MINT-Internate : „Hochbegabte blühen unter Gleichgesinnten auf“

In Baden-Württemberg entsteht bis 2025 ein MINT-Exzellenzgymnasium. Auch andere Internate fördern gezielt junge Mathe- und Techniktalente.

Lieblingsfach Physik. Wer das von sich sagen kann, wird im Rahmen der Initiative „plus-MINT“ gefördert.
Lieblingsfach Physik. Wer das von sich sagen kann, wird im Rahmen der Initiative „plus-MINT“ gefördert.Foto: imago/photothek

Spitzentalente brauchen Spitzenförderer. Das dachte sich Rudolf Lehn, als er bereits vor Jahren einen Brief an Bill Gates schrieb. Der Physiklehrer aus dem oberschwäbischen Bad Saulgau hatte eine ehrgeizige Idee: Er wollte ein Exzellenz-Zentrum für hochbegabte Jugendliche in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – kurz MINT – aufbauen und hoffte, bei dem Tech-Milliardär und großzügigen Stifter auf offene Ohren zu stoßen. „Leider hat er nie geantwortet“, lacht der 69-jährige Pensionär heute.

Unterstützer für sein Herzensprojekt fand Lehn am Ende doch im heimischen Baden-Württemberg. Obwohl das Konzept bereits 2013 vorlag, zog sich die Entscheidung hin. Vor zwei Wochen gab die Landesregierung in Stuttgart nun endgültig grünes Licht für das MINT-Exzellenzgymnasium in Bad Saulgau. Das Oberstufen-Internat für rund 190 Zehnt- bis Zwölftklässler soll in ein leer stehendes Gebäude der ehemaligen japanischen Toin Gakuen Schule einziehen und zum Schuljahr 2025/2026 den Betrieb aufnehmen. Allein in Umbau und Ausstattung will das Land 80 Millionen Euro investieren. „Das ist insgesamt viel Geld“, sagt die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Doch langfristig profitiere davon die ganze Region. Denn das pädagogische Konzept schlägt eine Brücke zwischen Wissenschaft und Beruf: Schüler erhalten Einblicke in die Forschung an den Universitäten und können sich gleichzeitig im Unternehmensalltag ausprobieren.

„Die Wirtschaft schreit nach MINT-Fachkräften“

Nachwuchs früh an die Wirtschaft binden: Das hat der Industriestandort Deutschland bitter nötig. Denn MINT- Fachkräfte sind hierzulande Mangelware. Betriebe schlagen bereits seit Jahren Alarm. Laut der aktuellen Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag mehrerer Arbeitgeberverbände fehlen Unternehmen derzeit rund 311000 Mitarbeiter aus technischen Berufen. Vor allem IT-Kräfte werden dringend gebraucht. Im April 2019 gab es in diesem Bereich 59 000 unbesetzte Stellen. Damit hat sich die Lücke in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht.

„Die Wirtschaft schreit nach MINT-Fachkräften“, sagt auch Dierk Suhr. Der 56-jährige Naturwissenschaftler leitet das „plus-MINT“-Programm in Louisenlund in Schleswig-Holstein. Das Internat ist Teil einer bundesweiten Bildungsinitiative, die gezielt junge Talente fördert. Drei weitere Standorte sind bereits dabei: Sankt Afra in Sachsen, der Birklehof im Schwarzwald und die Landesschule Pforta in Sachsen-Anhalt. Idealerweise soll auch Bad Saulgau künftig dazustoßen. Nach zehn Jahren, so der Plan, sollte „plus-MINT“ in jedem Bundesland vertreten sein. „Um den enormen Bedarf zu decken und Hochbegabte vom Bayerischen Wald bis nach Mecklenburg anzusprechen, brauchen wir ein starkes Netzwerk“, sagt Suhr. Vorbild sei der Deutsche Fußballbund mit seinen 55 Nachwuchs-Leistungszentren.

Damit das gelingt, müsse man junge Menschen möglichst früh für Naturwissenschaften und Mathe begeistern, weiß Rudolf Lehn. Dafür setzte sich der Pädagoge bereits am Anfang seiner Laufbahn in den 1970er-Jahren ein, indem er zunächst außerschulische Physik-AGs organisierte. Später gründete er das bundesweit erste Schülerforschungszentrum Südwürttemberg und begleitete junge Forscher bei unzähligen, auch internationalen Wettbewerben. Deutschland sei lange die Nummer eins gewesen, erzählt er. „Heute sind wir gut, aber nicht mehr top“, sagt er nüchtern. Der weltweite Konkurrenzdruck sei enorm gewachsen. China und Japan hätten die Nase vorn. Dennoch: „Begabte Jugendliche sind da“, davon ist Lehn überzeugt. Man müsse nur eine Plattform für sie schaffen, damit sie ihr Potenzial entfalten können.

Talente werden in der achten Klasse gesucht

Ein Internat biete dafür gute Voraussetzungen, sagt Dierk Suhr. Im „plus-MINT“-Programm in Louisenlund lernen derzeit rund 100 Technikbegeisterte. Nach den Sommerferien startet der vierte Jahrgang. Kluge Köpfe werden bereits in der achten Klasse gesucht. Bewerben kann man sich beim Verein MINT-Talentförderung e.V.. Wer fit in Mathe ist, schon einmal an Schulwettbewerben wie „Jugend forscht“ erfolgreich teilgenommen hat, ein solides naturwissenschaftliches Fachwissen mitbringt und gern tüftelt, hat gute Chancen. „Die talentiertesten Bewerber laden wir in den Ferien zu einer Auswahlwoche ins Internat ein“, sagt Suhr. Dort gibt es jeden Tag Forschungslabore und Workshops, aber auch Theaterspiele. Denn neben Motivation und Kreativität ist auf einer Internatsschule Teamfähigkeit gefragt. Sogar Top-Talente müssen in der Gruppe klarkommen. „Wir wollen aus Nerds keine Supernerds machen“, sagt Suhr.

Seine Erfahrung ist, dass hochbegabte Kinder unter Gleichgesinnten aufblühen. „Sie kommen in einer Klasse mit 16 Schülern zusammen, die alle Spaß am Lernen haben und sich gegenseitig anstacheln“, sagt Suhr. Das ist im normalen Unterricht oft kaum möglich. Die Klassenbesten in Physik bekommen in einer Regelschule extra Arbeitsblätter oder sollen dem Sitznachbarn Nachhilfe geben. „Häufig sind sie auch sozial isoliert“, sagt Suhr.

Privatschulen gewähren Stipendien

Trotzdem haben Internate in Deutschland nicht den besten Ruf. Zudem schrecken hohe Kosten viele Eltern ab. Für das „plus-MINT“-Programm in Louisenlund zahlt man pro Kind rund 45 000 Euro im Jahr – für die meisten unbezahlbar. Aber Dierk Suhr betont: Bei der Auswahl gehe es nicht um den Geldbeutel der Eltern, sondern um die Leistungsbereitschaft der Kinder. Deshalb gewähren Privatschulen Stipendien. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Bafög zu beantragen. In den beiden Landesschulen in Sachsen und Sachsen-Anhalt sind ein Elternbeitrag von 400 Euro für die Internatskosten und ein Essensbeitrag fällig.

Doch das hält viele Jugendliche offenbar nicht davon ab, ihre Bewerbung einzuschicken. Die meisten kämen inzwischen über soziale Medien, sagt Suhr. Seit zwei Jahren wirbt der Berliner Youtuber Techtastisch für das Programm. „Kinder, die sich am Freitagabend auf Youtube Experimente angucken, sind offensichtlich genau die Richtigen für uns“, sagt Suhr.

Bald können sie hoffentlich überall in Deutschland lernen. Rudolf Lehn schwärmt schon jetzt von einem MINT-Valley in Oberschwaben.

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