Streit mit Polizei : "Fusion"-Festival steht auf der Kippe

Das bei Berlinern beliebte Event könnte abgesagt werden. Sicherheitsbehörden fordern Zugang zum Gelände, die Veranstalter lehnen das ab.

Seit 22 Jahren wird auf einem ehemaligen Flugplatz bei Lärz gefeiert - bislang ohne Beamte.
Seit 22 Jahren wird auf einem ehemaligen Flugplatz bei Lärz gefeiert - bislang ohne Beamte.Foto: imago images/Frank Brexel

Es ist eines der bekanntesten deutschen Musikfestivals, zieht jährlich um die 70.000 Besucher an, viele davon aus Berlin: Nun steht die Zukunft der „Fusion“ im mecklenburgischen Lärz auf der Kippe. In der vergangenen Woche wurde der Streit mit der Polizei um das Sicherheitskonzept vom Veranstalter, dem Verein Kulturkosmos, öffentlich gemacht. Seit 22 Jahren findet das vor allem in der linksalternativen Szene beliebte Festival gut zwei Stunden Autofahrt nördlich von Berlin auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz statt – in diesem Jahr laut Plan vom 26. bis 30. Juni. Für die Pressekonferenz zur aktuellen Situation hatte das Kulturkosmos-Team am Mittwoch aber ins Maxim-Gorki-Theater eingeladen.

Das Polizeipräsidium in Neubrandenburg, auch zuständig für die Gemeinde Lärz, hatte eine Änderung im Sicherheitskonzept verlangt. Dieses ist so in ähnlicher Form bereits in den Vorjahren eingereicht worden, entgegnen die Festivalleute. Bislang habe es nie große Beanstandungen gegeben. Die Einwände von Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch seien überraschend gekommen, sagte Kulturkosmos-Vertreter Martin Eulenhaupt nun. Demnach wolle Hoffmann-Ritterbusch eine permanente Polizeipräsenz auf dem Festivalgelände – was gleichzeitig die Befugnis bedeute, anlasslos Kontrollen von Festivalbesuchern durchführen zu können, unter denen die Polizei viele gewaltbereite Personen vermutet.

Polizei kritisiert auch zu schmale Fluchtwege

Für die Veranstalter ist diese Forderung nicht hinnehmbar. Sie wurde deswegen nicht in das Sicherheitskonzept einbezogen, woraufhin die Genehmigung durch das Ordnungsamt verweigert wurde. Auch weil ein paar weitere Dinge durch die Polizei bemängelt wurden: Zu schmale Fluchtwege und keine ausreichende Beleuchtung der Notausgänge zum Beispiel. Nichts, was nicht rasch lösbar sei, versicherten die Kulturkosmos-Leute.

Beim Thema Polizeipräsenz auf dem Gelände wollen sie jedoch auf ihrem Standpunkt beharren. Bislang war bei der „Fusion“ die Polizei außerhalb des Festivalgeländes stationiert und führte dort auch Drogen- und Alkoholkontrollen unter Autofahrern durch. Dass Beamte nun auch auf dem Areal mit seinen Flughangars, Bühnen und dem Campingbereich patrouillieren könnten, mag sich Martin Eulenhaupt nicht vorstellen. Kleinere Probleme könne man leicht selber lösen und im Notfall spreche nichts dagegen, die Polizei zu holen. Es verhalte sich wie mit dem Zugang zu Geldautomaten auf dem Festival: „Der befindet sich auch nicht mitten auf dem Gelände, sondern man muss zehn Minuten gehen, um ihn zu erreichen.“ Er habe der Polizei alternative Standorte für die Polizeistation außerhalb des Geländes vorgeschlagen, doch Hoffmann-Ritterbusch habe sich „keinen Millimeter“ auf ihn zubewegt.

Fast 100.000 Unterschriften für Petition

Die „Fusion“ versteht sich als nicht-kommerzielle Veranstaltung und als dezidiert linksorientiertes Kulturprojekt. Sie sei deswegen nicht mit den meisten anderen Festivals vergleichbar, wo die Präsenz der Polizei auf dem Gelände als ganz normal angesehen wird. Tatsächlich sind bewaffnete Beamte etwa auch auf dem Berliner Lollapalooza unterwegs, das ebenfalls 70.000 Besucher zählt. In der Vergangenheit registrierten die Beamten dort vor Ort vor allem Drogendelikte, Diebstahl und Körperverletzung, wobei die Fallzahlen gemessen an der Größe des Events überschaubar blieben.

Gemäß dem offiziellen Motto verspricht die Fusion ihren Besuchern „vier Tage Ferienkommunismus“ und eine „Parallelgesellschaft mit Musik, Theater und Performance und Kino bis hin zu Installation, Interaktion und Kommunikation“. Genau bei letzterer gibt es nun Probleme mit der Polizei.

Viele Besucher fürchten, dass das Festival in diesem Jahr abgesagt werden könnte und vielleicht nie wieder stattfindet. Offenbar zu Recht: Sollte die Polizei nicht einlenken, wolle man auf dem Rechtsweg streiten – und zwar „durch alle Instanzen“, erklärte Eulenhaupt. Ist der Verein nicht erfolgreich sein, falle die Fusion aus – obwohl bereits alle Tickets verkauft wurden. Eine weitere „Fusion“ werde es dann nicht mehr geben. Für Eulenhaupt ist klar: „Die Mehrheit der Besucher will nicht gemeinsam mit der Polizei feiern.“

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Eine kurzfristig gestartete Online-Petition des Vereins Kulturkosmos gegen die Forderungen der Polizei haben bis Mittwochabend bereits mehr 97.000 Personen unterschrieben. Nächste Woche wollen Verein und Polizei wieder verhandeln.

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