Die Schüler stellen Möbel um, inszenieren Rollenspiele

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Projektwoche in Hohenschönhausen : Schüler fotografieren im Stasi-Knast
Karolin Steinke

Auf dem Weg von der Trambahn-Haltestelle Genslerstraße befragten sie, das war vorher so verabredet, Passanten nach dem Weg zur Gedenkstätte. Erstaunliches passierte dabei: Manche erklärten freundlich den Weg, andere überhörten die Frage und liefen strammen Schrittes weiter. Einer rief spöttisch: „Ach, Sie wollen zu diesem Lügenkabinett?“ Eine unerwartete Erkenntnis: Offenbar lebt noch eine ganz andere Kategorie von Zeitzeugen in den Wohnblöcken rund um die Gedenkstätte.

Projektleiter Norbert Wiesneth arbeitete zum ersten Mal mit Schülern. Er hat sich auf Workshops und Ausstellungen zu Themen der künstlerischen Fotografie spezialisiert. Parallel zur Schüler-Projektwoche lief eine von Wiesneth kuratierte Ausstellung mit Arbeiten von professionellen Fotokünstlern aus den Hohenschönhauser Hafträumen in der Kommunalen Galerie Berlin am Fehrbelliner Platz. Die Ausstellung „Lost in Interiors“ war Teil des Programms „25 Jahre Mauerfall“, mit dem Berlin in diesem Jahr an die Ereignisse von 1989 erinnert. Da lag es nahe, den Schüler die Arbeiten der Fotografen in der Galerie zu zeigen. Gemeinsam suchten sie imaginäre Linien und Goldene Schnitte in den Bildern. Mit Wiesneth bogen sie aus Büroklammern Handy-Stative und erfuhren, wie man mit Smartphones nicht nur Schnappschuss-Selfies, sondern durchaus anspruchsvolle Bilder machen kann. Auch Herr Faber lernte von seinen – nun sehr wachen – Schülern, mit welchen Anwendungspro­grammen man Bilder überarbeiten und verfremden kann.

Am 4. Tag durften sich die Schüler frei und exklusiv im 3. Stock der ehemaligen Haftanstalt bewegen und fotografieren. Normalerweise ist diese Etage mit ihren Verhörräumen und Haftzellen nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, obwohl ansonsten Fotografieren auf dem Gelände ausdrücklich erwünscht ist.

Foto: Helen Pirlich

Die eigentümliche Stimmung in den Räumen machte auf alle einen starken Eindruck: Herunterhängende Tapeten, eine merkwürdige Luft in den verlassenen Räumen. Charlotte Duckwitz, eine der Schülerinnen, beeindruckte am meisten „dieses staubige, muffige, hässliche DDR-Feeling. Der Geruch wird für immer in meiner Nase steckenbleiben.“ So bedrückend der Ort war, er setzte ein ungeahnte Kreativität bei den Schülern frei. Einige fingen an, die Möbel in den Verhörraumen umzustellen, andere inszenierten aufwendige Täter-Opfer-Rollenspiele in den Räumen, wo früher die Inhaftierten mit perfiden Mitteln ausgefragt wurden. Eine Schülerin setzte ihrer Mitschülerin fürs Bild die „Anonymus“-Maske der Occupy-Bewegung auf, um die „Lächerlichkeit“ der Verhörer zu zeigen. „Dort zu sein, in Hohenschönhausen, an diesem dunklen Ort, mit dem Wissen was dort passiert ist, war ziemlich heftig“, meinte Charlotte, die sich in ihren Fotos auf Licht, Schatten, Muster und Farben konzentrierte.

Im kommenden Januar will Norbert Wiesneth eine vergleichbare Projektwoche mit einer anderen Charlottenburger Schule durchführen, die ihre Klasse vor die Wahl Skiurlaub oder Foto-Projektwoche gestellt hatte. Die Schüler entschieden sich zum Erstaunen der Lehrer für die Projektwoche.

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