Schwedisches Stadtleben : Bullerbü in Berlin

Bei der WM sind sie Konkurrenten, ansonsten muss man die Schweden einfach lieben: dank Süßkram, Möbelhäusern und einer historischen Begebenheit.

Claudia Kleine
Daniel Lippert hat in Schweden gelebt und betreibt mit seiner Partnerin die zwei Läden von „Herr Nilsson Godis“.
Daniel Lippert hat in Schweden gelebt und betreibt mit seiner Partnerin die zwei Läden von „Herr Nilsson Godis“.Foto: Claudia Kleine

Wenn am Samstagabend Deutschland gegen Schweden antritt, werden viele der schwedischen Fans das Spiel vermutlich in etwas ermüdetem Zustand verfolgen. Immerhin ist auch Mittsommertag, eines der größten Feste in der schwedischen Kultur, und dem geht traditionell der Mittsommerabend voraus, an dem ebenfalls schon kräftig gefeiert wird.

Schweden und Schwedenfreunde sind am Freitagabend um den Maibaum getanzt, zum Beispiel beim Midsommar Festival im Urban Spree in Friedrichshain und in der schwedischen Kirchengemeinde in Wilmersdorf. Schließlich ist Berlin schwedisch geprägt – und damit sind nicht nur Regale voller Astrid-Lindgren-Bücher in Kinderzimmern gemeint.

Knapp 4200 Schweden haben ihren Hauptwohnsitz in Berlin und rund vierzigmal so viele sind im vergangenen Jahr als Besucher in die Hauptstadt gekommen, nämlich etwa 161.400. Und da sind Austauschstudenten noch gar nicht eingerechnet.

Zu der schwedischen Kirche in der Wilmersdorfer Landhausstraße gehören sogar eine schwedische Kita und eine schwedische Auslandsschule für Kinder der 1. bis 6. Klasse. Das Café im Eingangsbereich des Gebäudekomplexes bietet eine Anlaufstelle für Schweden aus ganz Berlin, hier finden sie immer jemanden, mit dem sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten können. Natürlich ist es im typisch schwedischen Design mit weißen Holzmöbeln und blauen Sofas eingerichtet. Auf dem Regal stehen rote Dalapferde, kleine Holzfiguren, die für Schweden stehen wie der Bär für Berlin.

Anlaufstelle für Schweden aus ganz Berlin

Auf einem der weißen Stühle sitzt Karin Rydén Thomas. Sie ist Schwedin, wohnt seit einigen Jahren in Berlin, ist mit einem Deutschen verheiratet und bei der Victoriagemeinde für die Kommunikation zuständig. Die Kirche spielt auch eine entscheidende Rolle in der Berliner Geschichte, erzählt sie. „Viele ältere Berliner haben die Gemeinde noch in Erinnerung, weil sie Juden und anderen Verfolgten im Zweiten Weltkrieg falsche Papiere ausstellte, um ihnen eine Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen.“

Einigen Verfolgten sei so tatsächlich die Flucht gelungen. Als die Gemeinde in den 50er Jahren zugemacht werden sollte, weil es kaum mehr Schweden in Berlin gab, habe es deshalb einen Aufstand der Anwohner gegeben. So kam es, dass die Gemeinde bis heute existiert.

„Aktuell haben wir etwa 600 Mitglieder“, sagt Karin Rydén Thomas. Sie hält die schwedische Kirche in Berlin für eine wichtige Institution. „Hier kommen auch Leute hin, die in der Heimat vielleicht nicht in die Kirche gehen“, sagt sie. Dabei gehe es natürlich nicht nur um Gott, sondern auch um Probleme im Alltag. „Es ist oft einfacher, erst einmal zu uns zu kommen und bei Kaffee und einer Zimtschnecke das erste Mal nach langer Zeit Schwedisch zu sprechen, als mit seinem Anliegen in die Botschaft zu gehen“, sagt sie.

Was Schweden in Deutschland schwerfalle, sei zum Beispiel die Steuererklärung. „Bei so etwas erwarten wir Schweden mehr Service vom Staat“, erklärt Karin Rydén Thomas. In ihrer Heimat müsse niemand bergeweise Formulare ausfüllen, sondern könne die Steuererklärung einfach per SMS bestätigen. „Man kann natürlich noch zusätzlich etwas eintragen, muss man aber nicht“, sagt sie. Ganz anders sei auch der Umgang im Alltag, in Behörden oder beim Arzt. „Es gibt kein Siezen im Schwedischen, nur für den König. Man wird überall mit Vornamen angesprochen.“ Die Hierarchie, die durch die deutsche Sprache entstehe, sei deshalb für Schweden ungewohnt.

Die Schwedische Kirche ist nicht der einzige Ort, der Schweden dabei hilft, sich in der deutschen Hauptstadt heimisch zu fühlen: Im Café Stockholm in der Kollwitzstraße 47 in Prenzlauer Berg oder im Okay Café in der Neuköllner Pflügerstraße 68 gibt es die Möglichkeit zum „Fika“, also zum gemütlichen Kaffeetrinken, in skandinavischem Ambiente.

Köttbullar im Möbelhaus-Bistro

Und überhaupt lässt sich fast in jeder Wohnung zwischen Spandau und Köpenick ein Stück Schweden finden. Ob Küchenmöbel, Bücherregal oder Badezimmerspiegel: Dank der vier großen Ikea-Filialen im Großraum Berlin hat so gut wie jeder ein Stück schwedisches Design zu Hause.

Für viele Schweden, die hier leben, sind die Lebensmittelshops im Ausgangsbereich der Möbelhauskette wichtiger als die Möglichkeit, sich in der Wahlheimat genauso einzurichten wie in Stockholm, Göteborg oder Malmö. „Ikea ist für mich fast wie ein Supermarkt“, sagt Karin Rydén Thomas. Denn auf manche schwedische Produkte möchte sie einfach nicht verzichten, wie zum Beispiel schwedischen Hering mit Dill oder Kaviar. Gelegentlich isst Rydén Thomas mit der ganzen Familie Köttbullar im Möbelhaus-Bistro – darauf können sich Schweden und Berliner offenbar einigen. Der Unterschied zeigt sich dann bei der Bestellung. Die Schweden wissen: „Das K ist ein weiches K, es wird deshalb Schöttbullar ausgesprochen.“ Hoffentlich versteht das auch der Berliner Kantinenmitarbeiter.

Wenn es um Süßigkeiten aus dem hohen Norden geht, hat Karin Rydén Thomas einen anderen Lieblingsort: Den Laden „Herr Nilsson Godis“. Den gibt es gleich zweimal in Berlin: in Friedrichshain (Wühlischstraße 58) und in Prenzlauer Berg (Stargarder Straße 58). Er gehört der Schwedin Kajsa Molin und ihrem deutschen Partner Daniel Lippert, der mehrere Jahre in Schweden gelebt hat und sich mit „Godis“ – Schwedisch für „Süßigkeiten“ – bestens auskennt.

„Das wichtigste für Schweden ist der Kontrast zwischen süß und salzig“, sagt er. Deshalb seien schwedische Lakritze eben häufig nicht mit Zucker ummantelt, wie es bei italienischen Lakritzen üblich ist, sondern mit Salmiak, erklärt Lippert. Er greift in eine Box, auf der „Saltade Bläckfiskar“, also „Gesalzene Tintenfische“, steht. Weich sind die Lakritztierchen und schmecken extrem salzig. Im Laden gibt es außerdem essbare „Bildäck“, das bedeutet „Autoreifen“, kandierte Hexenheuler, salzig-saure Kryptoniten, weiße Krokodilstränen und süße Laserstrahlen.

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Allein schon die Namen, die immer auf Deutsch und auf Schwedisch angegeben sind, machen Lust aufs Probieren. „Und so kann man gleich ein bisschen Fremdsprachen lernen“, sagt Daniel Lippert. Die Lakritze und Gummitierchen sind das Herzstück des Ladens. Marabou-Schokolade, die sich viele aus dem Schwedenurlaub mitbringen, gibt es auch. Was für Berliner Gaumen besonders ungewohnt ist? Daniel Lippert weiß es: Schokolade mit Lakritzfüllung. So schmeckt Schweden, mitten in Berlin.

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