Tipps für die Ferien in Berlin : „Schach ist eine boomende Trendsportart“

Noch zwei Wochen Ferien und kein Plan? Die ganze Familie könnte ins Spiel der Könige eintauchen. Experten geben den Tagesspiegel-Lesern Tipps.

Janne (8) und Tahar (9) lernen Schach. Die Andersen-Grundschule im Soldiner Kiez setzt seit zehn Jahren auf die Förderung.
Janne (8) und Tahar (9) lernen Schach. Die Andersen-Grundschule im Soldiner Kiez setzt seit zehn Jahren auf die Förderung.Foto: Annette Riedl/dpa/ZB/picture alliance

Okay. Das Wetter ist gut, die Seen locken, grillen kann man auch. Aber nicht zwölf Stunden am Stück: Wer jetzt noch einen Plan für die Zeit bis zum Schulbeginn am 5. August braucht und den Reiseteil des Urlaubs schon hinter sich hat, könnte rasch und unkompliziert einen kleinen Bildungsurlaub dranhängen. Was man dazu braucht: ein Schachspiel, ein Buch, vielleicht noch eine gute App und beliebig viel oder wenig Zeit.

Es geht hier um nicht mehr und nicht weniger als um die Aneignung eines Kulturgutes, das zugleich Denkschule und genialer Zeitvertreib ist, das vor Urzeiten in Indien entstand und irgendwann von Persien aus den größten Teil der Erde bereicherte – und gerade dabei ist, mehr und mehr Berliner Schulen und Kitas zu erobern. Denn: „Schachlernen ist so, als wenn man ins Gehirn Treibstoff reingießt“, sagt Harald Fietz.

Fietz gehört seit einigen Jahren zu den Förderern des Berliner Schulschachs und ist Mitinitiator zahlreicher Schachkooperationen, wobei er scheinbar mühelos die Grenzen zwischen freien und öffentlichen Schulen, zwischen Schulen und Kitas überspringt. Was ihn antreibt: die schiere Überzeugung, dass Schach die Menschen voranbringt.

Und damit kann es eigentlich gar nicht zeitig genug losgehen: „Je früher, desto besser“, sagt Fietz – und meint das auch so. Wo steht schließlich geschrieben, dass ein Kleinkind nur mit Holzfiguren hantieren soll, die Pferd, Schwein, Elefant oder Hund darstellen? Stattdessen könnten es auch ja Pferd, Bauer, Turm oder König sein, und im zarten Alter von 1,5 Jahren wäre es theoretisch denkbar, dass ein Kind die Figuren in der richtigen Anordnung aufs Schachbrett bringt. Und dann?

Ideales Einstiegsalter: 4,5 Jahre

„Wenn ein Kind auf Schach anspringt, kann es schon mit zweieinhalb Jahren Minispiele spielen, zum Beispiel ,Bauer gegen Bauer‘“, berichtet Fietz. Und wann kann man „richtig“ anfangen? „Mit viereinhalb Jahren ist es ideal“, sagt der Schachtrainer. Natürlich erleichtert es die Sache, wenn Vater, Mutter, Oma oder Patenonkel schon Schach können und es den jüngeren Familienmitgliedern quasi nebenbei vermitteln.

Aber die gemeinsamen Ferien wären jetzt ebenso eine gute Gelegenheit, sich das Spiel der persischen Könige und mittelalterlichen Ritter zusammen anzueignen. Zum Einstieg könnte man zum Beispiel ein Buch befragen (s. Infokasten), um dann mit der App weitere Züge und Techniken zu erlernen. Ruckzuck hätte man seine ersten „Schachferien“ kreiert.

Das mag eigenartig klingen, passt aber zum Zeitgeschmack: „Schach ist eine boomende Trendsportart“, lautet die Einschätzung von Olaf Sill, dem Jugendwart des Berliner Schachverbandes. Im Kinder- und Jugendbereich habe sich seit dem Jahr 2000 in Berlin die Zahl der aktiven Spieler in wenigen Jahren von 300 auf rund 700 mehr als verdoppelt. Allein auf der Webseite des Berliner Schachverbands sind über 50 Vereine mit so schönen Namen wie „Weiße Dame“, „Eckturm“ oder „Zugzwang“ aufgelistet.

Immer mehr Schulen haben Interesse

Längst ist diese Bewegung in der Schule angekommen. Zu den traditionellen Schachschulen – meist Gymnasien – kommen immer neue hinzu, die für sich dieses Profil entdecken, das mehrere Vorteile verbindet: Es ist preiswert, man kann es überall spielen und es ist in vielen Kulturkreisen anerkannt. „Ich bekomme sehr viele Anfragen von Grundschulen, die sich eine Schulschach-AG wünschen“, berichtet Sill.

Allerdings seien die Trainer bereits „maximal ausgelastet“. Helfen könnte, meint er, die Senatsverwaltung für Bildung: „Wenn wir das Fach Schach flächendeckend in den Grundschulen einführen könnten – etwa in Klasse eins und zwei –, wären alle Schülern versorgt, und es würde vielen – auch Leistungsschwächeren – in der Schule helfen“, sagt Sill, der Lehrer am Friedrichshainer Andreas-Gymnasium ist, mit Hinweis auf entsprechende Studien. Für das Unterrichtsfach könnten die Lehrer entsprechend weitergebildet werden.

Hamburg und Bremen sind weiter

Die positive Wirkung des Schachs spricht sich herum: Bremen hat Schach gerade als Pflichtfach an 70 Schulen für die Erst- und Zweitklässler eingeführt, berichtet Sill, und in Hamburg sei die Abdeckung mit dem Wahlpflichtfach Schach an Grundschulen größer als in Berlin, das als der größte Stadtstaat bei der Schachförderung „massiv hinterherhängt“, bedauert er und fragt: „Was könnte besser bei der Integration helfen als Schach – eine Sprache, die überall gesprochen wird?!“

Ähnlich sieht es auch Fietz. Als sich dieses Jahr seine Soldiner-Kiez-Schüler in die Ferien verabschiedeten, gab es etliche, die nicht nur ihr Zeugnis mit nach Hause nahmen, sondern die auch Hefte mit Schachaufgaben im Gepäck hatten – damit sie ordentlich was zum Knobeln haben und gut vorbereitet sind, wenn in zwei Wochen die Schule beginnt.

An immer mehr Schulen gehört Schach ganz selbstverständlich dazu. Bremen und Hamburg sind Berlin in dieser Entwicklung allerdings voraus.
An immer mehr Schulen gehört Schach ganz selbstverständlich dazu. Bremen und Hamburg sind Berlin in dieser Entwicklung allerdings...Foto: Susanne Vieth-Entus

Wie ansteckend die Erfolgsgeschichten von Schachschulen sind, zeigt das Beispiel der Andersen-Schule, die in Wedding an der Grenze zu Pankow liegt. Die Grundschule hat schon vor rund zehn Jahren damit angefangen, Mittel aus dem Bundes- und Landesprogramm „Soziale Stadt“ in eine Schach-AG zu stecken.

Es gab damals im benachbarten Soldiner Kiez bereits drei Schulschachprojekte, wobei die Andersen-Grundschule ab 2015 sogar so weit ging, ihr Schulprofil auf Schach auszurichten und den Schwerpunkt zusätzlich mit Geldern aus dem Bonusprogramm für Brennpunktschulen zu stärken: eine ideale Voraussetzung, um an das Begabtenförderprogramm der Bildungsverwaltung („Bega“) anzudocken, das seit 2019 weitere 35 000 Euro in den Schulhaushalt spült.

Ziemlich einzigartig ist diese Entwicklung – und so wirkungsvoll, dass Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) der Schule im Mai einen Besuch abstattete, um ihr neues „Bega“-Programm vorzustellen. Insgesamt 26 Schulen profitieren von der Million Euro, die Scheeres für inklusive Begabungsförderung in ihrem Haushalt verankern konnte.

Vorreiter im Wedding

Was das Programm der Andersen-Schule so besonders macht, ist der flächendeckende Ansatz: Alle Erst- und Zweitklässler lernen verpflichtend Schach, und die Besten machen dann weiter – nicht nur in Klasse drei bis sechs, sondern im Idealfall auch in einer der weiterführenden Schulen, die Schach im Programm haben wie das Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Pankow. Fietz spricht von einem „organisatorischen und schülergenerationsmäßigen Auf- und Unterbau“.

Das ist aber noch lange nicht alles. Es geht immer weiter: Gerade erst wurde aus Geldern des Programms „Soziale Stadt“ das Projekt Schach-Campus Soldiner Kiez bewilligt, das von Juli 2019 bis Ende 2021 laufen soll und neue Schachkurse für die Wilhelm-Hauf-Grundschule, die freie Quinoa-Schule und zwei Kitas umfassen wird. Ebenfalls im Programm enthalten ist die Entwicklung von Schach-Curricula für eine neue Kombination von digitalen und analogen Lernmitteln und Lernmethoden.

Außerdem wird die Andersen-Schule auf Grundlage ihres Schachprofils eine neuartige internationale Kooperation eingehen: Mittels digitaler Medien soll mit Schulen in Vilnius, Breslau, Budapest, Wien und Istanbul gespielt werden – „als Vorstufe zu einem möglichen Erasmus-Projekt ab 2022“, erläutert Fietz – mit Online-Wettkämpfen und Online-Lernen über Ländergrenzen hinweg, lautet der Plan. Aber auch außerhalb von Wedding geht es voran. Es steht bereits fest, dass es Ferien-Schachcamps als gemeinsame Aktivität aller Schachschulen geben soll – und zwar inklusive eines Eltern-Kind-Moduls.

Womit man wieder beim Ausgangspunkt wäre – den letzten zwei kostbaren Ferienwochen und der Chance, hier und heute gemeinsam mit den Kindern um den Tisch zu sitzen und Zug um Zug die hölzernen oder steinernen Bewohner auf ihren 64 Feldern kennenzulernen.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen