die Oberhand gewonnen hatten, allerdings schaffte sie die Aufnahmeprüfung dort nur knapp, da sie beim Eintritt in den Prüfungssaal nicht mit „Heil Hitler!“ hatte grüßen wollen.

In Heidelberg ging es freier zu, aber 1945 wollte sie ihre Mutter nicht allein lassen, und so fuhr Renate in den schlimmsten Kriegstagen zurück nach Berlin. Sie schuftete dann als Trümmerfrau, bis ihr eine Wahrsagerin den Weg wies. Sie gab die Kirchenmusik und das Orgelspiel auf und begann zu schreiben. Die Mutter brachte sie zur Zeitung, sie reiste als Reporterin durch das zerstörte Deutschland, schrieb Besinnliches, protokollierte das Elend, aber gesuchter waren in dieser trostlosen Zeit „spaßige Quatschgeschichten“. Ihre flinke Art fand Anklang, auch beim Rundfunk, und so machte sie Karriere beim „Rundfunk im amerikanischen Sektor“. Obwohl von Hause aus Bohemienne, konnte sie diszipliniert und fleißig arbeiten – sofern sich dieses Tun auf vernünftige Weise ihrer Freizeitplanung unterordnen ließ.

Ihre Unbekümmertheit in Liebesdingen musste sie in der McCarthy-Ära allerdings deutlich zügeln, auch im Rias ging die Angst vor Andersdenkenden und Andersliebenden um. Mehrfach erhielt sie den gut gemeinten Rat sich doch endlich einen Verlobten zuzulegen. Aber die wilden Jahre waren ohnehin vorbei. Je offener sich die Gesellschaft in den 60er Jahren für neue Lebensformen zeigte, desto bürgerlicher gab sie sich. Sie liebte ihren Mops, mit dem das Hausmädchen Gerda von Bredow nur ungern spazieren ging, weil er so hässlich war. Dem Mops folgte ein Pudel, der sich gleichermaßen ansehnlich wie gelehrig präsentierte, denn er apportierte die Zeitung sowie die unentbehrliche Zigarettenschachtel, in der Wohnung die eigene, in Gaststätten gern auch fremde. Der Pudel wiederum folgte dem Pferd – wenn Renate von Gebhard im Grunewald ausritt, was sie in freien Stunden gerne tat. Viele Jahre lang besaß sie gemeinsam mit einer Freundin ein kleines Haus in der Stadt und lebenslang ein noch kleineres in der Holsteinischen Schweiz, wo sie gärtnerte, Spinett spielte und wiederholt Anlauf nahm, den gesamten Balzac zu lesen.

Ihre glücklichen Lebensumstände sowie den daraus resultierenden seelischen Komfort fasste sie in der lakonischen Pointe zusammen: „ein Gemüt wie ein Fleischerhund“. Womit natürlich keine fletschende Bestie gemeint war, sondern ein stämmiger, munterer Hüter des Wohlergehens, da die Festanstellung im Fleischerladen lebenslang eine Versorgung mit den saftigsten Knochen sicherte.

Renate von Gebhardt hatte immer liebende Menschen um sich herum, weil sie ohne Scheu lebensfroh war. Bereut hat sie nur eins, dass sie, die selbst jüdische Vorfahren hatte, in der Nazizeit nicht größere Anstrengungen unternommen hatte, Freunden und Kollegen zur Flucht zu verhelfen. Unleidig und ruppig wurde sie nur, wenn sie ein Automobil bewegte, da galt kein Anstand und keine Sitte, da fluchte sie wie ein Bierkutscher, nutzte die Lichthupe wie einen Laserstrahl. „Soll die alte Schabracke doch endlich mal vom Zebrastreifen springen!“ – Da war sie selbst im Übrigen schon über 80. Was sie aber nicht hinderte, putzmunter an jeder Schlange vorbei direkt an den Tresen zu stürmen und den Zeigefinger zu recken: „Ich hätte mal gern …“

Sie bekam alles, was sie wollte. Süßspeisen vor allem. Gern auch Rotwein und zuweilen auch Hochprozentiges. Es konnte passieren, dass eine aufmerksame Kellnerin mittags im Café auf die Frage „Was wollen Sie denn zum Kuchen?“ die trockene Antwort bekam: „Gin Tonic“.

Sie hat sich immer genommen, was sie wollte, aber sie hat auch gegeben, was andere sich nie zu nehmen gewagt hätten: ihre ganze Liebe. Als das Ende nahte, und es ihrer letzten Freundin weh ums Herz wurde, wusste sie selbst in ihre Abschiedsworte noch eine gehörige Portion Trost zu legen: „Ich geh jetzt zu meiner Mutter, die Adresse kennst du ja.“

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