Sarah Mardini : In Griechenland inhaftierte Flüchtlingshelferin zurück in Berlin

30 Helfern wird unter anderem Menschenschmuggel und Geldwäsche vorgeworfen. Mardini kann die Anschuldigungen nicht verstehen.

Stephanie Birk
Flüchtlingshelferin Sarah Mardini nach ihrer Freilassung.
Flüchtlingshelferin Sarah Mardini nach ihrer Freilassung.Foto: John MacDougall / AFP

Die Erleichterung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Die Flüchtlingshelferin Sarah Mardini ist nach dreimonatiger Haft in Griechenland zurück in Berlin. Doch der Erleichterung folgt Ungewissheit. Florian Becker, Direktor des Bard College Berlin, freut sich, seine Schülerin zurückzuhaben. „Leider ist das aber nicht das Ende der Geschichte“, sagt Becker. Mardini ist gegen Kaution frei, die Anklage wurde jedoch nicht fallen gelassen.

Insgesamt wird gegen 30 Freiwillige der Nichtregierungsorganisation ERCI ermittelt. Ihnen wird Menschenschmuggel, Geldwäsche, die Mitgliedschaft in einem kriminellen Netzwerk sowie Spionage gegen die Hafenpolizei vorgeworfen. Der Anwalt Zacharias Kesses versichert die Unschuld der Angeklagten. ERCI habe Informationen nie verschwiegen und stets mit der Hafenpolizei kooperiert. „Es wird versucht, alle Nichtregierungsorganisationen zu kriminalisieren und damit aus Lesbos zu entfernen“, so Kesses weiter.

Mardini und ihr enger Freund Sean Binder, der ebenfalls in Athen inhaftiert wurde, können die Anschuldigungen nicht verstehen. „Wir haben unsere Freunde und Familien, die guten Bildungsmöglichkeiten und unser komfortables Zuhause verlassen, um dort 24 Stunden am Tag zu arbeiten. Das ist nicht fair“, sagte Mardini. Auch Binder ist fassungslos: „Es ist nichts falsch daran, Menschen zu helfen, sie aus dem Wasser zu retten oder Kindern zu zeigen, wie sie wieder Kinder sein können.“

Mardini und Binder arbeiteten auf Lesbos zunächst als Rettungsschwimmer, versorgten die Flüchtlinge mit Wasser und Decken. Auf der Insel gibt es aktuell drei Flüchtlingscamps. „Die eigentlichen Helden sind die Geflüchteten und nicht wir.“ Sie weiß, wovon sie spricht. Im Jahr 2015 war sie mit ihrer Schwester Yusra Mardini selbst aus Syrien geflohen.

Zu ihrer Zeit im Gefängnis äußern sich die beiden Helfer gefasst. In Lesbos wurde Mardini zunächst in einem sehr kleinen Raum mit insgesamt drei Betten inhaftiert. „Mein Bett wurde zu meinem Wohnzimmer, meiner Küche und meinem Schlafzimmer.“ Um das Bad nutzen zu können, musste sie jedes Mal aufs Neue um Erlaubnis fragen. „Das war erniedrigend.“ Nach zwei Wochen wurde Mardini in ein Athener Gefängnis gebracht. Dort hätte sie die Zeit vor allem mit Büchern und dem Lesen und Beantworten unzähliger Briefe überbrückt. Binder fügt hinzu: „Das Schlimmste ist, im Dunkeln zu sitzen und die ganze Zeit nicht rausgehen zu können.“ In Räumen mit 30 Betten hätten sich teilweise 70 Insassen aufgehalten. Viele schliefen auf dem Boden.

Die Nachricht über ihre Freilassung versetzte Mardini in pure Freude. „Ich konnte es nicht glauben mich draußen endlich wieder alleine bewegen zu können“, erzählt sie. Ihre Zukunft bleibt ungewiss. Mardini möchte jetzt zunächst an ihre Schule, das Bard College, zurückkehren. Und sie ist entschlossen, auch weiterhin Flüchtlinge zu unterstützen. Die Monate vor der Verhaftung seien die besten ihres Lebens gewesen. „Ich möchte die Menschen ermutigen weiter zu machen, sie dürfen keine Angst vor der Freiwilligenarbeit bekommen.“ Die Insel Lesbos darf sie jedoch sieben Jahre lang nicht betreten. Stephanie Birk

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben