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Gute Tradition. Haben Eltern Erfahrung mit Inklusionskindern, sind sie offener für die Integration verschiedener Gruppen. Im Bild Schüler der Fläming-Grundschule in Friedenau, wo seit 1975 Kinder gemeinsam unterrichtet werden.

© Kitty Kleist-Heinrich

Berliner Schulen: Die Inklusion hat längst begonnen

Offiziell wurde die nächste Großreform für Berlins Schulen zwar verschoben – praktisch aber nicht. Was Lehrer, Sonderpädagogen und Schüler sich wünschen und wieso sie ein Sparprogramm fürchten.

Alle Kinder sollen gemeinsam zur Schule gehen, egal ob sie im Rollstuhl sitzen, blind, taub, geistig behindert, ganz gesund oder hochbegabt sind: Das ist das Prinzip der Inklusion. „Inklusion“ stammt vom lateinischen Wort „includere“ und bedeutet einschließen, beinhalten. Der Begriff geht noch über „Integration“ hinaus: Kinder mit Handicaps sollen nicht nur in die Schulen integriert werden; vielmehr soll das System so umgestaltet werden, dass es jedes Kind aufnehmen und mit seinen Stärken und Schwächen individuell fördern kann.

Der Beginn der Inklusion in Berlin ist auf 2016 vertagt worden

So weit die Theorie. Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 hat sich Deutschland verpflichtet, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Den für die Bildung zuständigen Bundesländern steht damit ein radikaler Umbau des Schulsystems bevor: weg von dem traditionell selektierenden Schulsystem mit dem Nebeneinander von Regel- und Förderschulen und hin zu einer Schule für alle Kinder. Fast alle Bundesländer erarbeiten dazu entsprechende Konzepte.

In Berlin ist der für das Schuljahr 2014/15 geplante flächendeckende Start der Inklusion allerdings auf 2016 vertagt worden; Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte sich in den Verhandlungen für den Doppelhaushalt nicht durchsetzen können und nur 3,5 Millionen Euro für die Fortbildung von Lehrern bekommen. Zwei Millionen Euro zum Ausbau der Barrierefreiheit wurden ihr im September von den Koalitionsfraktionen gestrichen.

Berlin steht beim Thema Inklusion gut da

Berlin steht im bundesweiten Vergleich aber auch jetzt nicht schlecht da: Mehr als die Hälfte aller Kinder mit Förderbedarf besucht bereits eine Regelschule. Auch ohne offiziellen Reformstart hat an vielen Schulen die Inklusion schon begonnen – einige Förderzentren wurden bereits aufgelöst, die Integrationsquote in Grundschulen steigt seit Jahren an. Allerdings sind die Mittel für die Förderung trotz steigender Integrationsquote nicht erhöht worden. Pro integriertem Kind stehen also immer weniger Stunden für die Extraförderung zur Verfügung.

7,6 Prozent aller Berliner Schüler haben Anspruch auf sonderpädagogische Förderung. Bislang wird dieser Anspruch nach einer Diagnostik für jedes Kind individuell festgestellt. Im Zuge der Inklusion soll sich das ändern. Für die Förderschwerpunkte Lernen, emotionale/soziale Entwicklung und Sprache soll es – nach einer Übergangszeit – künftig keine individuelle Diagnose mehr geben. Stattdessen sollen die sonderpädagogischen Ressourcen den Schulen pauschal zugewiesen werden, ausgehend von einer theoretisch festgesetzten pauschalen Quote.

Fachleute sehen Inklusionskonzept als Sparprogramm

Ein Beirat hat der Schulverwaltung eine Förderquote von maximal 5,5 Prozent empfohlen – also weniger als die tatsächliche Quote, die im Schnitt bei 7,6 Prozent liegt. Zwar soll es einen Pool mit Sonderpädagogen zur Nachsteuerung geben, so dass keine Ressourcen wegfallen sollen; viele Fachleute befürchten dennoch, dass das Inklusionskonzept faktisch ein Sparprogramm ist.

Was brauchen Schulen, wenn Inklusion gelingen soll? Wo klappt es bereits gut? Vor welchen Problemen stehen Lehrer, für die der Umgang mit behinderten und verhaltensauffälligen Schülern neu ist? Wir haben uns umgehört und mit vielen Akteuren gesprochen, die uns positive Erfahrungen ebenso erzählt haben wie die vielen Probleme am Anfang der Reform. Aus Angst vor negativen Konsequenzen wollen manche ihren Namen und den ihrer Schule nicht in der Zeitung lesen.

DIE MODELLSCHULE

Gute Tradition. Haben Eltern Erfahrung mit Inklusionskindern, sind sie offener für die Integration verschiedener Gruppen. Im Bild Schüler der Fläming-Grundschule in Friedenau, wo seit 1975 Kinder gemeinsam unterrichtet werden.

© Kitty Kleist-Heinrich

„Lehrer brauchen Erfolgserlebnisse“ Der Besucher sieht gleich, dass in der Fläming-Schule in Friedenau vieles etwas anders ist als in anderen Grundschulen. In einem Klassenzimmer stehen zwei Blindenschrift-Schreibmaschinen, in einem anderen ein Tisch hinter einer grauen Wand – ein Rückzugsort für einen verhaltensauffälligen Jungen, der sich so, etwas abgeschottet, aber doch unter seinen Mitschülern, besser konzentrieren kann. In manchen Fluren stehen Hightech-Rollstühle, Gehhilfen und andere medizinische Hilfsgeräte.

Als Monika Stamme vor mehr als 25 Jahren in Norddeutschland studierte, belegte sie ein Seminar zum gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen. Die im Seminar behandelte Modellschule war: die Berliner Fläming-Schule, an der seit 1975 Kinder mit und ohne Behinderung in gemeinsame Klassen gehen. Inzwischen ist Monika Stamme hier seit mehr als 20 Jahren Sonderpädagogin, eine von sechs. Seit zwei Jahren ist die 53-Jährige außerdem Fachseminarleiterin zum Thema gemeinsamer Unterricht, zehn Stunden pro Woche ist sie dafür abgeordnet. „Alle Strukturen hier sind gewachsen“, sagt sie. 60 von 600 Schülern haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf: Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, Hör- oder Sehbehinderungen, Sprachstörungen, chronische Erkrankungen oder geistige Behinderungen. „Am Anfang hatten auch an dieser Schule manche Kollegen Berührungsängste“, sagt Monika Stamme. Inzwischen ist die Schule für ihr Engagement vielfach preisgekrönt worden und gilt als Berliner Leuchtturm in Sachen Integration.

Das Allerwichtigste sei die Teamarbeit, sagt Stamme. „Damit kommt auch die Sicherheit. Die Pädagogen erleben, dass sie nicht alleine die Verantwortung tragen müssen.“ Was rät sie Lehrern, für die Inklusion Neuland ist? „Bilden Sie Teams, setzen Sie sich Ziele, und holen Sie sich die Hilfe von außen, die Sie brauchen.“

Im Fachseminar unterrichtet die Sonderpädagogin angehende Lehrer aller Fachrichtungen. „Die jungen Lehrer beherrschen alle differenzierte Unterrichtsmethoden, arbeiten gerne im Team und sind hochmotiviert“, sagt sie. „Und trotzdem haben die meisten Angst, mit den Herausforderungen der Inklusion alleine gelassen zu werden.“ Monika Stamme kann die Sorgen verstehen. „So wie die Regelschulen derzeit ausgestattet sind, können noch nicht alle Schulen Kindern mit Behinderungen optimale Bedingungen bieten“, sagt sie. Dabei müssten die Schulen gerade zu Beginn gut ausgestattet werden – vor allem mit Personal und dem notwendigen Fachwissen. „Die Lehrer brauchen Erfolgserlebnisse, gerade am Anfang. Sonst verlieren sie die Motivation.“

Monika Stamme, 53, ist Sonderpädagogin und seit zwei Jahren Fachseminarleiterin für gemeinsamen Unterricht in der Ausbildung von Lehramtsanwärtern

DIE KLASSENLEHRERIN

Gute Tradition. Haben Eltern Erfahrung mit Inklusionskindern, sind sie offener für die Integration verschiedener Gruppen. Im Bild Schüler der Fläming-Grundschule in Friedenau, wo seit 1975 Kinder gemeinsam unterrichtet werden.

© Kitty Kleist-Heinrich

„Ich fühle mich alleine gelassen“ „Für mich ist die Inklusion ein ganz neues Feld. Von 23 Kindern in meiner fünften Klasse sind sechs Inklusionskinder: Fünf haben eine Rechen-, einige auch eine Lese- und Rechtschreibschwäche, ein Junge ist verhaltensauffällig; dazu kommen komplexe familiäre Probleme, an die ich als Lehrerin nicht rankomme. Ich fühle mich mit den Schwierigkeiten, die ich mit diesen Kindern habe, überfordert – und alleine gelassen. Im Spaß habe ich schon gesagt, ich bräuchte eigentlich noch ein Sonderpädagogikstudium, um dem gewachsen zu sein. Die Kinder bekommen einige Stunden Extraförderung, für den verhaltensauffälligen Jungen kommt vier Stunden pro Woche ein Erzieher mit in die Klasse. Das hilft schon viel, auch die Sonderpädagogen an meiner Schule

unterstützen uns Regelschullehrer gut. Aber die meiste Zeit bin ich mit allen Kindern alleine in der Klasse. Eigentlich müsste ich jede Stunde individualisiert vorbereiten, aber das schaffe ich alleine nicht. Selbst wenn ich maximal wollte: Mir geht die Kraft aus. Ich bin nach all den Jahren und vielen Reformen im Berliner Schulsystem enttäuscht und resigniert. Ich kenne einige Kollegen in meinem Alter, die aufgehört haben, weil sie nicht mehr konnten. Ich hoffe, ich halte durch bis zur Rente. Ich möchte in Würde in meinem Beruf alt werden können.“ Die 57-Jährige unterrichtet an einer Grundschule in Mitte.

DIE SONDERPÄDAGOGIN

Gute Tradition. Haben Eltern Erfahrung mit Inklusionskindern, sind sie offener für die Integration verschiedener Gruppen. Im Bild Schüler der Fläming-Grundschule in Friedenau, wo seit 1975 Kinder gemeinsam unterrichtet werden.

© Kitty Kleist-Heinrich

„Wir werden verbraten“

„Als Sonderpädagogin sitze ich zurzeit oft zwischen den Stühlen. Viele meiner Regelschulkollegen sind überfordert mit den neuen Aufgaben durch die Inklusion. Plötzlich sollen sie Förderpläne schreiben, offenen Unterricht gestalten, mit immer mehr verhaltensauffälligen Kindern zurechtkommen. Ich bin absolut für Inklusion, habe selbst außer im Referendariat immer an Regelschulen in der Integration gearbeitet, aber ich verstehe den Frust und die Sorgen vieler Kollegen, vor allem der älteren.

Es macht mich traurig, mitzuerleben, was die Politik aus der tollen Idee Inklusion gemacht hat. Wir Sonderpädagogen werden an vielen Schulen als Vertretungslehrer verbraten – ich selbst musste im Frühjahr wochenlang

verschiedene Fächer vertreten. Das nötige Fachwissen habe ich mir abends angelesen, meine Projekte für die Integrationskinder fielen in der Zeit aus. Ich kenne viele Kollegen, denen es genauso geht. Klar, eigentlich dürfen Schulleiter Sonderpädagogen nicht als Vertretungslehrer einsetzen. Aber manche Schulen arbeiten mit einer Personalausstattung von 96 Prozent. Was sollen die Schulleiter denn machen, wenn Lehrer krank sind, es keinen anderen Ersatz gibt und sie die Kinder aber auch nicht nach Hause schicken dürfen?“

Die 42-Jährige arbeitet an einer Grundschule in Mitte.

DIE SCHÜLERIN

Gute Tradition. Haben Eltern Erfahrung mit Inklusionskindern, sind sie offener für die Integration verschiedener Gruppen. Im Bild Schüler der Fläming-Grundschule in Friedenau, wo seit 1975 Kinder gemeinsam unterrichtet werden.

© Kitty Kleist-Heinrich

„Wie erkläre ich es den Kindern?“

„Inklusion – was ist das denn?“ Diese Frage höre ich in 95 Prozent aller Fälle, wenn ich mit Mitschülern über Inklusion spreche. Unter Schülern ist das nur selten ein Thema. Unter Schülervertretern aber schon – und mir persönlich liegt das Thema besonders am Herzen, weil ich selbst Inklusionskind bin: Ich bin schwerhörig, habe aber immer die Regelschule besucht. Was mir bisher in der Diskussion über Inklusion völlig fehlt, ist die

Aufklärung: Wie sollen Lehrer ihre Schüler darauf vorbereiten, dass Kinder mit Schwierigkeiten zu ihnen in die Klasse kommen? Das ist für die Klassen ein riesengroßes Thema – und wichtig, um zum Beispiel Mobbing vorzubeugen. Als Schüler denkt man daran sofort – aber ein Konzept dafür hat noch keiner vorgestellt.“

Leonie Mader, 18, ist Landesschülersprecherin. Sie besucht das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Friedrichshain .

DIE GRUNDSCHULEN

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© Kitty Kleist-Heinrich

„Die Einstellung alleine reicht nicht“

„Die ganz große Herausforderung für die Schulen sind Schüler mit Verhaltensstörungen. Es gibt Situationen, in denen sind Sie mit Ihrem Latein am Ende, wissen mit einem Kind einfach nicht mehr weiter und müssen es aus der Klasse nehmen. Die wichtigste Frage ist: Was braucht Schule, um mit solchen Situationen fertig zu werden – und was braucht das Kind? Assistenten? Therapieräume? Tagesgruppen? Psychiatrie? Das Ziel muss sein, mithilfe von temporären Projekten so schnell wie möglich die Reintegration zu erreichen. Dazu muss aber die Kooperation zwischen den beteiligten Institutionen und Akteuren, etwa Schule und Jugendamt, viel besser werden. Damit die Inklusion in der Fläche gelingen kann, müssen die Schulen gestärkt werden. Es gibt derzeit viele Möglichkeiten, über Hilfen und Einzelprojekte Geld in die Schulen zu holen. Was fehlt, sind starke Strukturen in den Schulen selbst. Die Schulen brauchen aber eine bessere Ausstattung, mehr qualifiziertes Personal und mehr Autonomie, um flexibel handeln zu können.

Ohne Frage: Auch die Einstellung der Lehrer ist wichtig für das Gelingen der Inklusion. Aber seitens der Politik wird das zurzeit übertrieben. An die Lehrer wird appelliert, sie müssten die richtige Einstellung haben – während für mehr Ressourcen kein Geld da ist. Aber viele Kollegen sind nach den vielen Veränderungen der vergangenen Jahre inzwischen reformmüde. Die Reformen waren zwar wichtig und richtig, aber vieles ist nur halbherzig umgesetzt worden: Die Entwicklung der offenen Ganztagsschule ist auf halbem Weg stecken geblieben, Methoden wie offener Unterricht müssten eigentlich schon viel weiter verbreitet sein.

Manchmal bekommt man den Eindruck, im Zuge der Inklusion soll nun alles das durchgedrückt werden, was bisher liegen geblieben ist.

Einen Weg zurück darf es aber nicht geben. Der gemeinsame Unterricht ist der richtige Weg, davon bin ich nach vielen Jahren Erfahrung überzeugt. Andere Länder sind da schon viel weiter. Inklusion muss umgesetzt werden.“

Inge Hirschmann ist Vorsitzende des Grundschulverbandes Berlin und leitet die Kreuzberger Heinrich-Zille-Grundschule. Hier werden Kinder mit und ohne Behinderungen seit vielen Jahren erfolgreich gemeinsam unterrichtet.

DIE BRENNPUNKTSCHULE

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© Kitty Kleist-Heinrich

„Bei uns hat sich Resignation breitgemacht“

„Ein Beispiel dafür, was meiner Ansicht nach falsch läuft an den Schulen: Von den Kindern, die zu uns kommen, können viele bei der Einschulung nicht einmal einen Stift richtig halten. Es gibt Bezirksprojekte zur Förderung der Motorik, was unseren Kindern wirklich guttut. Aber solche Projekte sind oft nur kurzfristig. Und ganz ehrlich: Mit mehr Kollegen in der Schule bräuchten wir solche Projekte nicht. Die Schulen selbst brauchen mehr Ressourcen, statt sich um kleinteilige Zusatzangebote von außen bemühen zu müssen.

Tatsächlich wird unsere Ausstattung aber jedes Jahr schlechter. Denn die Mittel für die sonderpädagogische Förderung sind gedeckelt – aber es gibt immer mehr Kinder mit Förderbedarf. In unserem Bezirk gibt es für Kinder mit den LES-Förderschwerpunkten (Lernen, emotionale und soziale Entwicklung, Sprache) inzwischen nur noch 1,8 Förderstunden pro Woche. Unsere aktuelle Förderquote liegt bei zehn Prozent, das heißt, zehn Prozent unserer Schüler haben einen Förderbedarf. Wenn nach dem neuen Inklusionskonzept irgendwann die angenommene Förderquote auf 5,5 Prozent abgesenkt wird, bedeutet das für uns ein Sparprogramm.

Es ist schon jetzt für uns sehr schwierig, die Probleme unserer Schüler aufzufangen. Vor allem, da man merkt, dass viele Eltern immer mehr Stress haben. Viele Familien unserer Schüler leben von Hartz IV, es gibt immer mehr Fälle von Wohnungsräumungen und anderen Problemen. Wir arbeiten viel mit dem Jugendamt zusammen und mit Schulpsychologen. Aber unsere Ausstattung ist so ungenügend, dass unsere Arbeit immer schwieriger wird. Es kommt sehr oft vor, dass ich Stunden alleine unterrichten muss, obwohl wir eigentlich zu zweit in der Klasse sein sollten. Das ist so unbefriedigend, weil man den Kindern dabei nicht gerecht wird.

Ich bin überzeugt von der Inklusion, da ich denke, dass man Kinder nicht nach Störungen sortieren sollte. Aber das Problem liegt auf der politischen Ebene: In die Schulen muss mehr Geld investiert werden, sonst scheitert das Projekt. Bei vielen Kollegen hat sich Resignation breitgemacht. Inhaltliche Debatten führen wir kaum noch. Stattdessen herrscht Krisenstimmung.“

Die 41-Jährige ist Sonderpädagogin und arbeitet seit zehn Jahren an einer Kreuzberger Grundschule

DER PSYCHOLOGE

Gute Tradition. Haben Eltern Erfahrung mit Inklusionskindern, sind sie offener für die Integration verschiedener Gruppen. Im Bild Schüler der Fläming-Grundschule in Friedenau, wo seit 1975 Kinder gemeinsam unterrichtet werden.

© Kitty Kleist-Heinrich

„Wir müssen Lehrer und Erzieher stärken“

„Grundsätzlich widerspricht unser gegliedertes Schulsystem dem Gedanken der inklusiven Schule. Viele Lehrer, vor allem in den Oberschulen, wünschen sich möglichst homogene Klassen. Eltern suchen nach der besten Förderung für ihr Kind und wollen nicht, dass ihr Kind von lernschwachen oder verhaltensauffälligen Mitschülern abgelenkt wird. Der erste Schritt zur inklusiven Schule ist daher eine Haltungsänderung in der Gesellschaft insgesamt.

Inklusion bedeutet aber mehr als nur die Integration von Schülern mit Behinderungen. Mein Blick als Schulpsychologe ist auf alle Schüler gerichtet: Kinder mit besonderen Begabungen, mit Ängsten oder psychischen Erkrankungen, mit Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche, mit Sprachdefiziten oder mangelnder Förderung in der Familie, mit Schuldistanz oder Schulversagen. Dies betrifft etwa 20 bis 30 Prozent eines Jahrgangs. Psychische Störungen etwa sind bisher im sonderpädagogischen Förderkatalog nur bei Autismus berücksichtigt. Die Schulärzte stellen in ihren Eingangsuntersuchungen fest, dass rund 30 Prozent der Kinder zusätzliche schulische Förderung benötigen. Mit all diesen Problemen ist die Schule konfrontiert. Daher braucht die inklusive Schule mehr personelle und räumliche Ressourcen für flexible Angebote wie Binnendifferenzierung oder Einzel- und Kleingruppenunterricht.

Die inklusive Schule braucht auch ein besseres Beratungs- und Unterstützungssystem. Die zentrale Aufgabe für uns Schulpsychologen ist es jetzt, Lehrkräfte und Erzieher zu stärken und ihnen beratend zur Seite zu stehen. Damit die Inklusion gelingen kann, müssen wir kleine Schritte gehen und dürfen die Gesundheit des Personals nicht vergessen.“

Klaus Seifried ist stellvertretender Bundesvorstand der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen.

Protokolle: Barbara Kerbel.

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