Proejkt der Berliner Max-Beckmann-Schule : Das Geheimnis des Hasen- und Entenkopfs

Ein Projekt der Max-Beckmann-Schule in Reinickendorf überträgt Philosophie auf überraschende Weise in den Alltag.

Der alte Meister. Der griechische Philosoph Platon als Statue in Athen.
Der alte Meister. Der griechische Philosoph Platon als Statue in Athen.Foto: A. Vossberg / VISUM

Die Aufgabe war einfach. „Zeichnen Sie links einen Baum und rechts einen Elefanten“, stand auf dem Blatt. Also zeichnete Lena, eine zufällig ausgewählte Frau, einen wirklich schönen Elefanten. Er hatte seine riesigen Flatterohren breit aufgestellt und den Rüssel nach oben gestreckt. Aus dem Rüssel pustete er eine Wasserfontäne. Dann malte die 28-Jährige einen Baum, den Stamm so breit wie der einer alten Eiche, das Blätterwerk bildet eine dichte Krone.

Nun folgte Teil zwei der Aufgabe: „Was macht einen Baum aus?“, „Was macht einen Elefanten aus?“ Diese Fragen sollte Lena auch beantworten. „Große Ohren und Rüssel“ schrieb die 28-Jährige beim Elefanten, „Stamm und Krone“ beim Baum. Typische Charakteristika halt.

40 Teilnehmer am philosophischen Projekt

Lena war nicht die Einzige, die zeichnete und beschrieb. Insgesamt 40 Jungen, Mädchen, Frauen und Männer hatten Lust, an einem philosophischen Projekt der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf teilzunehmen, zufällig ausgewählt in Cafés, Begegnungsstätten oder anderen sozialen Einrichtungen. 40 verschiedene Elefanten, 40 verschiedene Bäume, 40 verschiedene Beschreibungen. Nur fünf Worte tauchten immer auf: große Ohren, Rüssel, Stamm, Krone.

Und damit ist man bei Platon und André Schneider.

Platon, der antike griechische Philosoph, hätte solch ein Ergebnis vor 2400 Jahren so übersetzt: „Egal, wie man einen Elefanten zeichnet, er hat immer große Ohren und einen Rüssel. Niemand weiß, wie der ideale Elefant aussieht, aber einen Rüssel und große Ohren hat er immer. Wir orientieren uns also an der Idee eines Elefanten. Alles, was uns umgibt, kann eine Illusion sein.“

Philosophie soll aus der entrückten Sphäre geholt werden

Im Februar 2020 holt André Schneider im Raum 110 der Max-Beckmann-Oberschule Platons Idee in die Gegenwart. Bei ihm sind Schüler und Schülerinnen der 12. und 13. Klasse, sie alle haben an dem philosophischen Projekt teilgenommen. Es heißt „Allee der Wahrheit“, ist Teil des Unterrichts und soll die Philosophie aus ihren entrückten Dimensionen holen. Philosophie, soll dieses Projekt zeigen, ist Teil des Alltags, ganz einfach. Man muss sich bloß darüber klar werden.

2017 begann das Projekt, drei Jahre lang als Teil des Unterrichts für die 12. und 13. Klassen, seit diesem Schuljahr sind aber auch die neunten Klassen eingebunden.

Schüler befragten auch Leute auf der Straße

Der Ausgangspunkt ist einfach: Schülerinnen und Schüler gehen an öffentliche Treffpunkte oder bleiben gleich auf der Straße und befragen willkürlich Menschen. Diese erhalten verschiedene Aufgaben oder Fragen, die Philosophie mit dem bunten Alltag verbinden. Die Schüler werten die Antworten aus und untersuchen sie auf philosophische Theorien und Erkenntnisse. Zugleich erhalten die Teilnehmer die Gewissheit, dass sie sich quasi ständig mit Fragen der Philosophie beschäftigen, sie wissen es meist bloß nicht.

Zum Beispiel mit dem „naiven Realismus“. Naiver Realismus? „Damit beschreibt ein Laie etwas auf die Weise, wie er es gerade sieht", sagt Schneider. Nur: Das ist oft nur ein Teil der Wahrheit, man muss oft schon genauer hinsehen, wenn man die ganze Realität erkennen will. Deshalb haben die Schülerinnen und Schüler in den sieben Treffpunkten, in denen sie waren, aber auch beim Bäcker oder auf der Straße, einfach Kippbilder gezeigt und gefragt, was jemand gerade sieht.

Kippbilder sind raffinierte Zeichnungen, die zwei Dinge gleichzeitig darstellen. Doch die beiden Motive erkennt man erst, wenn man genau hinschaut. Auf einem Kippbild, das die Schüler zeigten, erkannten 55 Prozent der Befragten auf Anhieb einen Hasenkopf. 45 Prozent erklärten sofort: „Das ist ein Entenkopf.“

Die Motive erkennt man mit konzentriertem Beobachten

Beides stimmt, aber beide Tiere erkennt man erst, wenn man konzentriert und eine Zeitlang hinschaut. Das ist der entscheidende Punkt, jedenfalls aus philosophischer Sicht. „Daraus lässt sich schließen, dass Wahrnehmung subjektiv ist“, sagt Schneider. „Es zeigt den Menschen, dass nicht alles so ist, wie es im ersten Moment erscheint.“

Die Ergebnisse werden aber nicht nur im Philosophieunterricht ausgewertet, sie sind auch öffentlich zu sehen. Bis 27. März präsentieren die Schüler ihre Arbeiten und Resultate an unterschiedlichen Orten rund um die Auguste-Viktoria-Allee, dem Kiez, in dem die Schule liegt. In den Abendstunden werden die Resultate auf eine große Leinwand projiziert.

Innerhalb der Schule, im Raum 110, bewerten die Schülerinnen und Schüler, die am Projekt beteiligt waren, die Arbeit durchaus positiv. Robert zum Beispiel, ein Abiturient mit Bartwuchs am Rande zum Vollbart, sagt: „Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, es war anders als ein normaler Unterricht. Ich habe gelernt, dass es verschiedene Sichtweisen auf etwas gibt. Wenn ich mir zum Beispiel sage: Ich weiß, dass etwas so oder so ist, dann frage ich mich jetzt aber zugleich kritisch: Woher weißt du das eigentlich?“

Diese Frage dürfte auch dem einen oder anderen durch den Kopf gegangen sein, der sich die Kippbilder etwas länger als nur oberflächlich angesehen hatte. „Einige hatten bei den Bildern eine echte Erleuchtung“, sagt Mats, der zu seinen gegelten Haaren ein Sweatshirt mit US-Flagge trägt. „Die hatten erst gedacht, sie sähen einen Hasen, dann erst wird ihnen klar, dass es auch ein Entenkopf sein kann. Das hat sie denn doch erstaunt.“

Andererseits hatte Annika, die junge Frau im schwarzen Parka, solche Reaktionen durchaus erwartet, sie wusste ja, dass zwei Motive auf einmal abgebildet waren: „Keine der Antworten war überraschend“, sagt sie. Na gut, die Aussage: „Das ist ein Adler“, die fiel natürlich schon aus dem Rahmen, aber bitte, die kam von einem Neunjährigen, da ist das noch okay.

Für André Schneider, den Philosophielehrer, kamen ganz andere Sätze nicht überraschend. „Die Schüler haben oft gemeckert, dass das Projekt so zeitaufwendig ist.“ Stimmt ja, lag aber in der Natur der Sache. Die Befragungen fanden nach dem regulären Unterricht statt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar